«Deutsche schnappen uns die Frauen weg!»

Von Benno Gasser. Aktualisiert am 26.11.2008
Als grösste Ausländergruppe lassen die Deutschen befürchten, sie schnappen den Schweizer Männern die Frauen weg.
topelement Kontaktfreudig sind die Deutschen. Und sie können sich besser ausdrücken.
Die Deutschen standen in den vergangenen Tagen im Rampenlicht. Grund dafür waren die neusten abermals gestiegenen Zahlen deutscher Zuwanderer. Das Thema beschäftigt viele Leute, wie ein sehr gut besuchtes TA-Streitgespräch vor wenigen Tagen zeigte. Das anschliessende Echo der Leserschaft war ebenfalls gross. In den Leserbriefen gab es neben Schmeichelhaftem auch viel Kritisches zu lesen. Die Rede war von deutschen Seilschaften und Hochdeutsch statt Mundart sprechenden Schweizer Kindern auf Spielplätzen. «Es stimmt mich traurig und macht mich bisweilen hoffnungslos, wenn ich sehe, dass wir Einheimischen keine Chancen mehr bekommen und deutsche Arbeitnehmer unsere Stellen einnehmen», schreibt eine TA-Leserin.

Ganz andere Sorgen macht sich ein Leserbriefschreiber aus Zürich: «Ich persönlich fürchte diese deutschen Männer auch noch, weil sie uns so viele der attraktivsten Schweizer Frauen wegnehmen.»

Deutsche drücken sich besser aus

Sind die Befürchtungen begründet? Schlummert im Deutschen ein Don Juan, der nur darauf wartet, Süssholz zu raspeln, sobald er eine schöne Schweizerin sieht? Gemach: Die offiziell schönsten Schweizerinnen der vergangenen Jahre hatten überwiegend Schweizer Freunde. Von einer Miss Schweiz mit deutschem Herzbuben ist nichts bekannt. Auf den Partnersuche-Plattformen im Internet fallen die Deutschen offenbar weder durch ihre Anzahl noch durch besonders heftiges Balzgebahren auf. Obwohl Partnerwinner.ch keine Statistik darüber führe, befänden sich nicht sehr viele Deutsche unter den rund 3000 bis 4000 Eingeschriebenen, sagt Partnerwinner-Geschäftsführer Christoph Lüscher. Dass die Deutschen besonders nassforsch auf die Frauen zugingen, stimme nicht. «Unter den Deutschen gibt es ebenso viele Schüchterne, Normalos und Draufgänger wie unter den Schweizern.» In einem Punkt sieht er die Deutschen gegenüber den Schweizern aber im Vorteil: Sie könnten sich besser ausdrücken, weil sie die deutsche Sprache besser beherrschen würden.

Mit Zahlen lässt sich die Aussage des besorgten TA-Lesers nicht erhärten. Obwohl der Anteil der Deutschen in der Stadt Zürich zwischen 2000 bis 2007 von 3,4 Prozent (12'184) auf 6,7 Prozent (25'379) zunahm, wirkte sich dieser Anstieg nicht auf die Heiratsstatistik aus. Im Gegenteil. In der gleichen Zeitperiode sank die Zahl der Eheschliessungen zwischen Schweizerinnen und deutschen Männern sogar leicht: Sie fiel von 87 auf 83.

Der gebürtigen Berlinerin Vanessa Matthiebe, Präsidentin Deutscher Club Zürich, sind die hiesigen Deutschen nicht als Frauenhelden aufgefallen. Die direkte Art der Deutschen käme bei Schweizerinnen nicht so gut an, deshalb würden die Schweizer Frauen eher ablehnend auf Avancen reagieren. Dafür springt der Funke nach Ansicht von Matthiebe in vertauschten Rollen leichter über: «Ich habe das Gefühl, Schweizer Männer stehen auf deutsche Frauen, weil sie diese im Umgang als locker empfinden.» Grundsätzlich erlebt sie die Deutschen – Männer wie Frauen – als kontaktfreudig. Auch wenn sich ein Teil der 70 Klubmitglieder regelmässig trifft, möchten die Deutschen nicht unter sich bleiben, sondern suchen das Gespräch mit Schweizern.

Der sexy transpirierende Bauarbeiter

Das Klischee der massiert auftretenden Ausländer, die den Schweizern die einheimischen Frauen wegnehmen, ist der Wissenschaft seit längerem bekannt. «Dabei handelt es sich um ein archaisches Muster, das viel älter ist als die Moderne. Das hängt damit zusammen, dass die Frauen als das eigene Gut betrachtet werden», sagt Soziologie-Professor Kurt Imhof. Auch bei den italienischen Gastarbeitern – «der sexy transpirierende Bauarbeiter» – seien solche Ängste in den Sechzigerjahren von der Nationalen Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat geschürt worden.

Die Befürchtungen des TA-Lesers bezeichnet Imhof schon deshalb als unbegründet, weil viele Deutsche mit ihren Partnerinnen und Familien in die Schweiz kämen. Eine allfällige Bedrohung auf dem Heiratsmarkt ortet er allenfalls für die Schweizerinnen, weil die Schweizer Männer Weltmeister seien beim Import von Frauen aus dem Osten, aus Asien und Lateinamerika.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2008, 23:45 Uhr

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