Endlich kann sich Giuseppe Scaglione ganz auf das konzentrieren, worum es ihm eigentlich geht: aufs Radiomachen. Er hat zwei UKW-Frequenzen in der Tasche, und sein Studio im World Trade Center in Leutschenbach ist startklar. 1998 lancierte der Basler das erste sprachregionale Jugendradio der Schweiz via Kabelnetz, danach hat er mit Gesuchen und Rekursen zehn Jahre für eine UKW-Frequenz gekämpft und gleichzeitig mehrere Internetsender aufgebaut und geführt.
Herr Scaglione, Sie haben zehn Jahre um eine UKW-Konzession gerangelt und wurden dabei stets belächelt. Was hat Sie angetrieben, dranzubleiben?
Genau das. Je mehr man mir sagte, das kannst du vergessen, das klappt sowieso nicht, desto mehr hat mich das angespornt. Trotz technischer Hürden erreichten wir via Kabelnetz täglich 100'000 Hörer und so wussten wir stets: Das Interesse für unser Radio besteht!
Nach Erhalt der Konzession sagten Sie: «Ich fühle mich wie ein legaler Radiopirat.»
Durch den UKW-Segen sind wir jetzt gewissermassen im Klub aufgenommen und plötzlich möchten ganz andere Sponsoren mit uns zusammenarbeiten. Ich bin dadurch aber nicht zahmer oder weniger rebellisch geworden und habe meine Anti-Establishment-Haltung bewahrt. Ich will unabhängig bleiben und gutes Radio machen.
Was ist für Sie ein gutes Radio?
Ein gutes Radio ist eines, bei dem die Hörer denken: «Wow! Ich entdecke neue Musik, kann den ganzen Tag Radio hören und muss nicht abschalten, weil es mich nervt.» Ein Radio, das nicht peinlich ist, ist heute bereits eine Leistung, verrückt, nicht? Vor allem die Musik ist in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt worden.
Auch bei den Diskussionen um die UKW-Konzessionen?
Niemand sprach da über die Musik, obwohl die bis 90 Prozent eines Programms ausmacht. Man kann noch so tolle News haben, Radio ist ein Musikmedium. Mit Radio 105 und Radio Monte Carlo haben wir dasselbe vor: Wir wollen die Leute abholen, die mit dem Einheitsbrei unzufrieden sind und nicht den Mainstream suchen. Das ist nicht eine Frage des Alters, sondern der Lebenseinstellung.
Bei welchem Song würden Sie gleich abschalten, bei welchem weiterhören?
Ich bin diesbezüglich ziemlich tolerant. Bands wie Franz Ferdinand, Kings of Leon, oder Kaiser Chiefs finde ich toll, zeitgemäss, gut gemacht und auch nicht zu abgefahren, aber auch Exotischeres wie Sébastien Tellier oder Röyksopp gefällt mir. Es geht nicht um einzelne Titel. Was mich fertigmacht ist ein Musikprogramm, das die immer gleichen Songs laufen lässt und diese kaputt spielt. Als Band würde ich da auf Schadenersatz klagen. Wir werden Songs senden, die bei uns etwas auslösen – Verkaufszahlen, Covers und Namen interessieren uns nicht.
Nach den Sommerferien läuft das moderierte Vollprogramm, was erwartet uns?
Wir werden die Hörer informieren, unterhalten und überraschen – und den Mut haben auszubrechen. Unsere Moderatoren werden so direkt sein wie das Zielpublikum. Redet ein Politiker in PR-Sprache an der Sache vorbei, muss es möglich sein, zu sagen: «Sorry, das ist einfach Bullshit, das glauben Ihnen die Jungen da draussen nicht.» Man darf nicht Angst haben, den gesunden Menschenverstand zu brauchen. Natürlich gehört auch Légères dazu, wie Comedy-Formate.
Saulustige?
Auf Sauglattismus bin ich allergisch! Das Schlimmste finde ich langweilige Menschen, die versuchen, lustig zu sein. Leider bevölkern solche Moderatoren die Radiolandschaft: Ich lache selten, wenn ich Radio höre. Vieles ist einfach zu konstruiert. Ein gutes Jugendradio muss authentisch sein: Kommt mir ein guter Spruch in den Sinn, bringe ich ihn, sonst sage ich lieber nichts. Sieht ein Konzept vor, dass ich um viertel nach acht glatt bin, tönt das auch so. Wir werden nicht Achtung, fertig, lustig und Achtung, fertig, seriös sein – und uns selbst auch nicht allzu ernst nehmen. Aber: Wir wollen Stadtgespräch sein, sei es wegen der Musik, den DJ-Sendungen oder den Moderatoren.
Wer moderiert auf Radio 105?
Wir wollen spannende Leute auf dem Sender, denen wir vertrauen und die gewisse Freiheiten geniessen. Sie sollen nicht wie Mc Donald’s-Angestellte immer dieselben Abläufe ausführen. Sie dürfen anecken – und nerven. Hauptsache, sie haben Charakter. Wir haben bewusst niemanden von der Konkurrenz übernommen, schliesslich wollen wir uns eine eigene Identität schaffen. Ich bin mit Quereinsteigern immer gut gefahren.
Werden Sie auch zum Mikrofon greifen?
Nein, dieses Bedürfnis habe ich nicht. Ich halte den Kopf hin, wenn es sein muss, sonst walte ich lieber im Hintergrund.
(Tages-Anzeiger)