«Der Tramchauffeur bewies keinen Mut»
Interview: Lucienne-Camille Vaudan. Aktualisiert am 03.02.2012 109 Kommentare
«Zivilcourage ist mit Risikobereitschaft verbunden»: Peter Schaber ist Professor für angewandte Ethik an der Universität Zürich. (Bild: www.philosophie.uzh.ch)
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Herr Schaber, was ist Zivilcourage?
Zivilcourage hat damit zu tun, in der Öffentlichkeit Mut zu beweisen. In der Regel versteht man darunter das Handeln normaler Bürger, die für Leute einstehen, die ungerecht behandelt werden. Zivilcourage ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden, das der Handelnde bereit ist, in Kauf zu nehmen.
War die Warnung des Tramchauffeurs ein Akt der Zivilcourage?
Ich weiss nicht, warum man diese Handlung als Zivilcourage verstehen soll. Der Tramchauffeur musste keinen Mut beweisen. Zum Einen bestand für die Passagiere vermutlich keine akute Gefahr, zum Anderen ist der Tramführer kein Risiko eingegangen.
Muss man sich in Lebensgefahr begeben, um Zivilcourage zu beweisen?
Nein. Mut heisst, angesichts einer drohenden Gefährdung zu handeln. Das kann physische Gewalt sein, aber auch Sanktionen, wie zum Beispiel Ächtung, oder den Job zu verlieren. Deswegen ist Zivilcourage nicht selbstverständlich.
War es falsch, die Passagiere vor angeblichen rumänischen Bettlern zu warnen?
Ich möchte sein Handeln auf keinen Fall werten, weil ich die Hintergründe nicht kenne. Möglicherweise kannte er die beiden Männer und wusste bereits, dass sie betteln würden. Oder vielleicht waren sie besonders aufdringlich. Dann kann man seine Reaktion vielleicht als richtig empfinden. Aber es gibt viele Handlungen, die richtig und trotzdem nicht couragiert sind.
Wie unterscheidet sich denn gutes Handeln von Zivilcourage?
Zivilcourage ist moralisch richtig, aber nicht jede moralisch richtige Handlung ist auch Zivilcourage. Wenn ein Mensch am Boden liegt und Sie die Ambulanz rufen, haben Sie richtig gehandelt, aber mit Zivilcourage hat das nichts zu tun. Sie sind keine Gefahr eingegangen, sondern haben eine moralische Pflicht erfüllt.
Viele Leute scheinen der Meinung zu sein, der Tramchauffeur habe die Passagiere schützen wollen, und loben seine Durchsage.
Ich vermute, dass die Handlung des Tramchauffeurs deswegen gewürdigt wird, weil es ungewohnt ist, dass ein Tramchauffeur über seine Dienstpflichten hinaus für die Passagiere aktiv wird. Es ist eine unerwartete Form der Aufmerksamkeit. Ähnliches beobachte ich, wenn ein Tramführer seinen Fahrgästen einen schönen Tag wünscht; eine kleine, alltägliche Geste, über die sich die meisten von uns sehr freuen.
Woher kommt dieses Aufmerksamkeitsbedürfnis?
Der öffentliche Raum in Städten ist durch Anonymität charakterisiert. Wir bewegen uns in einer gesichtslosen Masse. Wenn jemand unerwartet einen persönlichen Ton anschlägt, ist das eine positive Überraschung.
War es nun rassistisch, aufgrund von Vermutungen die Nationalität der beiden Männer zu nennen?
Wie gesagt, ich kenne den genauen Hergang des Vorfalles und die Motive des Chauffeurs nicht. Man muss unterscheiden: Wenn es keine Indizien gab, dass sich die Personen unangenehm verhalten werden und die Nennung der Nationalität aufgrund von stereotypischen Vorurteilen geschah, dann wäre das rassistisch. Aber vielleicht kannte er die Männer und seine Aussage beruht auf Erfahrung.
Viele Vorurteile und Stereotypen haben sich derart eingebürgert, dass sie oft wohl unbewusst geäussert werden. Muss man dann trotzdem von Rassismus sprechen?
Wir neigen zur Stereotypisierung. Dass das manchmal unbewusst geschieht, macht es nicht besser.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.02.2012, 13:13 Uhr
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109 Kommentare
"...aber auch Sanktionen, wie zum Beispiel Ächtung, oder den Job zu verlieren." Eben. In FB schreien bereits die ersten SPler danach, gegen den Chauffeur vorzugehen. Angesichts dieser übereifrigen Sektierer von Political Correctness war die Durchsage überaus mutig. Antworten
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