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«Immer mehr Ärzte kommen aus dem Osten»

Von Daniel Fopa. Aktualisiert am 18.02.2011

Die Schweiz bildet zu wenig Ärzte aus. Bisher rekrutierte sie den fehlenden Bedarf vor allem in Deutschland. Nun kommen immer mehr Ärzte aus Osteuropa.

Medizin: Schweizer Spitäler stellen zunehmend osteuropäische Ärzte an.

Medizin: Schweizer Spitäler stellen zunehmend osteuropäische Ärzte an.

(Bild: TA-Grafik/Quelle: FMH, Universitätskonferenz)

*Freiburg bietet neu ein 3. Studienjahr an (Bachelor), jedoch kein vollständiges Studium. Die Universität Neuenburg verfügt über keine klinischen Plätze.

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Bundesrat Didier Burkhalter brachte es an einer Tagung im November 2010 auf den Punkt: «Unser Gesundheitswesen ist abhängig von der Gesundheitspersonalpolitik der benachbarten Länder.» Wenn etwa Deutschland etwas gegen die Abwanderung von qualifiziertem Personal tue, treffe das die Schweiz direkt.

Genau dies scheint nun einzutreffen. Denn die Spitalärzte in Deutschland konnten nach einem intensiven Arbeitskampf bessere Lohnbedingungen durchsetzen. Dadurch stieg die Arbeitszufriedenheit: Laut einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund wollten 2007 rund 53 Prozent der Spitalärzte ihrem Krankenhaus den Rücken kehren. 2010 waren es noch 44 Prozent.

Die Folgen für die Schweiz: Es wird schwieriger, deutsche Ärzte anzuwerben. Zwar stammt laut der Ärzteverbindung FMH immer noch der grösste Teil der eingewanderten Ärzte aus Deutschland: 2009 waren in der Schweiz 30 166 Ärzte tätig. 7132 stammten aus dem Ausland und 4026 davon aus Deutschland. Die Zahlen für 2010 werden im März publiziert. Laut FMH hat sich der Zustrom aus Deutschland jedoch abgeschwächt. Die Zahl osteuropäischer Ärzte steigt hingegen stark an (siehe Grafik). Dies ist auch eine Folge der schrittweise auf die neuen EU-Länder ausgeweiteten Personenfreizügigkeit.

Deutsche kehren zurück

Die Spitäler sind auf das neue Rekrutierungspotenzial angewiesen. «In Deutschland finden wir nicht mehr so einfach Ärzte», sagt Stefan Bärlocher, Verwaltungsleiter des Spitals Linth in Uznach SG. Dort stammen inzwischen 6 von 24 Assistenzärzten aus Ungarn, Polen und der Ukraine. Sprachlich sei das nicht unproblematisch, sagt Bärlocher: «Meist muss die Pflegekraft helfen, denn sie weiss, was der Arzt sagen will.»

Oliver Schneider, Verwaltungsratssekretär der Solothurner Spitäler AG, sagt: «Die Tendenz geht dahin, dass immer mehr Ärzte aus dem Osten kommen.» Vor allem in der Psychiatrie sei es schwierig, Ärzte deutscher Muttersprache zu finden – «obwohl es genau dort wichtig wäre, dass keine Sprachbarrieren bestehen.» Auch Christa Baumann, Leiterin Human Resources vom Zürcher Triemli-Spital, bestätigt: «Wir stellen fest, dass deutsche Ärzte zunehmend nach Hause zurückkehren.» Trotzdem sei die Zahl osteuropäischer Ärzte bisher eher klein, da der Kanton Zürich ihnen nur zurückhaltend eine Arbeitsbewilligung erteile.

Ethische Verpflichtung

Die Ärzte selbst reagieren besorgt auf den Trend, dass zunehmend Ärzte in Osteuropa rekrutiert werden: «Anstatt die Ärzte selber auszubilden, holen wir sie aus Polen und Rumänien. Diese Länder müssen auf Weissrussland zurückgreifen – mit der Folge, dass dort ein grosser Ärztemangel herrscht», sagt FMH-Präsident Jacques de Haller. Für ihn ist es auch eine ethische Verpflichtung, dass die Schweiz ihre Ärzte selber ausbilden sollte: «Unsere Universitäten müssten pro Jahr rund 850 Ärzte ausbilden. Tatsächlich sind es aber nur etwa 650.» Das Interesse am Medizinstudium wäre indes weit grösser. So mussten die Unis vergangenes Jahr aus Platzmangel 1277 Personen abweisen – obwohl sie den Eignungstest für das Medizinstudium absolviert hatten.

Das Problem ist auch beim Bund bekannt. Doch sind ihm die Hände gebunden, weil die Ärzteausbildung Kantonssache ist. Immerhin hat Bundesrat Burkhalter für den Frühling einen Bericht zur Bedarfsplanung bei der Ärzteausbildung angekündigt. Zudem verweist er darauf, dass die Ausbildungskapazitäten in den vergangenen Jahren leicht gestiegen sind (siehe Grafik). Laut Burkhalter dürften ab 2015 jährlich zwischen 850 und 900 Ärzte diplomiert werden.

Mehr liege nicht drin, heisst es bei der Schweizerischen Universitätskonferenz. «Limitierende Faktoren sind die Finanzen der Kantone und die Zahl der klinischen Ausbildungsplätze», sagt Generalsekretärin Martina Weiss. Ein Nicht-Universitätskanton überweise einem Universitätskanton rund 250 000 Franken für die sechsjährige Ausbildung eines Medizinstudenten. «Das ist nicht kostendeckend», sagt Weiss. Und die klinischen Ausbildungsplätze in den fünf Uni-Spitälern könnten nicht grenzenlos ausgebaut werden: «Man kann nicht einen Professor mit beliebig vielen Studierenden im Schlepptau von Patientenbett zu Patientenbett gehen lassen.»

Bund soll Kantone zwingen

Im Parlament laufen trotzdem Bestrebungen, die Kantone zur weiteren Erhöhung der Ausbildungsplätze zu zwingen. Per Motion fordert die Wissenschaftskommission des Nationalrats, die Vergabe von Bundesgeldern an medizinische Fakultäten müsse an die Bedingung geknüpft werden, dass diese eine gewisse Mindestzahl an Studienplätzen anbieten. Je nach Uni stammen 20 bis 30 Prozent des Budgets vom Bund. Dies will man im Parlament nun ausnützen. «Wir müssen die Zange ansetzen. Sonst geschieht nie etwas», sagt die Zürcher CVP-Nationalrätin Kathy Riklin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2011, 08:32 Uhr

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