Geh heim, Tourist

Beliebte Städte leiden unter dem Massentourismus. Wer auf eigene Faust reist, hält sich für etwas Besseres, ist aber ein Teil des Problems.

Touristinnen auf grosser Fahrt – und in Fotografierlaune.

Touristinnen auf grosser Fahrt – und in Fotografierlaune. Bild: Reuters

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Leben, wo andere Ferien machen – ein Traum? «Einige der schönsten Gegenden der Stadt werden für Bürger unzugänglich. Sie müssen darauf verzichten, in manchen Vierteln der eigenen Stadt zu leben», sagt die Venezianerin Elisa Crepaldi. Auch der Aktivist Pere Perelló aus Palma de Mallorca zählt Probleme auf: «Gentrifizierung, Vertreibung der Menschen aus ihren Stadtteilen, das Verschwinden lokaler Geschäfte – unter anderem.» Der globale Tourismus wächst und mit ihm der Unmut vieler Einheimischer – ausgerechnet an den Orten, auf die sich Millionen Menschen jährlich freuen.

Die Reisebranche erlebt ein Rekordjahr nach dem anderen, mit klaren Trends wie Städtereisen und extremen Wachstumsraten bei einzelnen Zielen. «Noch nie war die Auslastung so komplett, die Preise so hoch und die Saison so lang», schrieb die «Mallorca Zeitung» Ende Juni. Im Sommer werden am Flughafen von Palma täglich bis zu 180'000 Passagiere abgefertigt. In der Hauptsaison komme auf jeden Bürger der Balearen im Schnitt ein Tourist, sagte der örtliche Tourismusminister Biel Barceló schon letzte Saison. Wunderbar für ein Land wie Spanien, das mit hoher Arbeitslosigkeit kämpft?

Nein, denn «eine Minderheit profitiert auf Kosten der Mehrheit», klagt die Protestgruppe «Ciutat per a qui l’habita» («Die Stadt denen, die sie bewohnen») auf Mallorca. Sie hat sich im Oktober 2016 aus mehreren Bürgerinitiativen zusammengeschlossen und kürzlich eine Art Manifest veröffentlicht. Die Stadt, die darin beschrieben wird, kann einem nur leidtun: Läden für den Alltagsbedarf werden durch Souvenir- und Franchisegeschäfte ersetzt, Märkte verwandeln sich in «Entertainment-Center für Touristen», Menschen leben «in Angst, aus Wohnung und Nachbarschaft vertrieben zu werden». Man erlebe eine «Zerstörung der Insel».

Die Einheimischen verzweifeln

Auch die Venezianerin Elisa Crepaldi stellt fest: «Die Einheimischen sind verzweifelt und immer unduldsamer gegenüber all den Touristen – auch gegenüber den gebildeten und respektvollen, die man in den Mengen gar nicht mehr von den anderen unterscheiden kann.» Das kleine Venedig gilt längst als Symbol für zerstörerischen Tourismus, wo nur noch einige Zehntausend Altstadtbewohner mit jährlich mehr als 30 Millionen Besuchern leben müssen. Aber sind grosse Städte nicht gross genug für alle? Alltagserfahrung und Studien zeigen das Gegenteil: Auch in Metropolen konzentrieren sich die Besucherströme in der Regel auf bestimmte Hotspots – sowohl tagsüber als auch bei Übernachtungen. In Barcelona etwa hat sich die Zahl der jährlichen Besucher in den letzten drei Jahrzehnten massiver erhöht als in irgendeiner anderen Stadt – auf mittlerweile 30 Millionen, die sich verlässlich auf bestimmte Viertel stürzen. Die Folge sind Demonstrationen, von Balkonen hängende Protestbanner mit Forderungen wie «Tourist Go Home» – und die Wahl einer Bürgermeisterin, die als Aktivistin gegen unkontrollierten Massentourismus bekannt wurde.

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In vielen Hafenstädten wird es vor allem während der Kreuzfahrttagesausflüge extrem, so etwa in Dubrovnik: Manche Experten befürchten, dass die engen, überfüllten Gassen bei einer Panik zur Todesfalle werden könnten. Zur Enge kommt nervtötendes Verhalten: «Anstand und Respekt scheint ein Grossteil der Besucher vergessen zu haben», so der Eindruck von Elisa Crepaldi in Venedig. «Wer mit dem Velo durch die Gassen fahren will, sein Auto auf dem Markusplatz parkiert oder zum Baden in den Canal Grande springt, hat ganz offensichtlich keine Ahnung von der Stadt.»

