Christen über Mike Shivas Auftritt empört

Von Hugo Stamm . Aktualisiert am 02.04.2009
Der umstrittene TV-Hellseher sprach gestern in der Zürcher Predigerkirche. Diese bietet ein umfangreiches esoterisches Programm an.

Rote Jacke, glitzernde Sonnenbrille, schwarze Handschuhe, das obligate Kopftuch und Hündchen Wanchai auf der Schoss: So stellte sich Hellseher und Wahrsager Mike Shiva den Fragen von Georg Schmid von der reformierten Sektenberatungsstelle. Ihm gegenüber in der Zürcher Predigerkirche sass Pfarrerin Renate von Ballmoos, die auch Schamanismus betreibt. Shiva sagte, mit Religion und Glauben wenig anfangen zu können, Pfarrerin von Ballmoos beschrieb ihre schamanischen Rituale als Ergänzung zum christlichen Glauben.

Der Auftritt von Mike Shiva fand in einer Veranstaltungsreihe statt, die mit dem christlichen Glauben wenig zu tun hat, dafür viel mit Esoterik und Parapsychologie. Als Organisatoren traten die Arbeitsgruppe Neue Religiöse Bewegungen, der Kirchenbund und die Predigerkirche zusammen mit den Parapsychologischen Vereinen auf. Dabei diskutierten in den letzten Wochen Parapsychologen, Reinkarnationstherapeuten und Schamanen mit Theologen. Zu reden gab vor allem die Auseinandersetzung um Jenseitskontakte. Leser der Zeitung «Reformiert» («Kirchenbote») reagierten empört: «Als Christen sprechen wir doch nicht mit den Toten», schrieb einer.

«Spirituelle Wunder verstehen»

Wie kommen die Sektenberatungsstelle und der Kirchenbund dazu, Esoteriker und Hellseher wie Mike Shiva einzuladen? «Wir haben in unserer Kirche viele Gläubige, die auch an spirituelle Wunder und esoterische Phänomene glauben», erklärt Georg Schmid von der Sektenberatungsstelle. «Diese möchten wir verstehen lernen. Deshalb reden wir mit allen, auch mit Satanisten. Da die Veranstaltungen kontradiktorisch angelegt waren, konnten wir auch kritisches Gedankengut einbringen.» Jörg Weisshaupt vom Kirchenbund vertritt die Meinung, es sei besser, mit Parapsychologen zu diskutieren, als sie zu tabuisieren.

Es ist kein Zufall, dass die Veranstaltungen in der Predigerkirche stattgefunden haben. Das Programm der Stadtkirche liest sich wie das Kursangebot eines esoterischen Instituts. Am 30. April wird beispielsweise Walpurgisnacht gefeiert. Der Titel des Hexenrituals: «Alte, weise Hexenfrau, Kraft in mir, ich tanz mit dir.» Dabei wird in neuheidnischer Manier mit Trommeln und Rasseln ums Feuer getanzt. An weiteren Veranstaltungen werden die Gläubigen in schamanische Methoden eingeführt. Eine Exkursion führt zum Erdmannlistein bei Bremgarten, ein Seminar steht unter dem Titel «Begegnungen mit dem persönlichen Krafttier». Christliche Themen sucht man im Programm der Prediger-Kirche vergeblich.

Pfarrerin mit esoterischer Neigung

Ein TA-Leser schreibt dazu: «Ich finde es eine Schande, dass Scharlatane, die den Menschen offensichtlich nur das Geld aus der Tasche ziehen, im Veranstaltungskalender der Kirche aufgeführt sind.» Die esoterische Neigung von Pfarrerin Renate von Ballmoos ist in Kirchenkreisen längst bekannt und stösst teilweise auf Kritik. Mit dem Thema hat sich auch schon der Kirchenrat beschäftigt. Die Pfarrerin räumt ein, dass Mike Shiva umstritten ist. Trotzdem wehrt sie sich gegen den Vorwurf, dem TV-Hellseher eine Plattform zu bieten. «Die Reformierten sind mündig, die Besucherinnen und Besucher können sich selbst ein Urteil bilden.»

Von Ballmoos hat selber verschiedene esoterische und schamanische Ausbildungen absolviert. «Trotzdem bin ich mit Leib und Seele reformierte Theologin», erklärt sie. Die Spiritualität müsse im Christentum neu erfahren werden. Sie ist überzeugt, dass Feuerrituale in der Walpurgisnacht, übersetzt und interpretiert in die heutige Zeit, mit dem christlichen Glauben vereinbar sind. Für viele Bibelexperten sind solche Rituale jedoch magisch und neuheidnisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2009, 23:07 Uhr

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