«Die SP ist zu weit nach links gerutscht»

Von Janine Hosp . Aktualisiert am 01.03.2010
Gemäss der TA-Wahlumfrage wählen viele Grossverdiener sozialdemokratisch. Aber nicht mehr lange, meint Politologe Andreas Ladner.
Andreas Ladner empfiehlt der SP den «dritten Weg». Bild: KEYSTONE/AP

Herr Ladner, gemäss der Wahlumfrage des «Tages-Anzeigers» wählen vier von zehn Grossverdienern die SP – jene, die zu den obersten 10 Prozent der Einkommens- und Vermögensklasse gehören. Ist aus der Arbeiterpartei eine Partei für die oberen Zehntausend geworden?
Die Wählerschaft der SP hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Das durchschnittliche Einkommen ihrer Wählerinnen und Wähler hat sich dem der Freisinnigen angeglichen. Viele Akademiker, Lehrer und Freischaffende unterstützen heute die SP.

Aber Lehrer würden sich wohl nicht zur höchsten Einkommensklasse zählen.
Entscheidend ist das Haushaltseinkommen, und da gehört man mit mehr als 150'000 Franken zu den obersten Gehaltsklassen. Dieses erreichen auch Universitätsprofessoren, langjährige Mittelschullehrer oder Architekten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Bankdirektoren und Versicherungsmanager SP wählen.

Ist es denkbar, dass sich Freisinnige vom alten Schlage der SP zuwenden? Solche, die nicht nur liberal denken, sondern sich auch für das Gemeinwohl einsetzen?
Das kann man sicher im Zusammenhang der Krise der FDP so sehen. Die Bildungselite hat sich praktisch vom Freisinn abgewandt; er ist ihr nicht mehr liberal genug, wie etwa sein Widerstand gegen Paralellimporte zeigt, und er hat keine schlüssige Antwort darauf, welche Rolle der Staat spielen soll und wie die Wirtschaft nachhaltig funktionieren kann.

Was kann ihnen die SP bieten?
Gutverdienende bewegen sich oft in einem offenen, internationalen Umfeld. Die SP hat für sie lange eine gewisse Attraktivität gehabt, weil sie moderne Lebensformen wie Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und eine internationale Öffnung unterstützt. Die FDP tut sich mit der Öffnung noch immer schwer und ist unschlüssig, wie weit sie dabei gehen soll.

Sie sagten, die SP hat für gut Verdienende lange eine gewisse Attraktivität gehabt. Weshalb gehabt?
Die gut Verdienenden wählten die SP nicht um ihrer eigenen materiellen Interessen willen, sondern für ihr gutes Gewissen. Sie wollten damit ein Gegengewicht zur Politik der Bürgerlichen setzen, insbesondere zu jener der SVP. Das hat lange funktioniert, dabei ist aber die SP zu weit nach links gerutscht und sieht sich jetzt mit einer Abwanderung konfrontiert. Die Distanz zur Basis zeigt sich auch darin, dass ihre Initiativen, wie etwa die zur Einheitskrankenkasse mit lohnabhängigen Prämien, von den eigenen Leuten kaum getragen werden.

Wohin wandern die SP-Wähler ab?
Die Frauen zu den Grünen, die Männer zu den Grünliberalen. Das zumindest zeigen unsere Studien.

Vielleicht muss sich die SP in der Stadt Zürich dennoch auf besser Verdienende ausrichten – einfache Arbeiter haben hier zunehmend Mühe, eine bezahlbare Wohnung zu finden, und müssen wegziehen.
Die SP hat die Angehörigen der Arbeiterklasse schon seit längerem an die SVP verloren, und nun bröckelt es bei den neuen, besser verdienenden Schichten. Hier entsteht mit den Grünliberalen eine ernsthafte Konkurrenz. Die Repräsentanten der städtischen SP sind nicht typische Arbeitervertreter, denkt man etwa an Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber oder an Corine Mauch, aber das Erscheinungsbild der SP ist stark von der nationalen Partei geprägt, wo der Klassenkampf noch eine grössere Rolle spielt.

Was raten Sie der SP?
Sie muss stark an ihrem Bild arbeiten, sie muss sehr darauf bedacht sein, wie ihre Figuren auftreten. Und sie muss mit neuen Vorschlägen kommen. Mit Schlagworten wie Klassenkampf kann sie heute keine Jungen mehr mobilisieren. Diese wurden nicht in eine gespaltene Welt hineingeboren und sind sich der verschiedenen Gesellschaftsschichten wenig bewusst. Die heutigen Jungen sind leistungsbewusst, sie bilden sich weiter und eignen sich Diplome an, um aufzusteigen und Karriere zu machen. Linke Forderungen zum sozialen Ausgleich wirken vor diesem Hintergrund eher kontraproduktiv.

In welche Richtung sollen die neuen Vorschläge der SP abzielen?
Mich dünkt der dritte Weg, den Anthony Giddens skizziert hat, gar nicht so schlecht – auch wenn ihn Tony Blair und Gerhard Schröder mit mässigem Erfolg gegangen sind. Die SP muss demnach den Wettbewerb im Grundsatz akzeptieren, aber festlegen, welche Leistungen der Staat für Schwächere erbringen soll. Alte Forderungen nach dem Giesskannenprinzip sind definitiv überlebt.

Mit Andreas Ladner sprach Janine Hosp

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2010, 04:00 Uhr

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