«Damals fuhren wir mit Schrottvelos durch die Stadt»

Interview: Felix Schindler . Aktualisiert am 04.11.2009
Der Zürcher Kurier Veloblitz ist der grösste der Schweiz: Jetzt wird er 20 Jahre alt. Der Firmengründer Samuel Iseli erzählt von der ungewöhnlichen Geburt der Firma – und warum er den Betrieb längst wieder verlassen hat.
topelement Sämi im Schuss: Zürichs erster Velokurier kurz nach der Firmengründung vor 20 Jahren. (Bild: Veloblitz, 1989) Mehr Bilder (9)

Herr Iseli, vor 20 Jahren gründeten Sie den Veloblitz. Erinnern Sie sich noch an die allererste Lieferung?
Die habe ich nicht selbst ausgefahren. Am ersten Tag des Veloblitz war ich am Telefon, zwei Freundinnen sind gefahren. Wenn ich mich recht erinnere, ging die erste Lieferung an einen Zahntechniker.

Sie waren damals ein 22-jähriger Student. Wie gross war Ihr Startkapital?
Ich habe von meinem Vater ein Darlehen von 5'000 Franken erhalten, damit kamen wir schon ziemlich weit. Die erste Veloblitz-Zentrale war in meinem WG-Zimmer eingerichtet, unsere Küche diente als Pausenraum für die Fahrer. Ich zahlte mir anfangs noch keinen Lohn, die Kuriere erhielten 100 Franken pro Tag.

Bereits nach sieben Jahren haben Sie sich vom Veloblitz getrennt. Warum verliessen Sie Ihr «Baby»?
Ich wollte herausfinden, ob das Konzept Velokurier funktioniert. Das war ungefähr nach zwei Jahren so weit. Aber auf Dauer gab es schlicht zu viele andere Sachen, die mich auch noch interessierten. Aber klar: Es war eine tolle Zeit, und ich blicke manchmal mit Wehmut darauf zurück.

Velokuriere pflegen ihr Image als verruchte, aber stilbewusste Draufgänger. Wie hielten es die Velokuriere vor 20 Jahren mit der Coolness?
Nicht so wie heute. Die Kuriere der ersten Stunde waren schwierig einzuordnen. Es waren Idealisten, die wenig verdient und einen verrückten Job gemacht haben. Einen Kurier-Lifestyle hat es damals nicht gegeben. Wir fuhren zum Teil mit ziemlichen Schrottvelos durch die Stadt und haben furchtbar geschnödet, als ein neu gegründerter Kurier seine Fahrer mit einheitlichen Tenues auf die Strasse schickte.

Und heute? Hat Sie das bürgerliche Leben eingeholt?
Schon ein bisschen. Ich habe heute zwei Kinder und entwickle Software. Nach der Veloblitz-Zeit habe ich mein Studium abgeschlossen und gründete mit einem Freund eine Firma. Allerdings besitze ich noch immer aus Überzeugung kein Auto und fahre dafür täglich Velo.

Sie haben zwei Firmen gegründet, welche erfüllt Sie eher mit Stolz?
Mein Software-Unternehmen ist eine solide Firma mit 15 Mitarbeitern, das macht mich schon sehr stolz. Aber unseren Namen kennt eigentlich nur das Zielpublikum. Den Veloblitz kennt dagegen jeder. Noch heute sprechen mich viele Leute darauf an, dass ich irgendwann damit angefangen habe. Das fühlt sich schon gut an.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 04.11.2009, 11:45 Uhr

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