Im Zürcher Hotel Atlantis

Von Florian Leu . Aktualisiert am 01.09.2010
Im obersten Stock drehen Studenten eine Komödie, im untersten packen Asylbewerber ihre Sachen. Das Hotel Atlantis – eine Parabel aus Beton.
Hingeworfene Habseligkeiten einer flüchtigen Existenz: Hotelzimmer im Atlantis (l.). Filmstudent Lorenz Schmid während einer Drehpause.

Unten: In seinem rosa Leibchen rennt Dejan Vukovic durch die graue Lobby und ruft mir durch die Stille zu: «Grüezi!» Er ist 17 Jahre alt, kam vor 17 Monaten in die Schweiz, trägt eine Mütze der New York Yankees und ein Lächeln mit 1000 Watt. Er sei gekommen, weil er in Belgrad durch die Hölle gegangen sei. Mehr gebe er nicht preis, sonst gehe ihm der Kopf kaputt.

Dejan: Einer der 75 Asylsuchenden, die im Atlantis leben, dem Fünfsternehotel aus den Siebzigern, in dem Muhammad Ali schlief, nachdem er seinen Gegner umtänzelt hatte. Eine Woche ist Dejan noch hier, dann packt er seine Kleider und seine drei Bibeln, die deutsche, die serbische, die zürichdeutsche, und zieht in einen Container nach Altstetten. Ein Jahr war er hier, kennen gelernt hat er nur den Nachtwächter. 330 Asylbewerber lebten hier, die meisten davon blieben meist in ihrem Zimmer. Seine Freunde hat Dejan am Bahnhof gefunden. Eines Abends ging er in die Stadt, stand eine Ewigkeit am Treffpunkt, überwand sich und ging auf Leute zu, die serbisch sprachen. Während Dejan erzählt und in die Dämmerung schaut, schrillt sein Handy. «Ruf später an», sagt er barsch und legt wieder auf. «Meine Freundin», sagt er stolz und drückt den Kinnbart, den er nicht hat. «Mein bester Freund ist Gott», sagt er sanft und schweigt lange. Ein Mann mit Taschen betritt die Lobby, schaut sich um, runzelt die Stirn. Er bringe die Kostüme für den Film. Wir zeigen nach oben.

Oben: Im fünften Stock geht Lorenz Suter von Raum zu Raum, raucht auf der Terrasse mit der Stadt zu seinen Füssen und denkt über seinen Film nach. Seit einem Jahr arbeitet er an seinem Abschlussprojekt für die ZHdK, schrieb das Drehbuch und trieb 72 000 Franken auf für seine Komödie «Der ewige Tourist». Die Geschichte spielt in Spanien. Das Atlantis, vor 40 Jahren an den Hang geklotzt, könnte auch an einer Küste stehen. In der Nachbearbeitung wird ein Techniker alles so aussehen lassen, als stünde es am Wasser. Freie Sicht aufs Mittelmeer, hergestellt am Rechner. Manchmal steht Lorenz neben der Treppe und blättert im Drehbuch. Die Treppe kann man nicht nutzen. Sie ist verbarrikadiert. Doch durch ein Gitter kann man hinabschauen. Meist hört man nichts. Manchmal geht ein Hotelbewohner mit einer Plastiktüte die Treppe runter. Das knistert ein bisschen. Mehr bekommen die Filmer von den Leuten unter ihnen nicht mit.

Unten: Der Tamile, der sich mit Beni unterhalten hat, heisst Suresh Ponnuthurai. Mit Frau und Tochter lebt er im ersten Stock und hat Filme immer gemocht. Geschichten aus Bollywood, die in der Schweiz gedreht wurden. Er mag es, dass die Studenten ein paar Meter über ihm an ihren Träumen arbeiten. Suresh kämpfte mit den Tamil Tigers gegen die Singhalesen, fünf Jahre lang. Er zieht die Hosen hoch und zeigt mit seinem schönen Lächeln die Stellen, an denen sie ihm in die Beine geschossen haben. Kleine, glänzende Flecken.

Vor knapp zwei Jahren verliess er mit Frau und Tochter über Nacht seine Heimat im Indischen Ozean. Heute ist die Kleine drei, tanzt zwischen Müllsäcken, zieht Fotos aus Papierstapeln. Suresh trägt darauf noch einen Bart und lächelt unsicher. Der Bart ist mittlerweile ab – für Suresh der einzige Nachteil an seinem Nebenjob in einem Fünfsternehotel am See, in dem er die Zimmer putzt. Das kleine Mädchen singt ein Lied ohne Melodie und bringt noch ein Bild: Suresh mit einem Verwandten in Herisau. Das Leben in der Schweiz sei gut, sagt er. Wenn er Gewürze braucht, fährt er zur Josefstrasse, in deren Umkreis sich rund zwei Dutzend tamilische Geschäfte befinden. Wenn er Sport treiben will, geht er auf die Fritschiwiese, wo Tamilen am Abend jeweils Faustball spielen. Wenn er sich mit seinen Eltern in Sri Lanka unterhalten will, spricht er eine halbe Stunde mit ihnen am Telefon. Wenn er nur mit seiner Familie sein will, kehrt er ins Hotel Atlantis zurück, in dem es so still ist, als wäre keiner da, still wie auf dem Meeresgrund.

Oben: Stefan Küenzler ist ein Regieassistent mit zwei Händen, der zehnmal so viele brauchen könnte. Er telefoniert ohne Pause, rennt durch die Gänge, holt Leute vor dem Hotel ab, weil nur er einen Schlüssel hat, mit dem man bis ganz nach oben kommt.

Auf dem Set gibt es einige Zimmer, die bunt wie Bonbons sind, liebevoll eingerichtet, präzis gestrichen, detailliert ausgestattet, im Aschenbecher liegen zwei perfekt ausgedrückte Zigaretten. Hier wird gedreht.

Unten: Er nennt sich Max und wohnt im zweiten Stock, ein Spezialist der Geduld. Aus Nigeria sei er gekommen, übers Mittelmeer. In einem Gummiboot, vor zwei Jahren. Seit einigen Monaten hat er ein Zimmer im Atlantis. Meist kocht er für eine Woche vor, dann kann er die ganze Zeit in seinem Zimmer bleiben. Genauer: In seinen etwa 14 Quadratmetern aus verblichener Tapete, muffigem Spannteppich, abgestandener Luft. Wenn er Hunger hat, macht er den Schrank auf und holt einen Topf mit Reis raus, wärmt ihn auf einer Platte, streut Salz drauf, fertig.

Ein Asylbewerberleben in Stichworten: aufstehen um acht, in der Bibel lesen bis neun, Lieder singen bis elf, essen bis zwölf, in der Bibel lesen bis drei, Lieder singen bis fünf, Liegestützen bis halb sechs, Fernsehen bis Mitternacht, auf dem Balkon sitzen bis irgendwann und auf die Stadt schauen, deren Lichter zu zittern scheinen.

Er wolle dorthin gehen können, wo er hinwolle, sagt Max. Das könnte er, wenn er wollte. Das Hotel ist Tag und Nacht offen. Doch Max geht nie raus. Mit anderen essen, das könne er nicht, weil sie andere Essgewohnheiten hätten. Deshalb bleibe er lieber allein.

In einer Woche wird er seine längste Reise der letzten Monate machen. Er und fast alle Bewohner des Hotels ziehen dann um nach Altstetten in eine Containersiedlung. Wenn es nach der Besitzerin geht, kommen ins Hotel dann Luxuswohnungen rein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 14:09 Uhr

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