Hornvieh auf der Weide: Das war einmal. In der modernen Kuhhaltung sind Hörner unerwünscht.
Jahr für Jahr wird im Unterwallis die Königin der Eringerkühe erkoren. Aus dem Kampf der stämmigen, dunkelbraunen Gebirgskühe ist längst eine international vermarktete Touristenattraktion geworden. Bei den traditionellen Alpauf- und -abzügen stehen stolze, herausgeputzte Kühe im Zentrum, deren schön geschwungene Hörner mit Blumen geschmückt sind. Und auch das schwarz-weisse Kuh-Model namens Lovely, das seit einigen Jahren für Swissmilk durch die TV-Milchwerbung steppt oder dribbelt, trägt selbstverständlich Hörner, auch wenn es die erst am Computer aufgesetzt erhält. Denn eine Kuh ohne Hörner ist für die meisten von uns nur eine halbe Kuh.
In Tat und Wahrheit sind behornte Kühe heutzutage aber Auslaufmodelle. Bereits rund 90 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Schweizer Kühe sind inzwischen hornlos, wie Denise Marty, Kuhfachfrau bei der Tierschutz- und Konsumentenorganisation Kagfreiland aufgrund von Recherchen bei den Zuchtverbänden sagt. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht, da hierzu keine Statistik geführt wird.
Ein schmerzhafter Eingriff
Die Hornlosigkeit ist in aller Regel die Folge eines Eingriffs. Zwar gibt es inzwischen vereinzelte, genetisch hornlose Zuchtlinien. Dabei macht man sich eine seltene Fehlbildung der Natur zunutze, indem man hornlose Tiere untereinander kreuzt und so die absolute Ausnahme zum Standard zu machen versucht. Doch in aller Regel kommen Kälber heute immer noch mit Hornansatz zur Welt. In den ersten Wochen ihres Lebens wird den Jungtieren das Gewebe rund um die Hornknospe mit einem Gas- oder Elektrobrennstab verödet, sodass dort kein Horn mehr wachsen kann. Der Vorgang ist für die Kälber schmerzhaft: In der Schweiz darf er deshalb nur unter Einsatz von Beruhigungs- und lokalen Betäubungsmitteln erfolgen. Im Ausland, etwa in Deutschland, ist der Eingriff bis zum Alter von sechs Wochen ohne Betäubung erlaubt. Noch schlimmer ist die Prozedur für ausgewachsene Kühe. Um sie in eine neue Herde oder ein neues Haltungssystem einzugliedern, werden auch sie bisweilen enthornt.
Schuld am Trend zur Hornlosigkeit ist in erster Linie die moderne, grundsätzlich tierfreundliche Haltung der Kühe im Laufstall. Im Gegensatz zum jahrzehntelang üblichen Anbinden im Stall mit gelegentlichem Weidegang können sich seit Mitte der 90er-Jahre immer mehr Kühe auch fern von der Weide frei bewegen. Doch die neu gewonnene Freiheit hat ihren Preis: Weil die meisten Bauern weniger die Tierfreundlichkeit als ihre eigenen wirtschaftlichen Vorteile im Kopf haben und möglichst viele Tiere in ihren Laufstall sperren, stören die Hörner nur. Behornte, frei laufende Kühe brauchen nämlich mehr Platz und ein sorgfältigeres Stallmanagement, um Verletzungen zu vermeiden. Und das mindert den Profit.
Das Kuhhorn ist nicht nur ein natürlicher Schmuck der Rinder, sondern auch ein Kommunikationsorgan und eine Waffe. Innerhalb einer Kuhherde herrscht eine klare Hierarchie, die gelegentlich neu ausgehandelt werden muss. Dabei geht es selten so hart zur Sache wie bei den Walliser Kuhkämpfen. Ein kurzes Senken des Gehörns eines ranghöheren Tieres reicht meist, um die hierarchisch tieferen zu dominieren, sie zum Weichen zu bringen. Auf einer Weide ist das Ausweichen kein Problem, im engen Laufstall aber kann es eines werden. Da kann so ein Kuhhorn bei einer in die Enge getriebenen Kollegin schon mal zu einer Verletzung führen.
Unfallzahlen unbekannt
Auch für Menschen sind Kühe mit Hörnern grundsätzlich gefährlicher als solche ohne. Kühe greifen Menschen aber in aller Regel nicht direkt an: Höchstens ein gereizter Stier oder eine um ihr Kalb besorgte Mutterkuh kann in bestimmten Situationen aggressiv reagieren. Nur rund 15 Prozent der Unfälle in der Landwirtschaft hätten mit Tieren zu tun, sagt Beat Burkhalter von der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL). Genaue Angaben aber gibt es nicht. Und die präzise Zahl von Hornunfällen mit Rindvieh ist noch unklarer. Trotzdem empfiehlt die Beratungsstelle ebenso wie der Bauernverband allen Landwirten die Umstellung auf hornloses Vieh. Grund für die meisten Tierunfälle seien allerdings meist mangelnde Kenntnisse der Tierhalter über das natürliche Verhalten ihrer Tiere, räumt Burkhalter ein.
Das bestätigt auch Alfred Steiner, der Leiter des Bio-Landwirtschaftsbetriebs im Werk- und Wohnheim zur Weid in Mettmenstetten, der seit zehn Jahren eine Herde behornter Original-Braunviehkühe in einem Laufstall betreut. «Im Grossen und Ganzen läuft das problemlos», sagt er. «Bis heute hatten wir noch keinen einzigen Verlust wegen einer Hornverletzung.» Keine Probleme sieht auch Sepp Sennhauser, Biobauer im sankt-gallischen Rossrüti, der die Milch seiner 16 in einem Laufstall gehaltenen, behornten Kühe unter dem besonders strengen biodynamischen Label Demeter absetzt: «Wichtig ist, dass ich viel mit meinen Tieren in Kontakt bin und sie gut kenne.» Das Enthornen empfindet er als Verstümmelung. «Als nächsten Schritt könnte man den Kühen ja auch noch die Schwänze abschneiden, weil sie beim Melken stören.»
Verstoss gegen Verfassung
«Statt die Haltungssysteme den Tieren anzupassen, passt man die Tiere den Systemen an», stellt Claudia Schneider, Tierhaltungsfachfrau am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frick, bitter fest. Für sie schliessen sich Laufstallhaltung und Hörner keineswegs aus. Der wirtschaftliche Druck auf die Bauern beschleunige aber die Fehlentwicklung und mache aus den Tieren zunehmend reine Milchmaschinen. Auf der Strecke bleibe dabei die Würde der Tiere. Das findet auch der Jurist Gieri Bolliger, Präsident der Stiftung für das Tier im Recht: «Für uns ist das systematische Enthornen letztlich ungesetzlich, weil es gegen den in der Verfassung verankerten Schutz der Würde der Kreatur verstösst.»
(Tages-Anzeiger)