Die Suche nach der Traumwohnung

Von Melanie Kollbrunner . Aktualisiert am 10.03.2010
Wohnen im Herzen der Altstadt ist für viele ein Traum. Dieser erfüllt sich aber nur für wenige. Besonders begehrt sind die vergleichsweise günstigen städtischen Wohnungen.
Gesuchter Standort: Städtische Wohnungen an der Schipfe. Bild: WireImage Foto: Nicola Pitaro

Die Stadt vermietet 9000 Wohnungen. Knapp ein Drittel davon ist mit Mitteln von Bund, Kanton und Stadt für – laut Liegenschaftenverwaltung – «bescheidenere Einkommen» vergünstigt. Auch die verbleibenden Objekte sind beliebt: Weil die Stadt im Gegensatz zu privaten Immobilienverwaltungen keinen Profit aus ihnen ziehen muss (der Mietzins berechnet sich aus den Kapital- und Bewirtschaftungskosten), sind sie verhältnismässig günstig und in Zeiten eines hart umkämpften Wohnungsmarktes besonders begehrt.

Immer mittwochs findet sich das Angebot auf der Internetseite der Liegenschaftsverwaltung und im «Amtsblatt». Entweder wird da der Besichtigungstermin genannt oder ein Zeitfenster, in dem der Interessent ab Tonband erfährt, wann und wo genau das Objekt angeschaut werden kann. Kürzlich gab es ein solches an einer Toplage: an der Schipfe, direkt an der Limmat. Die Probe aufs Exempel beweist, dass es gar nicht einfach ist, überhaupt Einblick in eine solche Wohnung zu erhalten.

Portion Glück gehört dazu

An einem Montag Ende Februar war es so weit: Nun heisst es, flink zu sein. Nur eine halbe Stunde lang erfahren Interessenten Adresse und Zeitpunkt der Besichtigung ab Tonband. Nicht jeder kommt durch, aber wem es gelingt, der weiss: Schon am Tag darauf im gleichen Zeitraum kann er oder sie an der Schipfe 39 eine 2-Zimmer-Wohnung besichtigen.

Es ist ein Haus mit Tradition: «Zur Fortuna» heisst das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert. Ab 1910 diente es als Obdachlosenstation «Am Berg», bevor es in den 80er-Jahren sorgfältig renoviert und wieder als Wohnhaus genutzt wurde. Beim Besichtigungstermin stellen die Interessenten die üblichen Fragen nach Parkmöglichkeiten, Kellerabteil und Ähnlichem. Die Wohnung gefällt den meisten, obwohl sie nicht zur Limmat ausgerichtet ist, sondern zur schmalen Fortunagasse. «Die Wohnung ist schön, aber ich werde mich nicht bewerben», sagt ein Besucher, «sie ist für den Preis zu dunkel und für einen Autobesitzer unpraktisch.»

Die Wohnung ist mit 1659 Franken Miete nicht günstig, aber ihr Vorteil ist eindeutig die unvergleichliche Lage. Die gesamte Schipfe gehört der Stadt, anders als die angrenzende Wühre, die mehrheitlich in Privatbesitz ist. Die Besucher zeigen sich geduldig; man weiss, dass städtische Wohnungen in der Innenstadt nicht einfach zu haben sind.

«Es geschieht höchstens zweimal im Jahr, dass hier eine Wohnung frei wird», verrät Hugo Stahel, Teamleiter der städtischen Liegenschaftenverwaltung im Kreis 1. Über seinen Schreibtisch gehen die Bewerbungen aller Interessenten, die infrage kommen. Und dies sind alle, die laut den Grundsätzen der Wohnungsvermietung folgende Bedingungen erfüllen: Die Personenzahl der Mieter darf nicht weniger als die Anzahl der Zimmer minus eins sein. Miete und Einkommen müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen, dabei werden Personen, die mit Kindern zusammenleben, bevorzugt. Stahel ergänzt, dass die Kriterien für jede Wohnung angepasst und präzisiert werden. So gibt es solche, die sich besonders für ältere Menschen eignen, und andere, in denen man sich Familien oder Paare vorstellt. Den jeweiligen Kriterien entsprechen jedoch mehrere Interessenten, so sei immer auch Glück im Spiel. Hugo Stahel: «Wichtig ist uns die Quartierpflege. Leute, die bereits im Kreis 1 wohnen, haben Vorrang.» Diese Tatsache macht es für «Auswärtige» schwierig, überhaupt in die Adresskarteien der Privilegierten zu kommen. Es fragt sich, ob nicht das Los eine faire Möglichkeit darstellen könnte, um allen infrage Kommenden die gleichen Chancen zu bieten.

Wer eine hat, darf bleiben

Die Bedingungen werden mit den Jahren nicht überprüft. Wer eine Stadtwohnung hat, der darf bleiben: «Wenn sich das Einkommen erhöht, so profitiert die Stadt von höheren Steuern», sagt Hugo Stahel. Inzwischen steht der neue Mieter im Haus «Zur Fortuna» fest. Ein Mann wird nächste Woche an die Schipfe zügeln. Zwar zieht er aus der Agglomeration hinzu, ausschlaggebend war aber, dass er mit dem Velo zur Arbeit fahren kann. Wenig Bewerbungen gingen ein: «20 bis 30 sind für einen solchen Standort gering», so Stahel. Dass sich nur eine überschaubare Menge Leute beworben hat, macht Hoffnung für jene, die dieses Mal nicht berücksichtigt wurden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 04:00 Uhr

Stichworte

Weitere Artikel Zuerich