Die 27-jährige Deutsche Nora Müller lebt teilweise in Palma und engagiert sich ebenfalls bei «Ciutat per a qui l’habita». Sie sagt: «Wir fordern die Stadt für ihre Bewohner zurück.» Dabei gehe es nicht darum, eine bestimmte Art des Tourismus zu bevorzugen, sondern darum, den Massen «ein klares Limit zu setzen».

«Böse Pauschalurlauber, gute Individualreisende» funktioniert nicht mehr

Diesem Ziel würden viele Europäer, die gerne individuell und möglichst authentisch reisen, sicher aus ganzem Herzen zustimmen – dabei gelten sie selbst als Problem. Die Zuordnung «böse Pauschalurlauber, gute Individualreisende» funktioniert nicht mehr. «Die Pauschalreisenden sind meistens in ihren Hotels und Stränden, fast wie in einem Ghetto, und stören die Nachbarschaft kaum», beobachtet Nora Müller auf Mallorca. Die wachsende Zahl an Ferienwohnungen und Boutiquehotels dagegen habe ganz andere Auswirkungen auf das normale Leben der Einwohner. «Man hat als Reisender vielleicht das Gefühl, man sei etwas Besonderes in seiner kleinen Wohnung, aber auch so ist man ein Teil von Massen.» Und diese verdrängten in der Stadt Wohnraum.

Solche Einschätzungen häufen sich. Die grösste spanische Tageszeitung «El País» zitierte in einem Text über «Tourismophobie» den Stadtforscher Paolo Russo: Die meisten Probleme entstünden «durch das alltägliche Zusammenleben» von Gästen und Einwohnern. Orte wie Benidorm, Lloret de Mar oder die Kanaren hätten bereits vor Jahrzehnten Zonen geschaffen, die komplett dem Tourismus gewidmet sind. Das Leben der Einheimischen finde – ungestört – anderswo statt. Anderswo als in begehrten Altstädten eben. Ausgerechnet die Reisenden also, die so stolz auf ihre authentischen Erlebnisse sind, beeinträchtigen das Leben der Einheimischen mehr als die verschrienen Pauschalreisegruppen, spätestens wenn die Mieten steigen. Touristifizierung scheint ähnlich wie Gentrifizierung zu funktionieren: Diejenigen, die sie mit auslösen, wollen sich von Kritikern nicht angesprochen fühlen und sehen sich selbst als positive Ausnahme.

Solche gegensätzliche Selbst- und Fremdwahrnehmungen erkennt auch der Tourismusforscher Jeroen Oskam von der Hotelschool Den Haag: «In Berlin haben 2016 eine Million Airbnb-Besucher geglaubt, nicht Teil einer Masse zu sein.» Sein Institut untersucht die Rolle der bekanntesten Vermittlungsplattform in europäischen Metropolen. Das Marketing von Airbnb sei brillant: «Das Image eines typischen Touristen, der Selfies vor dem Eiffelturm macht, wird Airbnb-Reisenden gegenübergestellt, die ganz entspannt in Häusern sitzen und sich kreativ miteinander die Zeit vertreiben.»

Auch der Airbnb-Nutzer ist ein Tourist

Bekanntlich suchen alle Touristen Orte ohne Touristen, sagt Oskam: «Hotels können da nie mithalten, denn wer in ein Hotel geht, ist per Definition ein Tourist. Aber das bedeutet nicht, dass Airbnb-Nutzer keine Massentouristen sind.» Airbnb bestreitet dagegen negative Effekte und weist darauf hin, dass die Vermietung von Privatwohnungen vielen Stadtbewohnern Einnahmen verschafft.

Die mallorquinische Protestgruppe «Ciutat per a qui l’habita» beklagt dagegen das Vorgehen von Spekulanten und Investoren. In kleinem Massstab genutzt, biete die Sharing-Economy durchaus mögliche Vorteile für die Einwohner, nicht jedoch in dem grossen Stil, wie sie vielerorts von mächtigen Unternehmen betrieben werde. Man wende sich deshalb nicht gegen einzelne Reisende oder Eigentümer von Ferienwohnungen, sondern gegen die wirtschaftlichen Entwicklungen, die dahinterstünden.

