Zwischenrufe der ewigen Klimazweifler

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 30.11.2009
Erdölvereinigung und SVP warnen vor übertriebenem Klimaschutz und spielen das alte Spiel: Sie streuen Zweifel an der Wissenschaft – mit absurden Argumenten.
Ronald Ganz gibt sich als kritischer Kopf, als engagierter Bürger. Er betont: «Es hat nichts damit zu tun, dass ich ein Vertreter der Erdölwirtschaft bin.» Und er meint damit die «hysterisch» geführte Klimadebatte. Der Präsident der Erdölvereinigung spricht im noblen Berner Hotel Bellevue-Palace. Der Saal ist voll. Parlamentarier, Lobbyisten, Experten sind gekommen. Das Energieforum Schweiz hatte zu einer Sessionsveranstaltung geladen. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung des 4. Berichts des Uno-Weltklimarates IPCC über den Zustand der Erde wollte die «Stimme der Energiewirtschaft» – so steht es in der Einladung – die Aussagen der weltweit führenden Klimaforscher nochmals prüfen.

«Gesteuerte Politik»

Die Diskussion um den weltweiten und nationalen Klimaschutz stösst Ganz offensichtlich sauer auf. «Eine verantwortungsvolle Politik soll auf Fakten basieren und nicht von einer Idee geleitet werden», poltert Ganz und hängt an: «Die Klimapolitik in unserem Land ist gesteuert.» Schuld an der Klimahysterie ist seiner Ansicht nach der IPCC. Die Klimapolitik orientiere sich allein am Weltklimarat – das sind Tausende renommierte Wissenschaftler, die seit bald 20 Jahren neue Erkenntnisse aus der Klimaforschung sammeln und gewichten. Ihre Folgerungen sind für Ganz «keinesfalls unumstritten».

Belegen will er das unter anderem mit dem amerikanischen «Global Warming Petition Project», einer Initiative, die 1998 ins Leben gerufen wurde. Über 30'000 Wissenschaftler, so erfährt man auf der Homepage, hätten seither eine Erklärung unterschrieben: «Es gibt keine überzeugenden Beweise, dass die vom Menschen freigesetzten Treibhausgase CO2, Methan und andere Klimagase jetzt oder in der vorhersehbaren Zukunft zu einer katastrophalen Erwärmung der Erdatmosphäre führen werden.»

Zur Erklärung gibt es einen «Fachartikel», der die Behauptung stützt. Der Beitrag war im «Journal of American Physicians and Surgeons» erschienen. Die Fachzeitschrift befasst sich eigentlich mit medizinischen Themen, ist allerdings auf der Liste der ernst zu nehmenden Medizinliteratur nicht zu finden. Mit Grund: Das Blatt veröffentlicht immer wieder abstruse Theorien. Zum Beispiel, dass das HI-Virus nicht Aids verursache oder der Lebensstil von Homosexuellen die Lebenserwartung um 20 Jahre verkürze.

Phase um harte Massnahmen

Dass die Zwischenrufe in letzter Zeit wieder etwas lauter geworden sind, überrascht den weltweit profilierten Klimaforscher Thomas Stocker nicht sonderlich. «Es kommt nun die Phase, in der um harte Massnahmen gerungen wird. Es geht um viel Geld und um einschneidende gesellschaftliche Veränderungen», sagt der Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe I.

Im Dezember stehen an der Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen harte Verhandlungen um den Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll an. Der Erdölvereinigung ist ein Dorn im Auge, dass sich der Bundesrat bei der Revision des CO2-Gesetzes an der EU orientiert. Das heisst: die CO2-Emissionen bis 2020 um mindestens 20 Prozent zu senken. Die Erdöllobby hält dieses Ziel für unrealistisch. Das CO2-Gesetz passt generell nicht ins Konzept der Erdölvereinigung. Der Bund diskutierte vor eine CO2-Lenkungsabgabe auf Treibstoff einzuführen, wie sie vom geltenden Gesetz vorgesehen war, wenn die Schweiz nicht auf Kyoto-Kurs ist. Die Vereinigung setzte sich schliesslich mit einer Steuer durch, dem Klimarappen. Die Einnahmen fliessen in ausländische und inländische Klimaprojekte.

Überzeugende alternative Lösung fehlt

Bei der Revision des CO2-Gesetzes scheint nun eine überzeugende, alternative Lösung zu fehlen. Also müssen wieder Zweifel an der Wissenschaft geschürt werden. «Es gibt Parallelen zur Diskussion in den USA über die Schädlichkeit von Nikotin», sagt Stocker. Die Debatte wurde über Jahrzehnte geführt. «Erst stellte die Tabaklobby die Schädlichkeit in Abrede, die Studien seien alle falsch. Und als das nicht mehr ging, weil es genügend wissenschaftliche Belege gab, begann die Industrie Zweifel zu schüren.»

Schwächen der Modelle einschätzen

Zweifel schürt der Präsident der Erdölvereinigung, Ronald Ganz, indem er die eigenen Vorbehalte des IPCC herausstreicht. Nämlich die Unsicherheiten der Klimamodelle, das mangelnde Wissen über die Kühlungseffekte von Wolken und Russ in der Atmosphäre. Allerdings verschweigt er, was der IPCC tatsächlich weiss. Die Klimaforscher verheimlichen in ihrem Zustandsbericht die Schwächen der Modelle nicht. Doch diese könnten sie inzwischen einschätzen, so Stocker. Deshalb ziehen sie auch den Schluss, dass der Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent die Hauptverantwortung für die Erderwärmung trägt. «Wir haben dank Messungen, verbessertem physikalischem Verständnis und schnellerer Computer extreme Fortschritte in der Modellierung gemacht. Heute können wir mit gutem Gewissen sagen, dass die Erderwärmung der letzten 50 Jahre mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die Treibhausgase zurückzuführen ist», sagt Stocker.

Daten aus Eisbohrkernen zeigen: Die CO2-Konzentration war noch nie so hoch in den letzten 800'000 Jahren und steigt über zehnmal schneller an als je zuvor in den letzten 20'000 Jahren. Interessant ist, dass sich die Ergebnisse der Simulationen vor 20 Jahren in der Grundaussage von den heutigen nicht gross unterscheiden. Der IPCC rechnet damit, dass es bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration auf der Erde 2 bis 4,5 Grad wärmer wird. Eine stärkere Erwärmung kann laut IPCC nicht ausgeschlossen werden. «Die politischen Entscheidungsträger werden systematisch desinformiert», kritisiert Thomas Stocker.

SVP denkt kurzsichtig

Das macht auch die SVP Schweiz in ihrem Positionspapier für «eine Klimapolitik mit Augenmass». So ist die grösste Partei der Schweiz unter anderem irritiert über die weltweite Temperaturentwicklung. «Seit dem Jahr 1998 hat es keine Erwärmung mehr gegeben», heisst es da. Für sie ist diese kurzfristige Entwicklung Beweis genug, dass es keinesfalls einen kontinuierlichen Anstieg der Temperatur gibt. «Da wird immer noch nicht der Unterschied zwischen Wetter und Klima verstanden», sagt Stocker. Der Einfluss der Treibhausgase, so die Klimaforscher, wirkt sich vor allem langfristig aus.

Für den Berner Klimaforscher blockiert diese Politik die Entwicklung der Innovation in der Schweiz. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung koste heute zwar viel Geld, aber es werde sich auszahlen. «Denn sowohl Klimaschäden als auch die Anpassung an grosse Veränderungen haben viel höhere Kosten zur Folge.» Das hat die Erdölvereinigung und die SVP bisher noch nicht überzeugt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2009, 04:00 Uhr

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