Häppchen, Wein und angenehmes Licht: Tinto an der Langstrasse.
In Spanien isst man Tapas an jeder Ecke – auch bei Sternekoch Ferran Adrià in der Bar Tickets in Barcelona. Nun schwappt die Häppchenwelle auf Zürich über: Im Hotel Renaissance gibt es eine Tapas-Bar, in der Clouds-Bar stehen Tapas auf der Karte. Neu eröffnet wurde nun an der Langstrasse das Tinto – Tapas y Vino. Ursprünglich sollte hier David MartÍnez Salvany kochen. Es gab jedoch Bauverzögerungen – und der Starkoch ist mittlerweile im neuen Restaurant Clouds engagiert. Chef im Tinto ist sein ehemaliger Lehrling Marius Frehner, der lange in Spanien arbeitete.
Hinter dem Lokal stehen Frank Ebinger von der Weinhandlung Casa del Vino und Cédric Schweri, Enkel des Denner-Gründers, der bereits in Mexiko ein Edel-Tapas-Lokal führt. Edel ist auch das Lokal an der Langstrasse: neue Holztische, Steinwandimitationen, stylische Weinbar. Angenehm ist das warme, gelbe Licht. Wir bestellen Tapas, dazu den leichten Cava rosado von Raventós y Blanc (11 Fr. / dl). Die Albondigas, also Fleischbällchen, schmecken gut – bleiben jedoch das einzige Häppchen mit genug Salz; das Gemüse und die Sardinen sind zwar frisch, aber zu fad. Das gilt auch für den Stockfischsalat, der zudem etwas wässrig ist.
Fast zu nett
Aber wir haben ja noch Pläne: ein Essen im Restaurantteil des Lokals. Mit «Mini Dame» werden wir hier begrüsst, die Tische sind weiss gedeckt. Der Kellner ist – das schreiben wir hier zum ersten Mal – vielleicht fast etwas zu nett. Der «Latino-Charme», der hier gemäss Schweri zelebriert werden soll, scheint in der eingeschweizerten Variante noch nicht ganz zu sitzen.
Wie in einem Edel-Restaurant serviert der Kellner den drei Damen etwas zum Knabbern (leckere Kalbskopf-Chips), später ein Amuse-Bouche (gelungenes Austernpilz-Mousse). Seine Frage, ob wir einen Rotwein «mit Ecken und Kanten» möchten, bejahen wir. Er rät zum Clos d’Agon Tinto (Fr. 13.50 / dl) – der dann nicht den Kriterien entspricht, sondern sich vielmehr als edler, runder Tropfen entpuppt.
Die Hauptspeise Perlhuhnbrust auf konfierten Zwiebeln ist gelungen. Ebenso gut schmeckt der Pulpo. Nicht überzeugen kann das Kartoffelpüree, auf dem der Pulpo angerichtet ist, da es offenbar mit dem Mixer gerührt wurde und eine klebrige Konsistenz hat. Zudem eher störend die Tomaten-Knoblauch-Coulis dazu: Da dominiert der Geschmack von altem Knoblauch. Auch die Knoblauchkruste auf dem Seeteufel dürfte dezenter sein – fein ist aber das in Rotwein geschmorte Wurzelgemüse dazu.
Als Vorspeise probierten wir Selleriepüree mit pochiertem Ei und Schweinskinnbacke. Das Fleisch ist knusprig gebraten (Achtung: viel Fett!) und machte Lust auf mehr. Mehr als zwei Fleischwürfel als Kontrast zu Püree und Ei, beide von weicher Konsistenz, wären denn auch willkommen gewesen. Apropos Konsistenz: Die Crema catalana wird in Form von Espuma serviert. Das ist zwar kreativ, jedoch kommt sie ans Original nicht ran – nach zwei, drei Löffeln wird man des zitronig schmeckenden Schaums überdrüssig.
Fazit der drei Damen: Mehr Ecken und Kanten, nicht nur beim Wein, würden nicht schaden. Ausser bei Licht und Stimmung – da fühlt man sich rundum aufgehoben.
Hauptspeisen 36 – 49 Franken
(Zueritipp)
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