Jesus und sein Kaugummi

Von Martina Frei . Aktualisiert am 05.02.2010
Eine Frau schwebt in Lebensgefahr, weil ihr eine Kokosnuss auf den Kopf fiel. Ein Kaugummi sorgt für die Rettung im OP-Saal.

Die Lage war verzweifelt. Einer 55-jährigen Bewohnerin der Salomonen-Insel New Georgia war eine Kokosnuss auf den Kopf gefallen. Die Frau lag in tiefer Bewusstlosigkeit auf einem Holztisch in einer Hütte. Eine massive Blutung unter dem Schädelknochen quetschte ihr Gehirn zusammen. Lange würde sie das nicht überleben.

Der aus rund 400 Meilen Entfernung eingeflogene Chirurg öffnete den Schädelknochen und entfernte den Bluterguss. Mit Erfolg: Die Patientin erwachte, versuchte, vom Tisch herunterzukommen, und schlug sich – «Lobet den Herrn» rufend – den Kopf an der Lampe an. Daraufhin sprudelte wie wild Blut aus der bis dahin still daliegenden Hirnhautarterie. Der Arzt hatte keine Chance: Die Lampe flackerte, und vor lauter Blut sah er weder das Blutgefäss, noch konnte er es fassen. Die Arterie hatte sich zusammengezogen und war durch das natürliche Loch in der Schädelbasis, durch das sie normalerweise von unten ins Hirn tritt, weggeflutscht.

Unter anderen Umständen wäre dies wohl das Ende der Frau gewesen. Doch der Herr stand ihr bei. Bei der Operation assistierte ein Krankenpfleger namens Jesus, und er kaute Kaugummi. Geistesgegenwärtig verlangte der Chirurg danach und stopfte die von Jesus gekaute Masse in die Lücke im Schädelboden, in der die Arterie verschwunden war. Die Blutung kam zum Stillstand. Dann bekam die Patientin sicherheitshalber noch Antibiotika – und genas.

Bis auf eine leichte Schwäche ihrer rechten Hand blieb die mit Kaugummi gestoppte Hirnblutung folgenlos. So wirkte ein kleiner Kaugummi in einem Operationshüttchen auf den Salomonen Wunder.

Narkoseärzte erbleichen

Im Westen dagegen stehen manche Ärzte der weichen Kaumasse mit Vorbehalten gegenüber. Am meisten gefürchtet ist sie bei Not- und Narkoseärzten. So lebensrettend der Kaugummi in den Achtzigerjahren auf New Georgia war, so tödlich war ein anderer rund 20 Jahre später in Griechenland. Dort rutschte er einem 24-Jährigen in die Luftwege. Der Mann erstickte. Und einen 57-Jährigen in Australien brachte sein in den Kehlkopf geratener Kaugummi fast um – unmittelbar nach der erfolgreichen Wiederbelebung wegen eines Herzstillstands.

Auch Anästhesisten sind schon erbleicht, wenn ein Patient (ohne ihr Wissen) vor der Operation Kaugummi kaute und vergass, ihn rechtzeitig auszuspucken. In den harmloseren Fällen wunderten sich die Mediziner am Ende der Narkose nur, was da Grünes an der Spitze der Beatmungsmaske klebte. In ernsten Fällen verklebte der Kaugummi die Luftzufuhr und führte zum Notfall im Operationssaal.

Deshalb vor Eingriffen dran denken: Nüchtern bleiben heisst auch, keinen Kaugummi zu kauen! Und wenn es gar nicht ohne geht, dann zumindest ausspucken, bevor die Narkose beginnt. Oder sicherheitshalber dem Operationspfleger in die Hand drücken. Nur für den Fall, dass eine Blutung gestillt werden müsste. Jetzt neu: Die skurrilsten Fälle der Medizin als Buch Martina Frei: «Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen.» Eichborn Verlag Frankfurt am Main 2010, 224 Seiten, ca. 30 Franken.

Quellen des Kokosnuss-Falls: - A. Coutts, «Chewing gum for extradural haemorrhage». British Medical Journal 1998, Bd. 317, S. 1687

- S. N. Njau, «Adult sudden death caused by aspiration of chewing gum». Forensic Science International 2004, Bd. 139, S. 103–106

- A. G. Thompson et al., «Cardiac arrest and chewing gum – an unfortunate combination«. The Medical Journal of Australia 2007, Bd. 187, S. 635

- M. Wenke, O. Akça, «Chewing Gum on a Laryngeal Mask Airway». Anesthesiology 2002, Bd. 97, S. 1647–1648 - Stiftung für Patientensicherheit: Quick Alert Nr. 7, 19. 1. 2009

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 06.02.2010, 04:00 Uhr

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