«Der Anteil der Spekulation variiert zwischen den Städten je nach der örtlichen Kontrolle», sagt Forscher Jeroen Oskam. «Sowohl Hotels als auch Airbnb tragen zur Überlastung von Städten bei.» Der Unterschied sei, «dass Städte Hotels bis zu einem gewissen Punkt regulieren können, bei Vermietungen wie über Airbnb ist das noch nicht gelungen».

Genau diese Beschränkungen aber fordern Bürger in Städten weltweit; in New York, Amsterdam und Berlin mit ersten Ergebnissen. Sie befinden sich dabei aber teils in Konflikt mit den eigenen Nachbarn, denn die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt durchaus verschieden aus. Der Schrecken der einen ist der Lebensunterhalt der anderen, auch was Souvenirshops und Touristenkneipen betrifft. «Es gibt eben auch die, die ihre Augen verschliessen vor dem Verfall, weil man an dieser Art von Tourismus viel verdienen kann», so die Venezianerin Crepaldi.

Auf den Balearen läuft mittlerweile eine offizielle Kampagne für nachhaltigen Tourismus, doch die geht vielen nicht weit genug. Aktivisten wie Pere Perelló fordern nicht nur, dass die Vermietung von Ferienwohnungen in Mehrfamilienhäusern verboten bleibt, sondern auch, dass überhaupt keine neuen Hotels oder andere Unterbringungsmöglichkeiten in Palma mehr entstehen dürfen. Ein ähnliches Moratorium wurde unter der Bürgermeisterin Ada Colau in Barcelona bereits durchgesetzt. Venedig debattiert indes immer wieder über Massnahmen wie Rollkofferverbote. Ende April wurde angekündigt, Personenzähler an einzelnen Brücken einzusetzen. Wie dies genau ablaufen soll und mit welchen Konsequenzen, blieb unklar.

Ein Problem ist die Lebensqualität, die unter zu viel Tourismus leidet, andere sind der Denkmal- und Naturschutz. Und die Grenzen sind fliessend. Viele Orte auf der Welt haben Kontingente und Einschränkungen für Besucher eingeführt, mit genau definierten Obergrenzen pro Tag oder Saison. Manchmal werden Menschen gezählt, manchmal Autos. Zum Beispiel am markanten Berg Half Dome im US-Nationalpark Yosemite, in den Habitaten der Berggorillas in Ruanda oder in der Ruinenstadt Machu Picchu in Peru, wo künftig nur noch vormittags und nachmittags 3600 beziehungsweise 2700 Menschen an Touren teilnehmen dürfen. Norwegen will bald einige Fjorde für veraltete Kreuzfahrtschiffe sperren lassen. In Island fällt ein für Juli geplantes Festival der Popband The XX kurzfristig aus, nachdem die Location auf eine Naturschutzliste gesetzt worden ist.

Der Spagat zwischen Profit und Nachhaltigkeit fällt vielerorts schwer. Aus Thailand war zuletzt von einem Hin und Her auf der Insel Ko Phi Phi zu hören. Dort wurde am Strand der Maya Bay der Kinofilm «The Beach» mit Leonardo DiCaprio gedreht. Seitdem wird der Ort täglich von Hunderten stinkenden Ausflugsbooten angesteuert. Experten fordern eine lange Schliessung der Bucht für Besucher, damit sich die Korallen erholen können – diese wurde nun einmal mehr verschoben.

Geldmacherei auf Kosten von Natur und Einheimischen bleibt also das grosse Thema. Tourismuskritiker wollen auch das Argument, Urlauber brächten Arbeitsplätze, nicht uneingeschränkt gelten lassen. In Spanien beispielsweise wird der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandprodukt auf 16 Prozent geschätzt. Die Aktivisten von Palma prangern an, dass viele Jobs prekär seien, weil viele Mitarbeiter in der Nebensaison entlassen würden oder Putzfrauen für schlechten Lohn in immer weniger Zeit immer mehr Zimmer säubern müssten.

Wenn der Tourismus schon so wichtig ist, dann soll er wenigstens ein gutes Leben ermöglichen.

Geldmacherei auf Kosten von Natur und Einheimischen bleibt das grosse Thema.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2017, 20:15 Uhr

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