Ein Mini-Casino, wo nur gepokert wird

Von Nicole Trossmann. Aktualisiert am 16.11.2008
17 Wirtschaftsstudenten suchen ihr Glück im Spiel und haben in Oerlikon das erste Zürcher Lokal eröffnet, wo nur gepokert wird. Schon in der ersten Nacht kamen rund 100 Besucher.
topelement Jeder hat ein anderes Pokerface: Alexander Tlili (3. v. l.), Alexandre Touihri (5. v. l.) und Mitbetreiber im Pokerpalace.
Am Samstagabend, Punkt sechs Uhr, öffnete an der Siewerdtstrasse 95 das erste Zürcher Pokerlokal. Einer der vier Geschäftsleiter, Alexander Tlili, strahlt: «Wir wurden überrannt.» Rund hundert Personen lockte der Pokerpalace an, ein gemischtes Publikum aus Jungen und Alten und gar 30 Prozent Frauen – in der eher männerlastigen Pokerwelt eine beachtliche Zahl. Das Pokerpalace ist das erste Lokal in Zürich, welches das Pokerspiel als Hauptbetrieb führt – andere Lokale, die das Kartenspiel anbieten, müssen für jedes Turnier einzeln eine Bewilligung einholen. In nur fünf Monaten realisierten die vier Betreiber Alexander Tlili, Alexandre Touihri, Daud Adil und Manuel Szekély ihre Idee, alles Wirtschaftsstudenten. Der Gedanke kam ihnen – wo sonst? – beim Pokern. Tlili und Touihri sind leidenschaftliche Pokerspieler und besuchten zusammen einen Event nach dem andern.

Streng nach internationalen Regeln

Dabei fielen ihnen zwei Dinge auf: Die Pokerabende waren stets sehr gut besucht, gleichzeitig fehlte der Standard. Denn von Turnier zu Turnier wechselten die Regeln; manche Veranstalter richteten sich nach europäischen Turnieren, manche nach internationalen oder spielten gar nach eigenen «Hausregeln». Diese Uneinheitlichkeit störte Tlili und Touihri. «Im Fussball spielt auch nicht jeder nach eigenen Gesetzen.» Sie wollten darum ein Lokal gründen, das sich an den international gültigen Regeln ausrichtet, den TDA Rules (Tournament Director Association), nach denen alle grossen, internationalen Turniere ablaufen. Mit dem Pokerpalace verfolgen die vier Betreiber das Ziel, dieses internationale Regelwerk in der Schweiz zu verankern und, ganz generell, die hiesige Pokerszene voranzubringen. Tlili: «Der nationale Pokerplatz soll sich weiterentwickeln; die Schweiz hinkt der globalen Szene etwas hinterher.»

Speziell am Pokerpalace ist nicht nur, dass die Begründungsmitglieder alle sehr jung, nämlich zwischen 19 und 25 Jahre alt sind, sondern das Geschäftsmodell überhaupt. So besteht die Aktiengesellschaft aus nicht weniger als 17 Personen. Alle Beteiligten seien passionierte Pokerspieler, erklärt Tlili und grinst. «Der Notar sagte, 17 Begründungsmitglieder – das hätte er noch nie erlebt.» 17 Mitglieder bedeutet auch, viele verschiedene Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu müssen. Tlili sieht darin kein Konfliktpotenzial, sondern vielmehr eine Chance: «So entsteht ein enormer Ideenpool und wir können auf das Knowhow von 17 Personen zurückgreifen. Zudem vermindert sich auch das finanzielle Risiko.»

Am Wochenende durchgehend offen

Pokern boomt, und die Konkurrenz schläft nicht. An der Heinrichstrasse eröffnet bald eine weitere, reine Pokerlounge. Tlili nickt. «Den Floorman, den Turnierleiter dort, den kenne ich, ein cooler Typ.» Angst vor dem Rivalen hat er dennoch keine. «Wir haben den besten Floorman der Schweiz, zehn Tische und 70 Parkplätze vor dem Haus. Ausserdem liegt der Ort ideal: Nebenan stehen Hallenstadion, Jill und Oxa und es befinden sich drei Autobahnanschlüsse in der Nähe.»

Die Betreiber realisierten ihre Idee in nur fünf Monaten. Aufwändig und kostspielig war es, die Bewilligung zu bekommen. Das Verfahren erstreckte sich über mehrere Monate, denn die beteiligten Ämter hatten eine solche Pokerbewilligung noch nie ausgestellt und mussten das Bewilligungsverfahren erst erarbeiten. Die jetzt vorliegende Bewilligung entspricht einem Casino-ähnlichen Status. Dies bedeutet, dass der Pokerpalace Freitag und Samstags durchgehend geöffnet sein darf, in den restlichen Nächten bis vier Uhr morgens. Tlili freut sich, denn seiner Meinung nach packt die Schweiz das Pokerfieber – wenn auch mit Verspätung

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2008, 23:45 Uhr

Interaktiv

Weitere Artikel Zürich