Junge Partygänger und Autonome randalierten aus Langeweile

Von René Donzé . Aktualisiert am 08.02.2010
Der Demonstrationszug am Samstag hat die Polizei kalt erwischt. Die Chaoten richteten riesigen Sachschaden an.
topelement Polizeivorsteher Daniel Leupi will mehr Polizeipräsenz auf den Strassen Zürichs. Markus Heinzer, newspictures Mehr Bilder (10)

Ein «völlig neues Phänomen» nannte Stadtpolizeisprecher Marco Cortesi den Chaotenzug durch die Zürcher Stadtkreise 4 und 5 am Tag danach. Damit meinte er die Mischung von Linksautonomen, Hooligans und Partygängern, die sich spontan zu einem Saubannerzug ohne politischen Inhalt formierte. Die meisten von ihnen glaubten offenbar zunächst, dass eine Party auf dem Carparkplatz beim Hauptbahnhof steigen sollte. Mehrere Hundert Personen fanden sich dort am Samstag gegen 22 Uhr ein. Sie waren auf verschiedenen Kanälen mobilisiert worden: Nach dem Fussballspiel FCZ gegen Xamax wurden Handzettel verteilt. Ein Grossteil war jedoch via Facebook und Handy auf den Anlass aufmerksam gemacht worden.

Die Stadtpolizei war völlig überrumpelt. Es habe keine Anzeichen für eine derart gewalttätige Aktion gegeben, sagt Cortesi. Statt einer Party kam es zu einem Saubannerzug. Rund 400 bis 500 Personen marschierten via Limmatplatz und Langstrasse zum Helvetiaplatz und dann zum Stauffacher. Unterwegs schmissen sie Schaufenster ein, demolierten Autos, rissen Jalousien herunter und versprayten Wände. Allein am Gebäude der Tamedia, die auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt, beläuft sich der Sachschaden auf gegen eine Viertelmillion Franken. Die Polizei gehe von «mehreren Hunderttausend Franken Schaden» aus, sagt Cortesi. An den Scheiben eines McDonald’s sprayten die Randalierer «Down USA», auf eine Hauswand «gegen Sexismus». Die Spur der Verwüstung war riesig - viel grösser als nach den Ausschreitungen zum 1. Mai.

Mit Steinen und Flaschen

Erst bei der Stauffacherbrücke konnte die Polizei den Zug stoppen. Der Übermacht von rund 500 Chaoten standen ein paar Dutzend Polizisten gegenüber. Mitglieder des Schwarzen Blocks und einige FCZ-Hooligans schossen mit Leuchtkörpern, Steinen und Flaschen auf die Polizisten. Diese reagierten mit Gummischrot und Tränengas. Ein Polizist wurde am Arm verletzt.

Weil die Polizei keine Hinweise auf die Demonstration gehabt hatte, konnte sie nur jene Polizisten einsetzen, die im Dienst waren. Verstärkt wurden sie durch Kantonspolizisten, die neuralgische Stellen schützten. Die Polizei übte sich in Schadensbegrenzung und konnte verhindern, dass der Zug in die Innenstadt gelangte. Verhaftet wurde niemand. Festnahmen sind laut Cortesi nur sinnvoll, wenn die Polizei den Festgenommenen auch Taten nachweisen kann, die zu Verurteilungen führen. Für die Beweisaufnahme habe es an Polizisten gefehlt. Bereits am Sonntag übten die SVP und Leser von Online-Portalen Kritik am kleinen Polizeiaufgebot. Wollte man jederzeit auf ein solches Ereignis vorbereitet sein, müsste das Kontingent an Diensthabenden massiv aufgestockt werden, sagt Cortesi.

Viele waren betrunken

Wer hinter der Aktion stand, weiss die Polizei noch nicht. Sie geht davon aus, dass nur rund 100 Personen der linksautonomen Szene zuzurechnen sind. Auch rund 50 Hooligans haben sich daruntergemischt. Der überaus grösste Teil waren junge Mitläufer. «Viele von ihnen standen offenbar unter massivem Alkoholeinfluss», sagt Cortesi.

Zuvorderst trugen die Chaoten ein 10 Meter breites Transparent mit dem Schriftzug «Reclaim the Streets». Diese Bewegung wehrt sich gegen Regeln und Restriktionen. Sie hat verschiedentlich Strassen-Tanzpartys durchgeführt - oft friedlich. In Zürich war es jedoch 2003 zu Ausschreitungen gekommen. Damals betrug der Schaden 80 000 Franken.

Wie an der Fasnacht

Hinter dem Transparent folgten zwei Wagen, wie sie auch an der Fasnacht gezogen werden: Einer stellte einen weissen Polizeiwagen dar, der andere ein Häuschen. Ein Beobachter rechnet einen Teil der Demonstranten den Hausbesetzern an der Kalkbreite zu. Diese haben ein Ultimatum der Stadt erhalten, die Liegenschaft bis 12. März zu räumen.

Nachdem die Polizei den Zug an der Stauffacherbrücke gestoppt hatte, verzogen sich einige Chaoten wieder ins Nachtleben. Auf dem Rückzug war die Gruppe bereits geschrumpft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2010, 06:41 Uhr

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