Die Polizei erwischte den 22-Jährigen, nachdem er sich gewaltsam Eintritt in die Wohnung seiner Nachbarin verschafft und begonnen hatte, mit seinen Siebensachen dort einzuziehen. Bereits seit Monaten stalkte er die 28-jährige Nachbarin. Er freilich sah das anders: Sie sei seine Verlobte und beide wollten bald für immer zusammenleben, erklärte er den Polizisten. Jetzt sass er im Kittchen und wartete auf seinen Prozess.
Dort bekamen die Verantwortlichen Zweifel an seiner geistigen Verfassung. Sie schickten ihn zur medizinischen Abklärung. Die Nachbarin und er seien spirituell wie durch einen Zaubertrank verbunden, erzählte der junge Mann im Spital. Davon war er überzeugt, umso mehr, als er in scheinbar unbedeutenden Handlungen und Gesten der Frau unumstössliche Beweise ihrer Zuneigung erkannt zu haben glaubte. Gelegentlich war er unruhig, beugte seine Muskeln oder nahm bestimmte Posen ein. Seine Stimme war manchmal laut und klang gepresst.
Auch meinte er, dass andere Menschen seine Gedanken lesen könnten. Er hatte versucht, die Gedankenleser in flagranti zu ertappen, indem er unvermittelt seinen Gedankengang wechselte. Sein Sprachgedächtnis war beeinträchtigt, er beschrieb bizarre Träume und Déjà-vu-Erlebnisse. Der 22-Jährige schien dies alles für normal zu halten. Er betrachtete sich selbst als gesund. Die Ärzte hingegen stuften seine Symptome als «paranoide Psychose» ein.
Krampfanfälle
Zudem litt der Mann seit fünf Jahren an einer Epilepsie, die medikamentös behandelt wurde. Bisher hatte er alle drei bis vier Monate einen Krampfanfall gehabt; in den Monaten vor dem Einbruch waren die Anfälle jedoch häufiger vorgekommen, etwa alle zwei Wochen. Gegen seine Psychose bekam er ein entsprechendes Medikament. Daraufhin wurde aber alles nur noch schlimmer.
Mit der Auflage, eine Therapie zu machen, verurteilten ihn die Richter und er kam erneut ins Spital. Eventuell, dachten die Ärzte, litt der Verurteilte an einer sogenannten Temporallappen-Epilepsie. Diese geht vom Schläfenlappen des Gehirns aus; es ist die häufigste Epilepsieform bei Erwachsenen. Dabei kann es zu Déjà-vu-Erlebnissen, Halluzinationen oder zu stereotypen Bewegungen kommen. Manchmal sind die Anfälle mit Sprachstörungen oder psychischen Störungen verbunden, denn der Schläfenlappen spielt eine Rolle bei der Entstehung von Gefühlen und dem Deuten von Erlebnissen. Ursache solcher Epilepsien kann in seltenen Fällen ein Hirntumor sein.
Es ist kein Tumor
Um sicherzugehen, schickten die Ärzte den Mann in den Kernspintomografen – das war sein Glück. Der Stalker hatte keinen Tumor, aber eine angeborene, grosse Gefässfehlbildung im linken Schläfenlappen. Eine Arterie und eine Vene waren dort – ohne den Weg über die feinen Kapillaren zu nehmen – «kurzgeschlossen» und drückten auf das Hirn. Solche arteriovenösen Fehlbildungen können Beschwerden wie epileptische Anfälle, Kopfschmerzen oder auch Blutungen verursachen.
Nachdem der 22-Jährige passende Antiepileptika erhalten hatte, löste sich seine Psychose in Luft auf, weitere Anfälle blieben aus. Die Gefässfehlbildung wurde verödet, und der vermeintliche Verbrecher zeigte keine Neigung zum Stalking mehr.
Quellen: -F. R. Farnham et al., »Pathology of love«. The Lancet 1997, Bd. 350, S. 71
-Information der Schweizerischen Epilepsie-Stiftung, Dr. med. Günter Krämer, Medizinischer Direktor des Schweizerischen Epilepsie-Zentrums Zürich: epi info. Was ist eine Temporallappenepilepsie?; f am 6. 9. 2009
-Pers. Mitteilung Professor Hans-Peter Ludin, Humaine Klinik Zihlschlacht, Zihlschacht
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )