Das unbeliebte Friedenssymbol

Von Barbara Reye . Aktualisiert am 04.02.2012
Die Taube ist eines der ältesten Haustiere und lebt seit Jahrtausenden erfolgreich mit dem Menschen zusammen. Doch Strassentauben können auf ihn auch Krankheiten und Parasiten übertragen.
Bitte nicht füttern: Besonders Kinder und immunschwache Menschen können sich bei Strassentauben mit Krankheiten anstecken. Bild: KEYSTONE/AP

Dieses Auge war fürchterlich anzusehen. Es sass wie ein aufgenähter Knopf am Kopfgefieder, wimpernlos, brauenlos, nackt, ganz schamlos nach aussen gewendet und ungeheuer offen. Einfach leblos, wie die Linse einer Kamera, die alles äussere Licht verschluckt und nichts von ihrem Inneren zurückstrahlen lässt. Kein Glanz, kein Schimmer lag in diesem Auge, nicht ein Funken von Lebendigem. Es sei ein Auge ohne Blick. Und würde ihn anglotzen.

Im Buch «Die Taube» aus dem Jahr 1987 beschreibt Patrick Süskind, wie der Wachmann Jonathan Noel durch das plötzliche und völlig unerwartete Auftreten des Vogels vor seiner Zimmertür in Paris auf einmal Furcht bekommt. Der Vorfall wirft den gesamten Lebensplan des Manns durcheinander, da er nicht mit einer Taube, dem Inbegriff von Chaos und Anarchie, unter einem Dach leben kann.

Mitbringsel der Römer

An Strassentauben scheiden sich seit eh und je die Geister. Von vielen Menschen werden sie verflucht und gehasst, während sie von anderen geliebt, gepflegt und gefüttert werden. «Kaum ein anderes Stadttier lebt so eng mit dem Menschen zusammen und ist so erfolgreich wie sie», sagt der Zoologe Daniel Haag-Wackernagel von der Universität Basel, der seit mehr als 30 Jahren den Vogel erforscht und ihm jetzt eine eigene Ausstellung im Anatomischen Museum widmet. Weltweit haben Strassentauben die meisten Städte erobert, und Schätzungen zufolge gibt es zwischen 170 bis 340 Millionen Individuen.

Angefangen hat es in der babylonischen Zeit vor über 4500 Jahren, als die Felsentaube zur Haustaube domestiziert wurde und vielfältig genutzt wurde, etwa zum Verzehr oder zur Gewinnung von Dünger. Mit den Römern gelangten dann im 1. Jahrhundert nach Christus die ersten Haustauben über die Alpen in unsere Regionen. Die bei uns überall in den Städten zu sehenden Strassentauben sind frei lebende und verwilderte Haustauben.

Leben sie zu eng aufeinander, besteht die Gefahr, dass sich Krankheiten und Parasiten ausbreiten. Derzeit sind 113 unterschiedliche Erreger bekannt, die auch beim Menschen eine Infektion auslösen können. Am gefährlichsten ist das Bakterium Chlamydia psittaci, das grippeähnliche Symptome mit einer Lungenentzündung hervorrufen kann. Durch zu nahen Kontakt mit einer erkrankten Taube können sich insbesondere Kinder oder immunschwache Personen über die Inhalation kontaminierter Staubpartikel anstecken.

Tränende Augen

Wie aus einer Studie der Basler Forscher in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Journal of Medical Microbiology» hervorgeht, sind zwei Prozent aller Strassentauben in Basel mit diesem Erreger infiziert. «Primär leidet jedoch nicht der Mensch, sondern das Tier selbst an der Infektion», so Haag-Wackernagel. Die Taube hat gerötete, geschwollene und tränende Augen und ein durch austretendes Nasensekret verklebtes Gefieder. Oft hockt das erkrankte Tier völlig apathisch und mit aufgeplustertem Gefieder auf dem Boden.

Tauben können aber auch mit Parasiten wie Zecken befallen sein. Diese sind äusserst hartnäckig und können, sogar mehrere Jahre nachdem die Tauben verschwunden sind, immer noch in Wohnräume eindringen und den Menschen stechen. Zwischen den Blutmahlzeiten verstecken sie sich in Spalten und Ritzen der Umgebung der Brutplätze der Tauben. Bis heute sind über 274 Fälle dokumentiert, in denen Taubenzecken von Strassentauben auf den Menschen übertragen wurden.

Nächtliche Überfälle

Aber auch Bettwanzen kommen in Taubennestern vor und befallen nachts den Menschen. Die Stiche verursachen starken Juckreiz und werden oft aufgekratzt, was zu Infektionen führt. Ähnlich unangenehm ist der Stich der Roten Vogelmilbe, die durch Ritzen des Fensterrahmens in ein Schlafzimmer wandern kann. Diesen Albtraum hat eine 25-jährige Studentin aus Amerika vor zwei Jahren erlebt. Denn in ihrer Altbauwohnung im vierten Stock in Kleinbasel hatten bei ihrer Vorgängerin früher Tauben auf dem Balkon gebrütet.

«Die Amerikanerin war übersät von Stichen und Quaddeln, die stark juckten und schmerzten», sagt Haag-Wackernagel, der den Fall vor einem Jahr in der Zeitschrift «Dermatology» publiziert hat. Auch ihr Freund, der in der Wohnung mehrmals übernachtet hatte, sei am ganzen Körper zerstochen worden. Erst ein Kammerjäger hat nach mehrmaligem Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln die Zecken, Milben und Wanzen letztlich vernichten können.«Dass Strassentauben heutzutage in vielen Städten zu einer Plage geworden sind und somit auch die Gefahr von Krankheitsübertragungen zunimmt, liegt vor allem an der Fütterung der Tiere», erklärt Haag-Wackernagel. Wenn das Nahrungsangebot zurückgeht, normalisiert sich der Bestand relativ schnell, da die Tauben weniger Zeit haben, sich zu vermehren und mehr Zeit in die Futtersuche investieren müssen.

Nicht mehr füttern

Im Rahmen einer früheren Studie konnte der Taubenexperte zeigen, dass Aufklärungskampagnen mit der Aufforderung, die Fütterung einzuschränken beziehungsweise ganz einzustellen, die Zahl der Strassentauben in Basel innerhalb von 50 Monaten halbierte. Dies entspricht einer Reduktion auf ungefähr 10 000 Tiere. Andere Methoden wie etwa das Abschiessen von Tauben oder die Verringerung der Reproduktionsrate durch die Taubenpille sind laut Haag-Wackernagel nicht nachhaltig.

Flattern die Tiere in Scharen durch die Lüfte oder hocken in Massen auf einem Marktplatz, verlieren sie in den Augen vieler Menschen ihren Wert und rufen Aversionen hervor. Deshalb kämpft der Basler Zoologe für eine kleinere und somit auch gesunde Population an Strassentauben. Bei einem Bestand von rund 5000 Strassentauben sei in Basel ein friedliches Zusammenleben mit diesem faszinierenden Vogel möglich und auch wünschenswert, sagt Haag-Wackernagel. Schliesslich sei die Taube in vielen Kulturen über die Jahrtausende hinweg bis heute ein Symbol der Liebe, des Friedens und des Heiligen Geistes.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2012, 12:25 Uhr

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