Mehr Salz als Schnee auf Zürichs Strassen

Von Helene Arnet . Aktualisiert am 13.01.2010
Im Winter werden Strassen und Wege konsequent schwarz geräumt. Umweltschützer ärgert das.
topelement Winterliches Weiss: Ein Zürcher stapft durch die dicke Schneedecke. Bild: Keystone Mehr Bilder (7)

Flauschig weiss fallen die Schneeflocken vom Himmel, wenig später enden sie als brauner Matsch auf der Strasse. Die Schuhe haben weisse Salzränder, die Hosenstösse sind verschlammt, das Auto rostet, die Strassen leiden, und im Sommer tragen die Bäume an der Bahnhofstrasse Braun – weil sie am Salz verdursten. «In der Stadt Zürich werden prinzipiell alle öffentlichen Strassen schwarz geräumt», sagt Leta Filli von Entsorgung & Recycling. Dabei gelten klare Prioritäten: von der Hauptverkehrsachse zum Spazierweg, vom Spitalzugang zu den Parkplätzen. «Wir haben den Auftrag, in der Stadt Mobilität und Sicherheit zu gewährleisten.» Das gilt laut Strasseninspektor Hansjörg Weidmann auch für Winterthur.

Diese prinzipiell schwarz geräumten Strassen und Wege sind dem Pflanzenbiologen und Umweltberater Andreas Diethelm ein Dorn im Auge. «Das Ziel, dass sich das Leben im Winter gleich abspielen soll wie im Sommer, ist nicht nur gegenüber der Natur verantwortungslos, es ist auch trügerisch.» Es verleitet Autofahrer dazu, im Winter mit Sommerpneus herumzukurven, Fussgänger tragen ungeeignete Schuhe, und der Matsch ist für Velofahrer fast so glitschig wie Eis. Tatsächlich ist Schwarzräumung nicht in allen Städten selbstverständlich. In Deutschland ist es fast überall verboten, auf Gehwegen Salz zu streuen. In vielen Wintersportorten lässt man den Schnee sogar bewusst auf den Strassen liegen, weil weisse Strassen schöner aussehen.

4750 Tonnen Salz

Im letzten strengen Winter wurden in der Stadt Zürich 4750 Tonnen Salz ausgetragen. «Salz ist das wirksamste, verfügbarste und auch billigste Mittel, um Schnee und Eis zu schmelzen», sagt Filli. In den Rheinsalinen, die im Besitz der Kantone sind, lagert genug Salz auf Abruf, die Preise sind nicht dem Markt ausgesetzt, daher berechenbar und erschwinglich. Zurzeit kostet eine Tonne Salz inklusive Lieferung rund 200 Franken. «Nur berücksichtigt diese Rechnung die Schäden nicht, welche das Salz anrichtet», entgegnet Diethelm. Er wirft der Stadt vor, in der Frage weder links noch rechts zu schauen. «Bei uns wird stur gesalzen, egal ob es sich um eine wichtige Durchgangsstrasse oder einen Spazierweg handelt.»

Tiefbauvorstand Ruedi Aeschbacher machte einst die Probe aufs Exempel. Er stellte den Winterdienst um und liess etwa die Hälfte der Strassen nicht mehr schwarz räumen (Interview rechte Spalte). Nach drei Jahren wurde der Versuch abgebrochen. Zu aufwendig. Die gängigste Alternative zum Salz, Splitt, ist Ende der Neunzigerjahre durch eine vom Bundesamt für Verkehr in Auftrag gegebene Studie in Verruf geraten. Splitt sei mit Schwermetallen verunreinigt und viel weniger wirksam als Salz, heisst es dort. Die Studie ist aber bei Fachleuten umstritten. Als reine Literaturstudie sei sie schon bei ihrem Erscheinen nicht auf dem neusten Stand der Forschung gewesen. Zudem mache sie zu wesentlichen Punkten, wie etwa dem Schaden, den das Salzen an Infrastruktur und Natur anrichtet, keine Aussagen. Andere Methoden als Salz und Splitt würden schon gar nicht geprüft.

Dabei gibt es Alternativen – und sie sind auch erprobt. Unterschieden wird zwischen auftauenden Mitteln, die wie Salz den Gefrierpunkt beeinflussen, und abstumpfenden Mitteln, die einfach die Unterlage griffiger machen.

Sole: Verschiedene Gemeinden setzen auf Salzwasser statt auf Salz. Auch die Stadt Zürich setzt mit Sole befeuchtetes Streusalz ein. Dieses wirkt schneller als trockenes Streusalz, ist besser zu dosieren und günstiger. Leta Filli weist aber darauf hin, dass für das hügelige Zürich Sole nur bedingt geeignet ist, weil das Salzwasser an Hängen abfliesst.

Zuckerlösung: Flughäfen – auch Kloten – setzen meist eine Glykollösung ein, da sie Korrosionsschäden an den Flugzeugen befürchten. Damit werden aber Nährstoffe in den Boden eingebracht.

Kaliumcarbonat: Das Kaliumsalz der Kohlensäure ist ein weisses Pulver (Pottasche). Es wirkt gut und ist biologisch abbaubar, aber relativ teuer.

Calciummagnesiumacetat: Kalk mit einem Schuss Essig wird in Österreich auch auf grossen Strassen eingesetzt. Es schädigt weder Brücken noch Bäume und hat den Vorteil, dass es Feinstaub bindet. Es ist aber etwa zehnmal teurer als herkömmliches Streusalz.

Splitt: Bei den abstumpfenden Mitteln ist Splitt das gängigste. Splitt muss im Frühling eingesammelt und gewaschen werden, weil an ihm Schwermetalle und Gummiabrieb haften bleiben.

Blähton: Die feinen Kügelchen können mit der normalen Strassenreinigung entfernt werden. Ihre Herstellung ist relativ energieintensiv.

Holzschnitzel: Die feinen Schnitzel sind meist mit Solewasser imprägniert. Sie werden in diversen Orten getestet.

Andreas Diethelm plädiert für ein Steinsalzverbot in der Innenstadt und stellt sich auf den Standpunkt, dass der Winter nicht immer gleich vertrieben werden muss. «Weshalb nicht die Bahnhofstrasse weiss lassen, wenn dafür im Sommer die Bäume grün bleiben?» Leta Filli sieht das anders: «Wenn wir Reklamationen bekommen, betreffen sie meist nicht rechtzeitig geräumte Strassen. Nur selten sind es Bedenken wegen des Umweltschutzes.»

Haftet die Stadt, wenn jemand verunfallt, weil die Strassen nicht geräumt sind? «Wir haben eine Sorgfaltspflicht. Die Leute müssen sich aber umgekehrt auch der Situation angepasst benehmen», sagt Filli. Wer also nach nächtlichem Schneefall frühmorgens mit trendigen Lederschuhen aufs Tram rennt und auf die Nase fällt, ist selber schuld.

Es schneit in Zürich. Bald wird die weisse Pracht zu Matsch. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2010, 04:00 Uhr

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