Die Jäger des versunkenen Dorfs

Von Urs Fitze . Aktualisiert am 11.03.2010
Der Unterwasser-Archäologe Ulrich Ruoff hat bei seinen Grabungen auf dem Grund des Zürichsees entdeckt, wie die Pfahlbauer lebten.
Ausgrabungsfeld auf dem Seegrund: Das Gestell über dem Taucher dient der Vermessung der Funde. PD

«Unser grösstes Problem war der Schlamm. Man brauchte nur ein wenig am Seegrund zu wühlen, und schon fand man sich in einer Unterwasserwolke wieder.» Unterwasserarchäologie war in den 60er-Jahren noch ein unbeackertes Feld, vor allem im Süsswasser. Ulrich Ruoff, als junger Archäologe wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Denkmalpflege der Stadt Zürich, wollte anfänglich nicht so recht glauben, was Hobbytaucher von ihren Unterwassererkundungen aus dem Zürcher Seebecken berichteten: Pfähle fänden sich zuhauf, auch Scherben, Töpfe und Schmuckgegenstände.

Die Taucher luden Ruoff ein, es doch einmal selbst zu versuchen. Er willigte ein – und entdeckte eine vor Jahrtausenden untergegangene Welt, deren Spuren sich im feuchten Milieu bestens erhalten hatten. Zu Beginn sei er enttäuscht gewesen, erinnert sich Ruoff: «Ich habe kaum etwas gesehen, während meine Kollegen Fund um Fund sichteten.»

Pfahlbauer-Siedlung entdeckt

Der Weg zu den bedeutenden Funden im Zürcher Seebecken führte über eine technische Innovation, die es erlaubte, nicht einfach herumzuwühlen und auf Zufallsfunde zu hoffen, sondern mit Systematik den Seeboden abzusuchen. Bis dahin hatten Unterwasserarchäologen vor allem im Meer Schiffswracks untersucht. Dabei wurde mit einem Saugbagger der sandige Boden abgetragen. Im Süsswasser funktioniert diese Technik jedoch nicht. Am meisten zu schaffen macht Seekreide, die sich bei der geringsten Berührung als feiner Staub im Wasser verteilt.

«Wir haben einiges ausprobiert», erinnert sich Ruoff. Die Lösung bot schliesslich ein mit kleinen Löchern ausgestattetes Rohr, durch das Wasser mit hohem Druck gepresst wurde. Damit liessen sich die aufgewirbelten Sedimente in eine gewünschte Richtung lenken – und eine Seite blieb frei zum Arbeiten. Es war ein Durchbruch.

Kälte als Hindernis

Doch es gab noch ein weiteres Hindernis zu überwinden: die grosse Kälte. Unterwassergrabungen waren damals, als sommers im überdüngten See die Algen blühten, nur im Winter möglich. Bei Wassertemperaturen, die kaum über dem Gefrierpunkt lagen, konnten die Archäologen mit den damaligen Anzügen deshalb nur kurze Zeit arbeiten. Erst die Entwicklung von wasserdichten Froschtaucheranzügen für die Offshore-Ölindustrie machte systematisches Arbeiten möglich.

Jetzt ging es richtig los. Methodisch sei das Arbeiten unter Wasser nicht anders als an Land, sagt Ruoff. «Wir legen Schicht um Schicht frei, jeder Fund wird auf einem Plan dokumentiert.» Die Unterwasserarchäologen entdeckten die Spuren einer untergegangenen, schriftlosen Gesellschaft, die mit Unterbrüchen während mehrerer Jahrtausende von der Jungsteinzeit bis in die Bronzezeit (4500 bis 850 v. Chr.) am Ufer des Zürichsees gesiedelt hatte. Die Pfahlbausiedlungen gehören heute zu den bestuntersuchten neolithischen Siedlungen der Welt.

Weltkulturerbe unter Wasser

«Wir können die Zeitachse über viele Jahrhunderte sehr genau rekonstruieren. Und wir wissen, was die Menschen gegessen haben oder welche Kleidung sie trugen», erzählt Ruoff. Dieses Wissen wäre ohne die Arbeit der Unterwasserarchäologen nie so weit gediehen. Den Taucheranzug hat der bald 70-Jährige, der in seiner Karriere neben der Unterwasserarchäologie auch die Dendrochronologie, die Datierung von Jahrringen bei Bäumen, zu neuen Ufern führte, inzwischen an den Nagel gehängt.

Die Stadtarchäologie Zürich, die als eine der ganz wenigen Fachstellen Europas eine eigene vollamtliche Tauchequipe für Unterwassergrabungen betreibt, beantragt zusammen mit weiteren Seeufersiedlungen im ganzen Alpenraum die Anerkennung ihres kulturhistorischen Erbes unter Wasser als Weltkulturerbe der Unesco. Ulrich Ruoff hat die höchsten Weihen als Wissenschaftler schon erhalten: Als erster Schweizer erhielt er den europäischen Preis für das archäologische Erbe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2010, 04:00 Uhr

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