Der Stammbaum des Lebens über 3,5 Milliarden Jahre

Von Barbara Reye . Aktualisiert am 03.09.2009
Dass alle Lebewesen die gleichen Vorfahren haben, wusste schon Charles Darwin. Zu seinem 200. Geburtstag veranstalten die Uni Zürich und die ETH eine Zeitreise durch die Evolution.

Auf einmal kam Leben auf unseren Planeten. Scheinbar aus dem Nichts tauchten vor rund 3,5 Milliarden Jahren die ersten bakterienähnlichen Meeresbewohner auf. «Ihr fossiles organisches Material ist der bisher älteste Beleg für Leben», sagt der Paläontologe Heinz Furrer von der Universität Zürich. Erst viel später, kurz vor Beginn des Kambriums, entwickelten sich unzählige mehrzellige Lebewesen und auch die ersten Vertreter der heutigen Tierstämme. Ein weiterer wichtiger Schritt der Evolution habe auch im Devon stattgefunden, als der Lurch Ichthyostega das Wasser verliess und an Land ging.

Auf den verschlungenen Pfaden der Evolution sind durch die Jahrmillionen fantastische Geschöpfe entstanden. Und jedes ist auf seine Art ganz besonders – wie etwa der gepanzerte Trilobit, der herzförmige Seeigel, der gefürchtete Tyrannosaurus rex oder der filigrane Delfin. «Man glaubt es kaum, aber alle Lebewesen haben gemeinsame Vorfahren», sagt Heinz Furrer. Der britische Naturforscher Charles Darwin hat dies bereits vor 150 Jahren postuliert und einen Baum des Lebens skizziert, dessen Zweige eine gemeinsame Wurzel haben, die nach heutigen Erkenntnissen beinahe vier Milliarden Jahre zurückreicht.

Auf Darwins Spuren

Wie viele Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen es in diesem verzweigten Baum des Lebens gibt, weiss bis heute immer noch niemand genau. «Schätzungen gehen von rund zehn Millionen Organismen aus», sagt der Zoologe Ulrich Reyer von der Universität Zürich, der zusammen mit seinem Kollegen Paul Schmid-Hempel von der ETH Zürich in einem grossen Team die heutige Ausstellung zum Darwin-Jubiläum in der Halle des Hauptbahnhofs Zürich organisiert hat.

Auf der Erde gab es in den verschiedenen Zeitaltern zum Teil extreme Bedingungen für Lebewesen. So spuckten Vulkane Feuer, Eiszeiten herrschten, und Kontinente drifteten. Dies führte zu einem ständigen Wandel, in dem neue Arten entstanden und andere ausstarben. Das Verschwinden der Dinosaurier, Flugsaurier und Meeressaurier vor 65 Millionen Jahren war das letzte grosse Massenaussterben. «Dadurch haben andere Gruppen profitiert, die zuvor im Schatten der Riesen ihr Dasein fristeten», sagt Heinz Furrer. Insbesondere Säugetiere auf dem Land und im Wasser oder Vögel in der Luft.

Zähne des Archaeopteryx

Doch wie lässt sich im verzweigten Baum des Lebens erklären, wer überhaupt mit wem verwandt ist – etwa Vögel und Dinosaurier? Um dieses Rätsel zu lösen, suchen Forscher nach charakteristischen gemeinsamen Merkmalen. Zum Beispiel hat das Skelett des ausgestorbenen Urvogels Archaeopteryx Zähne und eine lange Schwanzwirbelsäule wie ein Saurier, während sein fossil erhaltenes Federkleid ein typisches Kennzeichen der Vögel ist.

Des Weiteren kann neben den wichtigen paläontologischen und genetischen Untersuchungen auch die Embryonalentwicklung auf eine gemeinsame Abstammung deuten. «Der menschliche Embryo ähnelt zunächst einer Fischlarve, später einem Reptilienembryo und danach dem Embryo anderer Säugetierarten», erklärt Ulrich Reyer. Dies weise auf eine Verwandtschaft aller Wirbeltiere hin.

Erfolgreichstes Lebewesen

Der gewaltige Stammbaum des Lebens macht deutlich, dass auch der Mensch nur auf einer Spitze eines Astes sitzt. Noch nie sei ein Lebewesen so erfolgreich gewesen und habe den Planeten mit all seinem Schaffen so beherrscht, gleichzeitig sich aber auch selbst mit Atomwaffen, Umweltverschmutzung oder zusätzlichem Treibhauseffekt stark gefährdet, betont Heinz Furrer. Er hoffe, dass der Mensch in Zukunft gescheit genug sei, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Denn die Geschichte der Evolution zeige, dass keine Art eine zweite Chance bekomme.

Baum des Lebens: Vielfalt und Einheit. Ausstellung zum Darwin-Jahr 2009 in der Halle des Hauptbahnhofs Zürich vom 4. bis 6. September, mit vielen Exponaten, Videos, Vorführungen, lebendigen Tieren oder auch Dinosaurierskeletten. Eintritt frei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2009, 04:00 Uhr

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