Liegt bei schwerem Asthma nicht drin: Den Cowboy aus dem Sattel schleudern.
Asthma ist bei Pferden häufig. Jedes zehnte Pferd in der Schweiz leidet daran. Wie beim Menschen wird die Krankheit durch eine allergische Reaktion der Bronchialschleimhaut ausgelöst. Die Anfälligkeit dafür wird vererbt. «Bei Pferden und Menschen beobachtet man bei Asthmaerkrankungen eine familiäre Häufung» erzählt Gerber.
So steigt das Risiko, an Asthma zu erkranken, markant an, wenn ein Elternteil davon betroffen ist. «Ist ein Elterntier erkrankt, erhöht sich das Risiko, dass auch die Nachkommen unter Asthma leiden, auf das Drei- bis Fünffache. Sind beide Eltern betroffen, steigt das Risiko sogar auf das Siebenfache», sagt der Veterinärmediziner.
Suche nach den Genen
Gerber leitete eine vom Nationalfonds unterstützte Studie zur Erforschung chronischer Lungenleiden beim Pferd. Die Berner Forscher nahmen dabei Hunderten von Tieren Blut ab, um deren DNA zu isolieren. «Das Genom des Pferds konnte erst kürzlich entschlüsselt werden. Das erlaubt es uns, mit einem sogenannten Gesamt-Genom-Scan die krankheitsverursachenden Gene zu lokalisieren», fasst er die komplexen Laboranalysen zusammen.
Bei der Entschlüsselung des Erbguts war unter anderem auch das Institut für Tiergenetik der Universität Bern beteiligt. Das Genom des Pferds besteht aus 7,2 Milliarden Bausteinen. Auffallend ist dabei die Ähnlichkeit gewisser Strukturen im Erbgut des Pferds und Menschen. Deshalb stossen die Ergebnisse von Gerbers Untersuchungen auch bei den Forschern in der Humanmedizin auf grosses Interesse. «Die Resultate der Berner Studie sind für uns sehr interessant», sagt Michael Kabesch.
Anstieg von Allergien
Kabesch erforscht mit seinem Team an der Medizinischen Universität Hannover Lungenerkrankungen beim Menschen. «Die Suche nach den krankheitsverursachenden Genen ist für uns wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Resultate aus Bern helfen uns nun, diese Gene auch beim Menschen genau zu definieren», ist der Forscher überzeugt.
Die Vererbbarkeit ist nicht die einzige Parallele zwischen Mensch und Pferd. Bei beiden beeinflussen die Umweltbedingungen das Krankheitsgeschehen massgeblich. So beobachtet man bei Menschen in den Industrieländern einen steten Anstieg von Allergien und Asthma. Eine Tendenz, die man sich unter anderem mit der verbesserten Hygiene erklärt. Bei den Pferden vermutet Gerber einen ähnlichen Zusammenhang: «Pferde sind eigentlich Steppentiere. Durch die verbesserte Stallhaltung und die regelmässige Entwurmung wurden die Haltungsbedingungen zwar hygienischer. Dafür sind die Tiere aber im Stall durch den Heu- und Strohstaub vermehrt inhalierten Allergenen ausgesetzt.» Empfindliche und erblich vorbelastete Tiere entwickeln in der Folge häufig chronische Atemwegserkrankungen.
In diesem Zusammenhang sind die Berner auf eine weitere erstaunliche Erkenntnis gestossen. «Pferde, die unter Asthma leiden, scheiden weniger Wurmeier aus und sind gegen einen Befall mit Darmparasiten resistenter», erklärt Vinzenz Gerber. «Dies war vor der Domestikation ein Selektionsvorteil, der nun in eine verstärkte Allergieanfälligkeit umkippte.» Der Forscher erklärt den Zusammenhang zwischen Wurmbefall und Allergie vereinfacht so: «Die Gene, die für die körpereigene Parasitenabwehr verantwortlich sind, haben unter hygienischen Bedingungen zu wenig zu tun und überreagieren dann beim Kontakt mit anderen Substanzen in der Umwelt.»
Silage statt Heu
Wie weit diese Erkenntnisse ebenfalls auf den Menschen übertragbar sind, ist gegenwärtig noch offen. Für die Zukunft plant das Tierspital Bern aber weitere Studien, die sowohl für die Veterinäre als auch die Humanmediziner interessant sein werden.
Auch wenn die neusten Erkenntnisse Stella keine direkte Linderung bringen, stehen ihre Chancen gut, in Zukunft weniger unter ihrem Asthma zu leiden. Denn nach den nötigen Therapien und dem Spitalaufenthalt wartet auf die Stute ein Stall mit artgerechtem Auslauf und Silage statt Heu. Ihre Lungen werden so weniger gereizt. Dann bekommt Stella wieder genügend Luft, um über die Weiden zu galoppieren.
(Tages-Anzeiger)