Bei Eiseskälte auf der Strasse pennen

Von Stefan Häne . Aktualisiert am 11.01.2010
Wie überstehen Obdachlose in Zürich eine Winternacht? Der TA-Reporter machte einen Selbstversuch. Es dauerte Stunden, bis er endlich einen Schlafplatz fand, mitten in der Stadt.
Der Karton war ein Glücksfund. Doch im Hinterhof nahe des Sihlquais darf der TA-Reporter nicht bleiben. Reto Oeschger

Die Frau ist so weiss wie der Schnee, der den Boden mit einem Film überzieht. Ihre Haut, ihre Kleider – alles ist weiss. Sie tippelt über den Hinterhof durch das Tor auf die Strasse. Auf die Frau folgt der Wagen, dem sie eben enteilt ist. Am Steuer ein Mann, ihr Freier. Und hinter der Mauer, die den Hinterhof zweiteilt, stehe ich – als heimlicher Zaungast an dieser Stätte des Zwielichts, zwischen dem Vergnügungstempel Palais Xtra und dem Drogenstrich am Sihlquai. Es ist 22 Uhr. Nach zweistündiger Suche bin ich fündig geworden. Hier will ich die kommenden Stunden erdauern, die Minuten zählen, weil die Kälte – es ist minus 6 Grad – mich möglicherweise um den Schlaf bringen wird. Ich habe mich so ausgerüstet wie jene Exoten, die in Zürich auch jetzt im Freien leben.

Ich kehre zu meinem Schlafplatz zurück. Er liegt versteckt einige Schritte hinter der Mauer unter einem tief liegenden Dach, eingeklemmt zwischen Hausmauern. Ein Schlupfwinkel, Obdachlosen wärmstens zu empfehlen. So scheint es zumindest. Ich fühle mich wie ein Prinz, wie der britische Prinz William. Als Schirmherr der Obdachlosenorganisation Centrepoint hat er in London jüngst mit einem Schlafsack neben Mülltonnen übernachtet.

5-Franken-Budget

Auch bei mir liegt ein Schlafsack am Boden, dazu eine Matte, Rucksack, Kerzen und Streichhölzer, daneben steht eine Flasche Rotwein. Ich habe sie aus meinem Budget für den heutigen Abend bezahlt: Fünf Franken beträgt es – so viel, wie man für die Notschlafstelle bezahlen müsste. Der Tropfen ist ein Fusel, noch dazu ein unterkühlter. Macht nichts. Die Kälte lässt die Feinmotorik des Schmeckens zunehmend erstarren. Nur die Finger öffnen flink die Flasche. Ich trage fingerlose Handschuhe, Mütze, Bergschuhe, einen Mantel, darunter mehrere Kleiderschichten sowie Kniesocken. Ist es wahr, was der Physiker und Philosoph Blaise Pascal gesagt hat: dass die Kälte angenehm sei, solange man sich wärmen könne?

Von der Polizei entdeckt

Eben will ich mich ins flauschige Nest einrollen, da ertönt wieder Motorengeräusch. Diesmal ist es kein Freier, sondern die Polizei. Mein neues Leben hat mich schon derart eingenommen, dass ich beim Anblick des Streifenwagens aufschrecke. Prompt erspäht mich ein Polizist – und schon sticht Licht ins Gesicht. «Was tun Sie hier?» «Nicht das, was Sie wohl denken», antworte ich, ein wenig übermütig vom Rotwein, der die Sinne längst kräuseln lässt. Nach Vorweisen von ID und Journalistenausweis werde ich aufgefordert, den Hinterhof zu verlassen: Privatgelände. Das ist eine kalte Dusche.

