«Die Radikalität der Gegner stösst mich ab»

Von Janine Hosp . Aktualisiert am 04.09.2008
Millionär Frank Binder möchte die Villa Winkelwiese in der Zürcher Altstadt übernehmen. Im Quartier, so sagt er, würden jedoch Unwahrheiten verbreitet, damit er sie nicht bekommt.

Herr Binder, bisher mieden Sie die Öffentlichkeit. Nun besuchen sie Quartierveranstaltungen und Pressekonferenzen, weil sie die Winkelwiese übernehmen wollen. Was gefällt Ihnen an diesem Stück Land so gut?
Ich bin ein grosser Fan von Zürich, und ich liebe die Altstadt; sie ist ein lebendiger Ort und wirkt nicht museal. Als ich vor 27 Jahren nach Zürich kam, um zu studieren, konnte ich mir noch keine Wohnung in der Altstadt leisten. Es war aber immer mein Wunsch, hier zu wohnen, und so würde für mich mit der Winkelwiese ein Traum in Erfüllung gehen. Sie ist eine Idylle, die man hier, im Herzen der Stadt, nie vermuten würde. Ich bin vom Grundstück bezaubert – wie jeder, der es sieht.

Sie sind einer der Erben des Pharmakonzerns Merck und konnten sich keine Wohnung in der Altstadt leisten?
Nein, wir Kinder sind von unseren Eltern nicht verwöhnt worden. Wir mussten unseren eigenen Weg gehen.

Haben Sie als Student gearbeitet?
Sicher, ich war Taxifahrer. Es tut gut, wenn man alle Seiten des Lebens sieht und nicht mit dem goldenen Löffel im Mund aufwächst.

Weshalb liessen Sie sich bisher nicht einmal fotografieren?
Ich stehe nicht gerne in der Öffentlichkeit. Es geht auch nicht primär um meine Person, sondern um den Baurechtsvertrag und das Projekt. Die Stadt hat eine optimale Lösung für das Grundstück gesucht und einen guten Baurechtsnehmer, und sie ist der Meinung, dass beide Punkte erfüllt sind. Aber leider führt die Gegnerschaft nun eine Kampagne, die es erfordert, dass ich an die Öffentlichkeit trete.

Quartierbewohner haben gegen das Projekt das Referendum ergriffen. Das ist ihr gutes Recht.
Das stimmt. Mühe habe ich aber mit der Art und Weise, wie einzelne Gegner die Kampagne führen. Sie bedrängen die Unentschlossenen im Quartier und schneiden die Befürworter. Zudem verbreiten sie gezielt Unwahrheiten und erzeugen so Widerstand. Diese Radikalität erschreckt mich und stösst mich ab.

Was stimmt nicht, was die Gegner erzählen?
Es ist zum Beispiel falsch, dass eine 2,50 Meter hohe Mauer um das Grundstück gebaut werden soll. Niemand will in einem Gefängnis wohnen.

Aber eine kleinere Mauer bauen Sie?
Nein, ich will keine Mauer bauen. Falsch ist auch, dass die Vorgaben der Ausschreibung nicht eingehalten worden sind – es waren sehr strenge Auflagen, und bei der Stadt hat man peinlich genau darauf geachtet, dass sie eingehalten wurden. Besonders beschämend finde ich aber, dass sich einzelne Gegner die latente Angst vor Überfremdung zu Nutze machen und behaupten, ich sei Deutscher; ich bin Schweizer seit Geburt. Ich habe auch schon gehört, dass man mich als Feudalherrn betitelt. Gerade deshalb sollen die Leute sehen, dass ein ganz normaler Mensch hinter dem Projekt steht.

Können Sie denn trotz Ihres Vermögens ein ganz normaler Mensch sein?
Ich meine, ja. Bisher ist es zumindest möglich gewesen. Ich habe gute Freunde in der Altstadt, und wir sitzen, wie andere Leute auch, gerne in einem Café und plaudern. Ich kenne Menschen aus allen Schichten.

In einigen Punkten haben die Gegner aber auch Recht. Sehr viele Leute würden tatsächlich nicht in der grossen Villa wohnen.
Die Gegner behaupten, es seien zwei Personen, und das ist definitiv falsch. Wir wären drei Parteien: Ein Haushälterpaar, allenfalls mit Kindern, meine Mutter, vielleicht auch nicht alleine, und meine Lebenspartnerin und ich. Ich gehe zudem davon aus, dass wir beide, bis das Haus einmal steht, auch nicht nur zu zweit einziehen würden ... Mir persönlich wäre es für zwei Personen eher zu gross.

