Was verstehen Sie genau unter urbanem Wohnraum?
Dieser setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: aus der Dichte und der Art der Bebauung, aus belebten öffentlichen Räumen, aus den Läden und Restaurants, die sich in einem Stadtteil befinden. Solche Qualitäten neu herzustellen, ist nicht einfach. In Neu-Oerlikon oder Affoltern ist es der Stadt bis jetzt nur teilweise gelungen. Zürich-West ist zwar gedrängt bebaut und verfügt über ein starkes urbanes Image. Der Anteil der Büroflächen liegt hier aber viel zu hoch, damit längerfristig ein lebendiges Quartier entstehen könnte.
Als Hauptproblem gilt die Verdrängung der weniger reichen Bevölkerung. Was aber ist so schlimm daran, wenn nicht mehr jeder im Seefeld wohnen kann? Schliesslich akzeptieren auch viele, dass die Goldküste ihr Budget übersteigt.
Das Problem ist, dass Quartiere homogen und damit langweilig werden, wenn dort nur noch einkommensstarke Menschen leben. Man kann Urbanität definieren als das Ausmass der Unterschiede, die auf engstem Raum aufeinandertreffen und sich gegenseitig anregen. Diese Gegensätze gleichen sich in sogenannt aufgewerteten Quartieren aber stark an. Das zeigt sich bereits im Seefeld. Aber auch in London oder Paris, wo aufregende Viertel ziemlich eintönig geworden sind. Diese Städte sind aber so gross, dass sich das urbane Leben in andere Quartiere verlagern kann. Im kleinen Zürich fehlen solche Ausweichmöglichkeiten fast völlig. Nach dem Seefeld kommt bereits die Stadtgrenze. Die eigene Attraktivität droht Zürich zum Verhängnis zu werden.
Oft werden die zugewanderten Wirtschaftsleute als Negativbeispiele angeführt. Stimmt der Vorwurf, dass sie sich nicht um ihr Quartier kümmern?
Es ist oft so, dass man sich weniger in seiner Umgebung engagiert, wenn man weiss, dass man bald wieder weiterzieht. Es gibt aber auch unter Schweizern völlig unterschiedliche Verhaltensweisen. Längst nicht alle verankern sich im Quartierleben. Manche betrachten die Stadt einfach als zeitgemässe Kulisse für ihre Aktivitäten.
SP und Grüne setzen vor allem auf die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Eine sinnvolle Strategie?
Ich denke schon. Die öffentliche Hand und die Genossenschaften können nicht nur tiefe Preise garantieren, sondern auch eine hohe Belegung. Im Luxussegment werden heute Wohnungen mit teilweise über 200 Quadratmetern angeboten, Wohnungen, in denen dann vielleicht eine oder zwei Personen leben. Dadurch nimmt die Bewohnerdichte deutlich ab, was auch einen Verlust von städtischer Qualität bedeutet.
Wie konnte es zu dieser Situation kommen?
Es gibt den äusseren und den inneren Druck. Zürich, wie viele Boomstädte weltweit, erlebt einen enormen Wachstumsschub. Der knappe urbane Wohnraum ist in wenigen Jahren extrem begehrt geworden, gerade auch unter einkommensstarken Schichten.
Und der innere Druck?
Zentral ist die BZO Hofmann, die der Regierungsrat der Stadt vor 14 Jahren aufgezwungen hat – und zwar gegen den Volkswillen. Die Bau- und Zonenordnung ermöglicht an vielen Orten einen sehr hohen Anteil an Büronutzung. So verringert sie den Wohnanteil und ist damit stark mitverantwortlich für die jetzige Situation. Ausserdem hat die Stadt, etwa im Kreis 4, zu lange an ihren Aufwertungsmassnahmen festgehalten, auch als bereits klar war, dass sie nicht mehr nötig sind. Damit hat sie die Preisspirale selber weitergedreht.
Was halten Sie von Zonenplänen, die vorschreiben, wie hoch die Mieten oder der Anteil genossenschaftlicher Wohnungen sein dürfen?
Solche Vorschriften können hilfreich sein. Man kann sie aber nur in Neubaugebieten durchsetzen, und die sind in Zürich rar. Um den Markt besser steuern zu können, braucht es Gesetzesänderungen auf Bundesebene, etwa im Mietrecht.
Das kann sehr lange dauern. Was kann die Stadt machen?
Zürich braucht endlich eine richtige Diskussion, wie sich die Stadt entwickeln soll. Ein erfolgversprechender Ansatz wäre sicher, die Aussenquartiere stärker zu verdichten. Wobei Dichte nicht zwingend urbane Qualität bedeutet. Hier muss man vorsichtig vorgehen. Ausserdem sollte sich Zürich stärker als Einheit mit seinen Nachbargemeinden sehen. In diesem Punkt ist auch der Kanton gefordert.
Verdichtung in Ehren: Aber Grossprojekte in Aussenquartieren stossen fast überall auf erbitterten Widerstand.
Das ist so. Und macht die Diskussion umso nötiger.
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(Tages-Anzeiger)