Weiter geht es zum Museum für Gestaltung. Es schneit nicht mehr, ein scharfer Wind kommt auf. Wie schon zuvor zwischen Kalkbreite und Limmatplatz ist es auch in dieser Gegend schwierig, ein Nachtlager zu finden. Jeder Ort scheint eine Schwachstelle zu haben: zu viel Licht, Tore, die automatisch zufallen könnten, Türen mit Hängeschloss, Kellertreppen, die zu schmal sind, Holzhäuschen hinter Gittern. Die Suche hat etwas Spielerisches – freilich nur, weil ich Obdachlosen-Tourist bin. Ich schlüpfe in einen weiteren Innenhof. Und staune nicht schlecht: Kartonschachteln, haufenweise zusammengelegt – ein Glücksfall! Mit meiner kleinen Kartonwohnung unter dem Arm spaziere ich weiter, via Kornhausbrücke ans Ufer der Limmat. Dort stosse ich auf ein Züri-WC – ein beliebtes Refugium, das jedoch auch zur Todesfalle werden kann. In Lausanne erfror vor acht Jahren eine ältere Frau in einer öffentlichen Toilette. Eine beklemmende Vorstellung: die letzten Atemzüge im Urin- und Kotgestank.

Ekelerregende Lokale

Die WC-Türe ist verriegelt. Dann drängen zwei Gestalten heraus: eine Prostituierte, wohl keine 20 Jahre alt, und ein bulliger Mann. In diese Geilheitskloake einen Fuss zu setzen – der Gedanke erregt Ekel.

Ernüchtert kehre ich zu jenem Winkel zurück, aus dem die Polizei mich verscheucht hat. Eingepackt im Schlafsack liege ich auf dem Karton, der erstaunlich gut isoliert. Ich versuche einzuschlafen. Doch es gelingt nicht. Ein mulmiges Gefühl kriecht in mir hoch: Was, wenn ich überfallen werde? Durch den Kopf jagen Bilder aus Wien, wo vor zweieinhalb Jahren einem Obdachlosen der Schädel eingeschlagen wurde. Gedärme und innere Organe hingen aus der Leiche. Der Wein lässt die Fantasie zusätzlich wuchern. Ich verlasse den Ort zügig und laufe zum Hauptbahnhof. Dort stehen zwei Männer, die ziemlich verwahrlost aussehen. Ich frage sie nach einem Schlafplatz. Der eine schreit nach Bier, der andere sagt: «Draussen pennen – ist das ein neuer Tick von euch Jungen?»

Weiter durch die Bahnhofstrasse zur Augustinergasse. Dort, in Hauseingängen, haben auch schon Obdachlose übernachtet. Solange sie keinen Dreck hinterliessen oder lärmig waren, wurden sie von den Hausbesitzern geduldet – als kostenlose Absicherung gegen Einbrecher. Will ich das auch sein? Nein.

Die Bar als Versuchung

Am Zähringerplatz gehe ich an meiner Lieblingsbar vorbei, wo die Bardame schon den einen oder anderen Veltliner spendiert hat. Die Versuchung ist da, um einen Kafi oder einen kleinen Happen zu bitten. Doch ich widerstehe und schreite weiter durch die Gassen. Es ist nach 1 Uhr. Fast niemand unterwegs. Wer nicht raus muss, sitzt an der Wärme. Ich friere zwar nicht, aber ich spüre, wie die Kälte mich umkrallt. Nur nicht schneller gehen, nur ja nicht schwitzen. Ich würde hinterher zu frieren beginnen; das habe ich in den Bergen gelernt.

Gegen zwei Uhr morgens finde ich im Herzen Zürichs endlich ein Plätzchen, mit dem ich warm werde: ein Materialhaus der Stadtreinigung, einen Steinwurf vom Obergericht entfernt. Unter einem Vordach rolle ich mich in den Schlafsack, schlafe ein, werde aber gleich wieder geweckt von einer Putzequipe. Sie ist schon ganz nah, ich höre Männerstimmen. Nur nicht wieder weggeschickt werden! Ich ziehe den Schlafsack ganz über den Kopf, stelle mich schlafend. Die Stimmen sind nun ganz nah. Doch nichts geschieht. Erleichtert strecke ich den Kopf wieder raus. Wohlig warm ist es im Kokon. Bald werde ich einschlafen. Mein Atem entlässt kleine Dampfwolken in die Dunkelheit, ich fühle mich frei. Ob es den anderen da draussen wohl auch so ergeht?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2010, 04:00 Uhr

Weitere Artikel Zuerich