«Anfangs fühlte ich mich wie in der Bronx»

Von Monica Müller . Aktualisiert am 28.01.2009
Nach Jobs in der Bronx und der Sahara unterrichtet der Österreicher Clemens Pachlatko nun in Hottingen – und wünscht sich da etwas kritischere Schüler.
Lehrer Clemens Pachlatko: «In Zürich sind die Qualitätsansprüche viel höher». Sophie Stieger

Clemens Pachlatko, wie landet man als frisch gebackener Lehrer in der Bronx?
In Österreich sind Lehrer Beamte, die auf eine Berufung warten müssen. Ich bin seit dreieinhalb Jahren auf der Warteliste, weil es in meiner Heimat zu viele Lehrer gibt. Über ein Austauschprogramm des Österreichischen Bildungsministeriums bin ich als Biologielehrer von einer Public High School in der New Yorker Bronx verpflichtet worden. Als ich meine Stelle antrat, hatten eben alle Lehrpersonen der 9. Klasse ihre Stelle gekündigt.

Warum?
Die Bronx Expeditionary Learning High School ist mit 6000 Schülern riesig und gleicht einem Hochsicherheitstrakt: Auf dem Weg ins Schulhaus muss man einen Metalldetektor passieren, die Fenster sind vergittert, und zwei Klassenzimmer teilten sich je einen Sicherheitsmann. Damit niemand Unbefugtes die Schulzimmer betritt, werden sie während der Lektionen abgeriegelt. Es kommt oft zu Kämpfen zwischen rivalisierenden Gangs, Gewalt ist das dominierende Thema. Den Schülern geht es nicht darum, etwas zu lernen, die Schule ist bloss ihr Treffpunkt. Eine Schülerin, die bei mir auf der Klassenliste war, ist nie erschienen. Als ich nach ihr fragte, hiess es, sie sei von ihrem Freund erschossen worden – sie war gerade einmal 16 Jahre alt.

Wie sind Sie mit diesem bedrohlichen Umfeld umgegangen?
Ich war einer der wenigen weissen Lehrer und befolgte die Regel, bis spätestens 16 Uhr die U-Bahn aus dem Ghetto zu nehmen. Mir ist nichts Schlimmes passiert, ich wurde bloss in der U-Bahn ausgeraubt, und im Schulzimmer wurde das CD-Laufwerk aus meinem Laptop geklaut.

Wie ist es Ihnen persönlich ergangen?
Von August bis Weihnachten war es ein täglicher Kampf, jeden Morgen hatte ich Magenschmerzen und dachte: Ach nein. Ich hab in dieser Zeit 12 Kilo abgenommen. Doch ich wollte nicht aufgeben.

Wie unterrichtet man, wenn das Interesse der Schüler an der Materie gleich null ist?
Ich habe versucht, eine Beziehung zu den Schülern aufzubauen, ihnen zu zeigen, dass ich kein alter, strenger Klischee-Lehrer bin. Mit der Zeit lief es immer besser, und gewisse Schüler kamen auch auf mich zu. Sie wussten, sie mussten die Regents Exams – ein Abschlusstest für alle Highschool-Schüler im Bundesstaat – bestehen. Im Jahrgang vor ihnen waren sämtliche Schüler durchgefallen. 70 Prozent haben den Test dann tatsächlich bestanden, knapp zwar, aber es hat gereicht.

Gab es andere Erfolgserlebnisse?
Wir sind einmal mit allen Zehntklässlern ins Camp «Mariah Carey» gefahren – eine Freizeitanlage, die die Sängerin gespendet hat. Externe haben das Lager geleitet und bereits nach eineinhalb Tagen resigniert. Die Kids wollten nicht schon wieder aufgegeben werden, und schliesslich haben wir uns alle zusammengerauft. Als ich mich am letzten Tag verabschiedete, weinten einige Mädels, die zuvor nur rebelliert hatten. Zur Krönung habe ich den Teacher-of-the-Year-Award gewonnen, den alle Schüler, Lehrpersonen, die Administration und das Putzpersonal gemeinsam vergeben. Ein Preis für den Lehrer aus Europa in seinem ersten Schuljahr – das war schon sehr schön. Aber ich bin doch gerne weitergezogen...

...nach Libyen, in die Wüste. Was haben Sie dort gemacht?
Ich war für eine kanadische Ölfirma tätig, die in der libyschen Sahara ein Ölfeld betreibt. 400 Araber arbeiten dort, und einige von ihnen habe ich in Englisch unterrichtet.

Wie wars?
Öd. Es gab kein Internet, kein Fernsehen, keinen Alkohol, und ich habe acht Monate keine Frau gesehen. Die Libyer waren zwar stets freundlich, aber immer sehr distanziert. Ich freute mich sehr auf den Wechsel nach Zürich.

Von der Bronx über die Sahara nach Zürich. Was war Ihr erster Eindruck hier?
Anfangs fühlte ich mich ein bisschen wie in der Bronx: Auch dort dachte ich, die Sprache zu beherrschen, und war mit einem mir unverständlichen Slang konfrontiert. Mittlerweile verstehe ich den Dialekt gut, bin aber froh, dass wir in der Schule Standardsprache reden.

Sind Sie auch froh, dass jetzt einfachere Zeiten angebrochen sind?
So viel einfacher ist es hier nicht, die Qualitätsansprüche sind viel höher in Zürich als in der Bronx. Auch die Vorbereitung ist viel intensiver, ich arbeite jedes Wochenende. Mein 90-Prozent-Pensum umfasst sechs Klassen und 26 Wochenlektionen: Das ist viel. Aber in New York war ich mir nie so sicher, ob das was bringt, was ich mache. Hier ziehe ich am selben Strang wie die Schüler, Eltern und Lehrer – das ist toll!

Was vermissen Sie hier?
Meine Schüler sind selbstinitiativ, ehrlich und verantwortungsbewusst, könnten für mein Gespür aber gern kritikfreudiger sein und nicht einfach alles hinnehmen, was die Lehrerpersonen ihnen sagen. Die Schüler scheinen einfach froh über das, was sie kriegen, und saugen alles auf wie Schwämme. Ich ermuntere sie, die Dinge mehr zu hinterfragen.

Welche Themen beschäftigen Sie und Ihre Kollegen am meisten?
Die Wohlstandsverwahrlosung: Es gibt immer mehr Kinder aus schwierigen Verhältnissen, deren Eltern sie mit materiellen Dingen überschütten, die so ihre Bedeutung verlieren. Eltern erwarten viel Sozialisierungsarbeit von uns Lehrern, die wir nicht übernehmen können. Auch für die Kinder wird es immer schwieriger. Ein richtiger Wasserfall von Informationen ergiesst sich über sie. Dann sind da auch die ganzen neuen Medien: Man muss immer das neuste Handy haben mit der höchsten Datenübertragung und den kleinsten iPod mit dem grössten Speicherplatz. Auf Facebook und Netlog darf man auch nichts verpassen. Vom Handball- und Squash-Training gehts in den Klavierunterricht und dann zur Nachhilfe ins Lernstudio. Es ist richtig stressig, Jugendlicher zu sein.

Was würde die Jugendlichen entlasten?
Überengagierte Eltern setzen ihre Kinder mit zig Hobbys und hohen Erwartungen unter Druck. In unserer Klasse bereiten sich mehr als die Hälfte auf die Gymiprüfung vor – bei manchen sind es vor allem die Eltern, die diesen Weg wünschen. Auch wenn wir hier am Zürichberg sind: Die Jugendlichen sind noch Kinder, sie sollen Freizeit haben und Fehler machen dürfen.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2009, 23:45 Uhr

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