Enge Verhältnisse: Zürcher S-Bahn in Morgenstunden. Bild: KEYSTONE/AP
Pro: Macht die S-Bahn doch klassenlos
Von Edgar Schuler
Es herrscht Klassenkampf im Stossverkehr. Als «besonders konfliktträchtig» hat der «Tages-Anzeiger» kürzlich die Situation in den Doppelstöckern der Zürcher S-Bahn beschrieben: Passagiere mit Billetten für die 2. Klasse belegen Plattformen und Treppen in der 1. Klasse, sorgen für Unruhe und für Staus beim Einund Aussteigen. Verständlich der Unmut derjenigen, die den Aufpreis für die 1. Klasse berappt haben: Sie erwarten dafür Ruhe und Komfort. Also den Mehrwert, den ihnen die SBB normalerweise im Fernverkehr bieten.
Nur ist dieser Mehrwert in der Zürcher S-Bahn illusorisch. Verkehrsverbund und SBB geben zu, dass die Klassengesellschaft in den Doppelstöckern unlösbare Widersprüche schafft: Entweder werden ganze Wagen zur 1. Klasse erklärt.
Das führt aber zu Verzögerungen beim Ein- und Aussteigen und damit zu Verspätungen. Diese wiederum führen auf dem dicht befahrenen S-Bahn-Netz zu Kettenreaktionen mit Folgen für Tausende von Pendlern. Oder die 1. Klasse wird nur abteilweise eingerichtet. Das aber vermindert ihren Komfort bis zur Unkenntlichkeit. Die SBB selber sprechen hier von einem «Graubereich». Das sagt alles über die Qualität dieses Angebots.
Der einzige Grund, warum die Eisenbahnbarone trotzdem an der 1. Klasse festhalten, ist – wie sie selber zugeben – das zusätzliche Geld, das ihnen der 1.-Klass-Auf- preis in die Kasse spült, ohne dass sie dafür ernsthaft einen Finger rühren. Überall sonst würde man das Abzockerei schimpfen. Nur im öffentlichen Verkehr, der in der Schweiz als heilig gilt, lassen die Kunden sich das bieten.
Die klassenlose S-Bahn hätte also lauter Vorteile: kein Ärger mehr, wenn am Perron der Wagen mit der falschen Klasse vor einem hält, mehr Pünktlichkeit für alle und ein faires Preissystem. Beispiele dafür, dass das funktioniert und akzeptiert wird, gibt es genug: Hamburg hat die 1. Klasse vor Jahren erfolgreich und zur Begeisterung der Kunden abgeschafft. Und sogar die Zürcher S-Bahn selber beweist, dass es geht: Die S 18 nach Esslingen und die S 10 auf den Uetliberg bedienen ihre Kundschaft ohne 1. Klasse. Alles spricht also dafür, die ganze S-Bahn klassenlos zu machen.
Contra: Besser pflegen statt noch mehr abbauen
Von Roger Keller
Die Fahrgäste der 2. Klasse haben kein Verständnis, wenn sie ihren Arbeitsweg dicht gedrängt zurücklegen müssen, während der Platz in der 1. Klasse noch reichlich erscheint. Viele rufen daher nach einer Abschaffung der 1. Klasse. Und argumentieren, das gebe es im ausländischen S-Bahn-Verkehr oder im Tram auch nicht. Ein Fahrgast der 1. Klasse beÜberfüllte zahlt heute sehr viel für seinen Sitzplatz, den er nicht mehr immer garantiert hat. Und für einen Komfort, den die SBB drastisch reduziert haben: Wie in der 2. Klasse ordnen sie heute, anders als früher, im Wagenquerschnitt nicht mehr drei, sondern auch in der 1. Klasse vier Sitze an. Und das ohne Tarifreduktion. Sie schreiben jeden Sitz einzeln mit «1. Klasse» an – damit mans überhaupt merkt. Wer nach Zürich oder Winterthur fährt, bezahlt zudem je zwei Zonen, wo er im Tram- und Busverkehr keinen Gegenwert für den Aufpreis von 50 bis 65 Prozent erhält. Und die SBB scheuen sich, gegen klassenfremde Rüpel vorzugehen. All das verärgert die Fahrgäste der 1. Klasse – mit Recht.
Auch der Vergleich mit dem Tram hinkt: Wer 1. Klasse wählt, sitzt länger in der S-Bahn als im Tram. Und wer das Ausland als Argument beizieht, soll sich einmal die Züge der Deutschen Bundesbahn im Regionalverkehr anschauen – dieser Standard würde hierzulande nicht akzeptiert. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) ist in ganz Europa gerade auch wegen seines Komforts hoch angesehen. Und er bringt dank der 1. Klasse eine Schicht der Bevölkerung auf die Bahn, die sonst das komfortablere Auto vorziehen würde.
Wenn etwas abgeschafft werden soll, wofür es eine Nachfrage gibt, geht es offensichtlich um Neid.
Doch die SBB sollten sich nicht beirren lassen und die 1. Klasse auch im Regionalverkehr wieder besser ausstatten – um mehr gut zahlende Kunden zu gewinnen. Das ist für alle gut. Denn eine Schätzung des ZVV zeigt: Im Stossverkehr fahren rund 15 Prozent in der 1. Klasse, die für etwa 25 Prozent der Erträge aufkommen. Es ist also wie im Flugzeug: Die billigen Sitze werden durch die teuren subventioniert. Wer die 1. Klasse abschaffen will, nimmt somit in Kauf, dass die 2. Klasse teurer wird.
(Tages-Anzeiger)