Ein Zahnstocher auf Wanderschaft

Von Martina Frei . Aktualisiert am 19.03.2010
Bauchschmerzen, Fieber und fünf Kilogramm Gewichtsverlust: Monatelang rätselten die Ärzte, woran ihr 60-jähriger Patient litt - bis sie einen überraschende Entdeckung machten.

Die Ärzte standen vor einem Rätsel, und das schon seit Monaten. Ihr 60-jähriger Patient litt. Aber woran? Begonnen hatte alles mit Bauchschmerzen, Fieber und fünf Kilogramm Gewichtsverlust. Schuld an diesem Infekt waren Bakterien, die normalerweise im Darm leben. Wie sie ins Blut des Patienten gelangt waren, blieb den Ärzten schleierhaft.

Also öffneten Chirurgen den Bauch des Kranken, fanden einen Abszess und entfernten ihn. Mithilfe von Antibiotika genas der Patient. Leider nur kurz. Einen Monat später war er wieder im Spital, und wieder hatte der 60-Jährige Erreger im Blut, die dort nicht hingehörten. Zwei Monate lang bekam er Antibiotika. Wieder öffneten Chirurgen seinen Bauch, dazu noch seinen Brustkorb – doch sie fanden nichts. Schliesslich klang der Infekt ab.

Auf Herz und Nieren untersucht

Aber nicht für lange. Rund zwei Monate später war der Mann erneut krank. Diesmal wegen einer Lungenentzündung, gefolgt von einer Infektion mit Candida-Pilzen und Bakterien, die in seinem Blut schwammen. Wieder untersuchten ihn die Ärzte – im wahrsten Sinn – auf Herz und Nieren: Der 60-Jährige musste Bariumbrei schlucken und seinen Darm röntgen lassen. Sein Magen wurde gespiegelt. Seine Nasennebenhöhlen geröntgt. Die Ärzte begutachteten seine Venen, seine Lungen, seine Nieren. Endlich wurden sie fündig: Im rechten Herzvorhof des Mannes hatte sich ein 2,5 Zentimeter × 4 Zentimeter grosses Blutgerinnsel eingenistet. Es diente vermutlich als «Herberge» für Erreger, die sich dort vermehrten und dann mit dem Blutstrom weitergeschwemmt wurden.

Fast sechs Zentimeter lang

Um das Gerinnsel zu entfernen, schaute noch einmal ein Chirurg in den Brustkorb des Patienten. Und fand: einen 5,5 Zentimeter langen Zahnstocher im Herzbeutel. Ihm «verdankte» der Patient seine Odyssee durch die Spitäler.

Das pieksende Teil war auf Wanderschaft durch den Körper gegangen. Ursprünglich kam es vom Magen oder Darm her, zuletzt bohrte es sich durch die Wand des rechten Herzvorhofs. Dort hatte es das Gerinnsel verursacht. Dann stoppte der Herzchirurg weitere Ausflüge des Zahnstochers. Das Holzstäbchen war nicht nur schuld an den Bauchschmerzen. Auch die Bakterien, die immer wieder im Blut des Patienten gefunden worden waren, hatte es aus dem Verdauungstrakt mitgebracht.

Der Patient indes konnte sich nicht daran erinnern, einen Zahnstocher verschluckt zu haben. Aber das ist typisch. Nur 12 Prozent aller Zahnstocheropfer spüren das Holzteilchen. Manchmal ist Alkohol im Spiel, manchmal sind die dritten Zähne schuld, dass der Mensch nicht so genau merkt, worauf er beisst. Jedenfalls ist die grosse Mehrheit der Gepeinigten völlig überrascht, wenn ein Zahnstocher in ihrem Körper entdeckt wird. Ein Rollmopsgeniesser in Solothurn erinnerte sich immerhin an ein kurzes Stechen im Hals, schrieb dies aber einem Gurkenstückchen zu.

Erschwert wird die Zahnstocherdiagnostik, weil sich die Spiesschen nicht immer sofort bemerkbar machen. Manchmal dauert es 15 Jahre. Zudem scheinen sie sehr wanderfreudig zu sein: Manche begeben sich ins Herz oder zur Leber, andere suchen die Bauchspeicheldrüse heim, wieder andere wandern in die Harnblase, verstopfen den Harnleiter, durchstossen die grosse Körpervene im Bauch oder erreichen das Lungenfell. Alles schon vorgekommen. Die weniger mobilen bleiben in der Magen- oder Darmwand stecken.

Schwer zu finden

Kein Wunder, wenn die Ärzte hinter Schmerzen eher ein Magengeschwür, eine Bauchspeicheldrüsenentzündung oder eine Nierenkolik als Ursache vermuten denn ein spitzes Hölzchen. Zumal sich nur etwa jeder siebte Zahnstocher auf Ultraschall-, CT- oder Röntgenaufnahmen mit Kontrastmittel zu erkennen gibt. Etwa jedes fünfte Opfer solcher Spiesse, das Bekanntschaft mit Ärzten macht, stirbt sogar.

Unter den verschluckten Fremdkörpern sind Zahnstocher also Hochrisikokandidaten. Deshalb jedoch Cordon bleu, Rollmöpse oder Gemüseröllchen zu verschmähen, wäre übertrieben: Erstens kann man Vorsorge treffen und Gefahrenzonen meiden. Dazu zählen Partys, wo Häppchen und sinntrübender Alkohol in gefährlicher Kombination gereicht werden.

Zweitens kommen 80 bis 90 Prozent aller Zahnstocher von ganz allein am richtigen Ort wieder raus. Und drittens verletzen sich einer Schätzung zufolge jährlich nur 3 bis 4 von 100 000 Menschen an einem Zahnstocher. Allerdings kann das dann, wie beschrieben, sehr unangenehm werden.

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( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 20.03.2010, 04:00 Uhr

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