Steine, Sand, Sonne - mit diesen drei Begriffen ist die Sahara ziemlich vollständig beschrieben. Zwischen Mauretanien und Ägypten bedeckt sie neun Millionen Quadratkilometer, die grösste Wüste der Welt. Ausgerechnet in dieser lebensfeindlichen Region will Gerhard Knies das Leben Hunderter Millionen Menschen auf eine neue Basis stellen. Bürger von Irland und Israel sollen ebenso davon profitieren wie die Bewohner von Wüstenstaaten wie Algerien, indem der Wüste ein vierter Begriff hinzugefügt wird: «Solarstrom».
Gerhard Knies ist pensionierter Physiker, der sich seit Jahrzehnten für den Klimaschutz engagiert. Seit kurzem leitet er den Aufsichtsrat der neu gegründeten Stiftung Desertec. «Die Wüsten empfangen in sechs Stunden so viel Energie von der Sonne, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht», sagt Knies. Auf diese Weise lassen sich mehrere Probleme gleichzeitig lösen: Umweltschutz, Wassermangel und den Drang der Nordafrikaner zur Migration.
Knies und seine Kollegen haben sich viel vorgenommen. Sie wollen einen Teil dieser Welt ins solare Zeitalter überführen. Ein Stromverbund soll entstehen, der Europa, den Nahen Osten und Nordafrika umfasst. In der Sahara, aber auch auf der Arabischen Halbinsel sollen Kraftwerke entstehen, die Sonnenlicht in Strom verwandeln. «Dort kann man im Jahr mehr als 2000 Kilowattstunden pro Quadratmeter gewinnen», rechnet Markus Eck vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) vor: «Als würden pro Quadratmeter 200 Liter Öl im Jahr vom Himmel regnen.»
Die Elektrizität soll zum einen den Staaten Nordafrikas Energie liefern, ihre Wirtschaft stützen und die Armut besiegen sowie nebenbei Meerwasser entsalzen und den ständigen Wassermangel der Region bekämpfen. Zum anderen soll der Strom über verlustarme Leitungen nach Europa fliessen und dort die klimaschädlichen konventionellen Kraftwerke ersetzen.
Strom über Umweg erzeugen
Die technischen Komponenten eines solchen Netzes gibt es bereits. Die Desertec-Mitglieder wollen sogenannte solarthermische Kraftwerke in die Wüste setzen. Diese bündeln das Sonnenlicht mit grossen Spiegeln und erhitzen dadurch zum Beispiel Spezialöl. Die Wärme wird dem Öl dann in einer Turbine entzogen, die einen Generator antreibt. «Der hintere Teil ist konventionelle Kraftwerkstechnik», sagte Eck, der solche Anlagen beim DLR untersucht und entwickelt hat. «Nur die Wärmezufuhr ändert sich.»
Das Design von solarthermischen Kraftwerken erscheine umständlich, räumte der Ingenieur ein, besonders im Vergleich zu Fotovoltaik-Anlagen, die Sonnenlicht direkt in Strom verwandeln. «Aber der Umweg über die Wärme eröffnet viele Chancen.» Wärme ist nämlich viel einfacher zu speichern als Strom. In einer Anlage in Andalusien, die zurzeit in Betrieb genommen wird, fliesst tagsüber ungenutzte Wärme in einen Tank mit flüssigem Salz.
Dort lässt sich die Energie mit minimalen Verlusten abrufen, um noch in den Nachtstunden Strom zu produzieren. Ebenso kann die Anlage kurze Wolkenperioden überbrücken. Das Kraftwerk wird daher für Stromkunden viel zuverlässiger. In Kalifornien produzieren solche Anlagen seit fast 25 Jahren Strom, in Algerien und Ägypten werden zurzeit neue gebaut.
Um den elektrischen Strom nach Europa zu transportieren, bieten sich Gleichstromkabel mit hoher Spannung an. Sie funktionieren anders als die üblichen Drehstromleitungen innerhalb Europas und haben auf langen Strecken weit weniger Verluste. Nur sieben Prozent der Energie gingen auf einer Strecke von 2000 Kilometern verloren, sagte in Berlin Jochen Kreusel vom Elektrokonzern ABB. Seine Firma hat mit einer solchen Leitung Wasserkraftwerke in Westchina mit der Metropole Shanghai verbunden.
Diese Distanz entspricht der Entfernung von Algier nach Hamburg. Für das Desertec-Konzept wären sogar kürzere Leitungen ausreichend, die das Mittelmeer überspannen und Strom in das europäische Netz einspeisen: über die Meerenge von Gibraltar, von Tunis über Sardinien und Korsika nach Marseille, von Libyen nach Griechenland oder durch Israel. «Wir haben solche Leitungen gebaut», sagte Kreusel. Die Technik stehe zur Verfügung, auch wenn noch Probleme zu lösen sind. «Es gibt noch nichts von der Stange.»
Kleine Fläche, aber hohe Kosten
Probleme könnte der Desertec-Idee vor allem ihr enormer Anspruch bereiten. Auch wenn die Fläche, die theoretisch nötig ist, um den Strombedarf der Welt zu decken, auf Atlanten klein wirkt (siehe Grafik), sind gewaltige Investitionen nötig. Eine Fläche von 360 mal 360 Kilometer würde genügen, um die Welt mit Strom zu versorgen. Aber dort wären in den kommenden 30 Jahren solarthermische Kraftwerke mit einer Nennleistung von 10'000 Gigawatt nötig. Im Mittel müssten jeden Tag Anlagen ans Netz gehen, die so viel Strom erzeugen wie ein grosses Atomkraftwerk. Zurzeit schaffen die Firmen, die die nötige Ausrüstung produzieren, so viel Kapazität in einem Jahr. Zur Finanzierung schwebt Knies ein Fonds vor, den die Industrieländer mit 20 Milliarden Euro pro Jahr füllen - 8 davon aus Europa. Hinzu kämen nach Zahlen des DLR 45 Milliarden Euro für 20 neue Leitungen zwischen Nordafrika und Europa.
Weiterhin Windenergie nutzen
Allerdings geht es wohl auch eine Nummer kleiner. Desertec selbst nimmt an, dass der Strom aus der Wüste im Jahr 2050 ein Sechstel des Bedarfs in Europa deckt; einen grösseren Anteil sollen heimische erneuerbare Quellen wie Windenergie und Wasserkraft liefern. Diese Zahlen entkräften die Befürchtung mancher Kritiker, Europa könne sich mit dem Wüstenstrom in eine neue Abhängigkeit begeben, diesmal in die von Sonnenstrom-Scheichs der Sahara. Doch die importierte Solarenergie könnte helfen, den Treibhausgasausstoss in Europa um 80 Prozent zu senken.
Die Desertec-Stiftung wünscht sich, dass es vorerst ein öffentlich finanziertes Pilotprojekt geben wird. Aus humanitären Gründen solle es in Ägypten stehen und den Gazastreifen versorgen - und womöglich den Konflikt der Palästinenser mit Israel mindern.
(Tages-Anzeiger)