Koksen, Morddrohungen, Schläge: Bahnfahren wird zum Risiko

Von Tina Fassbind . Aktualisiert am 23.12.2008
Jeden Tag muss ein Zugbegleiter zum Arzt, weil er im Dienst angegriffen wurde. Auch Passagiere laufen immer häufiger Gefahr, attackiert zu werden. Vor allem im Zürcher Verkehrsverbund nehmen die Übergriffe zu.

Anstand und Rücksichtnahme sind Tugenden, die im öffentlichen Verkehr rund um Zürich immer mehr zur Seltenheit verkommen. Die Reaktionen der Tagesanzeiger.ch-Leser machen zudem deutlich: Nägelschneiden und lautes Telefonieren können geradezu unter «Kavaliersdelike» abgebucht werden.

Denn ganz anders ging es am Samstag vor zwei Wochen in der S-Bahn nach Schlieren zu und her. «Es war nachmittags gegen 16 Uhr», berichtet Werner Rüedi*, «ein Mann steigt ein, sitzt ab, schiebt sich seine Linie Koks zurecht und zieht sie hoch. Rundherum sitzen Passagiere und Kinder. Ein paar Stationen weiter steigt er wieder aus – als wäre nichts dabei.»

Dreck hinterlassen, kiffen, pöbeln

Auch Leser Andreas Schlatter macht eine ähnliche Erfahrung: «Donnerstagnacht auf der S12 von Winterthur nach Zürich. Ein paar Jungendliche, viele von ihnen betrunken und bekifft, steigen in den Zug ein. Der eine beginnt, einen Joint zu drehen. Sein Abfall landet auf dem Boden», schildert er die Situation gegenüber Tagesanzeiger.ch. «Ich hebe den Müll auf und schmeisse ihn in den kleinen Abfalleimer. Natürlich sage ich dem jungen Mann meine Meinung laut und deutlich – aber noch höflich. Die dumme Antwort und Anmache lässt nicht auf sich warten.»

Pendler Otto Probst musste sich auf der S8 sogar die Drohung einer jungen Frau «ich kille dich, du huere Arschloch» anhören und bekam den Stinkefinger gezeigt, weil er einen Vater gebeten hatte, dem Kind die Schuhe auszuziehen, wenn es auf den Sitzpolstern herumspielt.

Anspucken und Prügel

Immer häufiger bleibt es nicht bei verbalen Drohungen. Den Worten folgen tätliche Auseinandersetzungen. Besonders gegenüber dem Bahnpersonal hat die Zahl der Übergriffe zugenommen, wie Peter Moor, Informationsbeauftragter des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonalverbands SEV, bestätigt. «Pro Tag gibt es durchschnittlich einen Vorfall auf dem gesamten SBB-Netz, bei dem Zugbegleiter durch einen Übergriff arbeitsunfähig werden oder zum Arzt gehen müssen. Und auf der Negativrangliste des gesamten Schienennetzes ist der Zürcher Verkehrsverbund ZVV auf Rang Zwei. Nur in der Genferseeregion kommt es zu noch mehr Übergriffen», so Moor.

Von Anspucken bis zu harten Prügeleien gebe es alles. «Beschimpfungen sind an der Tagesordnung. Die werden häufig gar nicht mehr gemeldet, weil die Zugbegleiter diesbezüglich etwas abgestumpft sind.» Heikel sind vor allem die frühen Morgenstunden am Samstag und Sonntag. «Dann gibt es viele Heimreisende, die nicht ganz nüchtern sind und entsprechend aggressiv agieren können», erklärt Moor.

Beim ZVV war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Der SEV jedenfalls rät dem Bahnpersonal, die Kontrollen wenn möglich zu zweit durchzuführen und in heiklen Situationen nicht zu forcieren sondern sich eher zurückzuziehen. «Wo ein Konflikt auftritt, sollen sie nicht einschreiten. Dafür gibt es die Bahnpolizei. Zugbegleiter können höchstens deeskalierend einwirken.»

*Name der Redakktion bekannt

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( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 23.12.2008, 11:28 Uhr

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