Recht haben die Gegner mit dem Argument, dass Ihre Villa nicht gerade aussieht wie ein Altstadthaus.
Der Massstab entspricht sicher nicht einem mittelalterlichen Altstadthaus, er entspricht aber den Villen aus dem 19. Jahrhundert in der Nachbarschaft. Unser Projekt thematisiert den Übergang von der Stadtseite zur Gartenseite und verzahnt die beiden miteinander: Zur Stadt hin ist die Fassade in Anlehnung an die Nachbargebäude ruhig, zum Garten hin öffnet sie sich mit den Terrassen. Es ist kein «Monstergebäude», wie manche Gegner behaupten. Grundfläche und Höhe sind sogar etwas kleiner als bei der bestehenden Villa Landolt. Es ist moderne Architektur, selbstverständlich, aber das entspricht den Auflagen. Wir haben mit grosser Sorgfalt am Projekt gearbeitet, um der Lage und dem Quartier gerecht zu werden. Nach Meinung von Fachleuten ist dies auch hervorragend gelungen. So steht zum Beispiel der Architekturkritiker Benedikt Loderer voll und ganz hinter dem Projekt und ist Mitglied im Pro-Komitee.

Weshalb ist der Widerstand gegen Ihr Projekt dennoch so gross?
Ich sehe drei Triebfedern: Die erste ist die politische Ideologie – die linken Parteien sind dagegen, alle anderen dafür. Die zweite sind private Interessen: Manche Anwohner wollen einfach keinen Baulärm haben. Und die dritte Triebfeder sind persönliche Emotionen. Die Bewohner der Altstadt können an ihren geschützten Häusern praktisch nichts verändern. Wenn nun jemand in der Nachbarschaft ein neues Haus bauen darf, erzeugt dies bei manchen ein Gefühl von Missgunst.

Haben Sie einen derart grossen Widerstand erwartet, als Sie vor drei Jahren Ihre Offerte eingereicht haben?
Nein, das habe ich nicht. Dieser Widerstand schmerzt schon. Aber ich fühle mich auch herausgefordert und will zeigen, dass es sich um ein gutes Projekt handelt: Wenn ich mit sachlichen Argumenten Leute vom Projekt überzeugen kann – selbst solche, die das Referendum unterschrieben haben -, ist das ein Erfolgserlebnis. Ich habe so auch sehr schöne Erfahrungen gemacht und viele Menschen kennen gelernt. Manche unterstützen das Projekt sogar öffentlich, obwohl sie dafür Nachteile in Kauf nehmen müssen.

Die Gegner möchten, dass der Garten für alle zugänglich ist. Würden Sie ihnen so weit entgegenkommen?
Die öffentliche Zugänglichkeit ist ein heikles Thema. Manche Anwohner möchten den Garten mit der Trittliwiese zusammenlegen. Aber dafür ist das Grundstück ungeeignet, weil es sehr abgeschieden ist. Auf der Trittliwiese haben sich in den 80er-Jahren Randständige niedergelassen. Die damaligen Zustände fürchten alle im Quartier. Abgesehen davon, ist bereits der Park der nahen Villa Tobler öffentlich zugänglich, er wird aber kaum genutzt. Für die Stadt wäre es ein unglaublicher Luxus, an diesem Ort einen weiteren öffentlichen Garten einzurichten und auf die Einnahmen aus dem Baurecht zu verzichten.

Sie wohnen seit 1981 in Zürich. Was verbindet Sie mit der Stadt?
Für mich ist Zürich die attraktivste Stadt überhaupt. Mir gefällt der See mit den Bergen, die Altstadt – es ist ein Privileg, hier zu leben. Auch kulturell hat die Stadt viel zu bieten. Wir besuchen gerne Opern, Konzerte und Theater, vor allem Kleintheater gefallen uns. Wir spazieren aber auch gerne einfach durch die Stadt.

Was sagen Ihre Bekannten dazu, dass Sie in der Stadt Zürich wohnen, die verglichen mit Steuerparadiesen wie Wollerau oder Zumikon hohe Steuern verlangt?
Das beschäftigt meine Bekannten nicht. Der Steuerfuss steht für mich nicht im Vordergrund, sondern die Lebensqualität. Ich zahle gerne etwas mehr, wenn ich dafür in der Stadt wohnen kann statt draussen, wo nichts los ist.

Sie wohnen heute im Seefeld. Bleiben sie dort, wenn die Vorlage abgelehnt würde?
Ich wäre enttäuscht, nicht nur wegen mir, auch wegen allen anderen Beteiligten, die viel Herzblut in das Projekt gesteckt haben – die Angestellten der Stadt, die Architekturteams, die Jury. Ich müsste Alternativen suchen. Nur wenn wir nichts Vergleichbares im Zentrum fänden, könnte es auch ausserhalb der Stadt sein.

Würden Sie sich wieder bewerben, wenn Sie wüssten, was auf Sie zukommt?
Ich würde es mir sicher zweimal überlegen – der Preis dafür ist hoch. Nun habe ich aber einen Vertrag mit der Stadt, und ich halte mich daran. Ich bin zuversichtlich, dass die Stimmbürger sehen, welche Vorteile der Baurechtsvertrag für sie und die Stadt bringt. Unsere Erfahrung bei der Mehrheit der Quartierbewohner zeigt: Wer die Fakten kennt und richtig informiert ist, steht hinter dem Projekt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2008, 07:50 Uhr

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