So werden Schwarzfahrer gejagt

Von David Sarasin . Aktualisiert am 24.03.2009
Sie nennen sich Kundenberater, ihr Arbeitsplatz sind die Trams und Busse der Stadt Zürich. Dort stellen sie Fahrgäste ohne Billett. Ein Abend unterwegs mit einer VBZ-Patrouille.
Die VBZ-Kontrolleure im Einsatz. (Bild: Tom Kawara) Bild: WireImage

16.30 Uhr, Depot Hard beim Escher-Wyss-Platz. Im Sitzungszimmer treffen sich die Kundenberater an diesem Dienstag zur Strategiebesprechung. Für die Spätschicht ist eine Schwerpunktkontrolle angesagt, eine Methode, bei der ganze Busse oder Trams kontrolliert werden. Zwölf Mann decken sich mit Einzahlungsscheinen ein, jeder vorbedruckt mit 80 Franken. Sie nehmen die grauen Geräte von der Ladestation; damit werden sie später Personen registrieren und Quittungen ausdrucken. Dann schwärmen sie aus.

17.10 Uhr, Haltestelle Neuaffoltern. Die zwölf Kundenberater positionieren sich in Zivil dort, wo die Buslinien 32 und 62 aufeinandertreffen. An einem Ort also, an dem möglichst viele Busse verkehren, wie Serviceleiter Willi Schiegg erklärt. Er stülpt sich eine Leuchtweste über; seine Kollegen verteilen sich vor dem Wartehäuschen, tippen auf ihren Geräten herum oder rauchen Zigaretten. Der erste 32er rollt heran. Schiegg signalisiert dem Chauffeur, dass eine Kontrolle stattfindet. Einige Kontrolleure steigen ein, die anderen fangen die aussteigenden Fahrgäste ab. Ein älterer Mann streckt einem Kundenberater das Ticket direkt ins Gesicht und schimpft. Der Kundenberater bleibt ruhig. Beschimpfungen müssten sie sich fast täglich anhören, wird er später sagen. «Man darf das nicht persönlich nehmen. Schliesslich sind nicht wir gemeint, sondern die VBZ.» Ein Satz, der wie aus dem Lehrbuch für Kontrolleure klingt. Ein Jugendlicher steht geknickt zwischen zwei Kundenberatern. «Ou, wür mi aaschiisse», ruft ihm eine Bekannte im Vorbeigehen zu. Er lächelt. Die Fahrgäste im Bus beobachten das Schauspiel aus der ersten Reihe.

18.30 Uhr, 14er Richtung Milchbuck. Die Gruppe ist auf fünf Kontrolleure geschrumpft. Die anderen sieben sind nun als Chauffeure unterwegs, oder sie regeln den Verkehr rund um eine Demo in der Innenstadt. Die fünf entscheiden sich für eine Tram-Kontrolle. In einem «normalen» Tram, wie einer sagt, denn für eine Cobra seien sie zu wenig. Sie steigen in den nächsten 14er ein, verteilen sich im hinteren Wagen. Weil die Strecke zwischen den ersten Stationen zu kurz ist, warten sie ab. Dann, der Schlachtruf der Kontrolleure: «Billette vorweisen, bitte!» Es wird unruhig in den Sitzreihen. Die Passagiere beginnen in ihren Taschen zu wühlen. Eine junge Frau steht auf und drückt auf den Halteknopf. Sie wird zuerst kontrolliert - sie fährt schwarz. Das Abwickeln der Formalitäten läuft dann ruhig, ja fast unsichtbar ab. Es wirkt, als ob Berater und Schwarzfahrerin Geheimnisse austauschen würden.

19.10 Uhr, Haltestelle Sonneggstrasse. Zufälle bestimmen den Rhythmus der Tour. Fährt einer schwarz, steigen die Kundenberater mit aus und landen mitten in einem Wohnquartier. Dort wartet man auf das nächste Tram und hat bis dahin Zeit zum Reden. «Wie sieht der typische Schwarzfahrer aus, Herr Schiegg?» - Werner Schieggs illusionslose Antwort aus Erfahrung: «Es fahren alle schwarz.»

19.35 Uhr, Central. Schiegg und seine Kollegen wollen dem Jagdberichterstatter nun die rauere Seite des Kundenberater-Alltags zeigen. Wir fahren an die Langstrasse und steigen in einen 32er in Richtung Limmatplatz ein. Der Bus ist rappelvoll. Zwei junge Damen fahren ohne gültiges Billett. Sie sprechen kaum Deutsch, haben kein Geld bei sich. Nach umständlichen Diskussionen mit Händen und Füssen entscheiden sich die Kundenberater für einen Besuch beim nächsten Polizeiposten. Eine Polizistin tastet dort die beiden Frauen ab. Auf dem Tresen landen Kondome, Frischhaltetücher, Kaugummis. Kein Geld. Nach einem zwanzigminütigen Papierkrieg erhalten die beiden Schwarzfahrerinnen je einen Einzahlungsschein ausgehändigt. «Morgen, morgen, morgen. Zuerst arbeiten», versichern sie.

21.00 Uhr, Restaurant Oase. Nachtessen in der SBB-Kantine im Hauptbahnhof. Die fünf sprechen über dies und über Fussball und die anstehende Töffsaison. «Wir wissen sehr viel voneinander. Die meisten im Team arbeiten schon seit mehr als zehn Jahren zusammen, und man hat bei der Arbeit viel Zeit zum Reden», sagt einer.

22.35 Uhr, Forchbahn. Nach dem Essen gehts zum Stadelhofen, auf die Forchbahn. Doch die Stichprobenkontrolle ist wenig ergiebig. Die Wagen sind leer. Bei der Station Waldburg treffen die fünf von den VBZ auf einen Kollegen von der Forchbahn. Nett gemeinte Sticheleien fliegen hin und her. Der Protokollschreiber verabschiedet sich, während die Kundenberater auf die nächste Bahn Richtung Stadt warten. Bis ein Uhr morgens werden sie weiter kontrollieren, ihre Schichtbilanz dann: 2803 Fahrgäste wurden kontrolliert. 43 davon fuhren ohne gültiges Billett. Macht eine Schwarzfahrerquote von 1,53 Prozent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2009, 06:36 Uhr

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