«Mir ist egal, wer ‹Kult› liest»
Interview: Lucienne-Camille Vaudan. Aktualisiert am 27.12.2011 11 Kommentare
Rainer Kuhn ist Betriebsökonom, Werber und Herausgeber des satirischen Zeitgeistmediums «Kult».
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Herr Kuhn, weshalb kommt ‹Kult› zurück?
‹Kult› kommt nicht zurück. Kult war schon immer da. Seit 1997. Einfach in einer anderen Form. Von 1997 bis 2007 als gedrucktes Magazin, dann als Blick-Kolumne, seit 2009 als Online-Plattform. Und ab 2012 zusätzlich jeden Monat als klassische Broadsheet-Zeitung. Blog to print. Die besten Blogs des vorangegangenen Monates in gedruckter Form.
Es werden bereits publizierte Blogbeiträge abgedruckt. Wollen die Leute das Gleiche zweimal lesen?
Die Online—Leserschaft ist eine andere als die Offline-Leserschaft. Es gibt kaum Überschneidungen. Zudem wirken dieselben Texte online anders, als wenn sie formal klassisch gestaltet im traditionellsten Medium, der Zeitung, publiziert werden.
Im Zeitalter der Onlinekommunikation erscheint ‹Kult› wieder auf Papier und zwar in einem unhandlichen und teuren Zeitungsformat. Warum?
Weils mir gefällt so. Und weils grad in der schnelllebigen und flüchtigen Zeit der elektronischen Medien von den Lesern als Kontrapunkt geschätzt wird.
Was ist ‹Kult›? Beissende Satire, scharfe Kritik, Nonsens?
Die Inhalte ergeben sich aus dem täglichen Leben und aus dem, was sich in den Medien so abspielt. Es sind in der Regel Kommentare dazu. Meistens lustig, manchmal auch bös oder auch daneben. Das kann passieren, wenn man nichts zensuriert. Aber diese Nichtzensur ist wiederum das Erfrischende daran. Im ‹Kult› lesen und lasen Sie schon immer Ansichten und Formulierungen, die Sie so in keinem anderen Medium finden.
Woran liegt das? Sind die Zürcher zu trocken, fehlt es an Mut aus dem Mittelmass auszuscheren?
Das liegt nicht am Publikum. Das liegt hauptsächlich an der heutigen Form des Mediengeschäftes. Da geht es um Reichweite, um Zahlen, um Marktmacht. ‹Kult› hat diesbezüglich keine grossen Ambitionen. ‹Kult› ist ein Nischenmedium. 90% der Medienerzeugnisse hingegen sind Konzernmedien. Da kann man halt nicht machen was man will. Wir schon. Dazu brauchts auch keinen Mut. Mut brauchts nur, wenn man Angst hat. Kult hat keine Angst. Unserem Publikum gefällt genau das.
Sie haben kein Zielpublikum?
Wir richten uns nicht an eine bestimmte Leserschaft. Es ist eher umgekehrt: Das Publikum findet ‹Kult›. Aber wenn Sie ungefähre Zahlen hören wollen: Die Leser sind altersmässig zwischen 20 und 40, bewegen sich tendenziell in der Region Zürich und bestehen aus je 50% weiblichen und männlichen Lesern. Aber mir ist egal, wer ‹Kult › liest. Hauptsache er hat Spass daran.
Sie hatten Autoren wie die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek an Bord. Wer wird nun für ‹Kult› schreiben?
Das ändert sich immer wieder. Zurzeit sind es Midi Gottet, Alex Flach, Marianne Weissberg, David Cappellini, Henrik Petro, Reinhold Weber und Robin Rehmann. Daneben melden sich auch immer wieder witzige Gastblogger zu Wort.
Andere Satiremagazine kürzlich die ‹Hauptstadt› erlitten nach kurzer Zeit Schiffbruch. Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für die Lancierung eines Printmagazins?
‹Kult› war eines der ersten Magazine in der Art überhaupt. Danach kamen eine Menge Kopien und Produkte von Leuten, die glaubten, sie wissen, wie so was funktioniert und könnten das auch. Haben sie aber in der Regel nicht, darum gibt es die meisten auch nicht mehr. Man muss schon wissen, wie so was geht. Und man braucht auch ein bisschen Erfahrung in diesem Bereich. Die habe ich seit bald 15 Jahren. Ich mache all die Fehler, die die Neuen machen, nicht mehr. Aber hauptsächlich muss das Produkt halt gut gemacht sein. Es braucht eine Seele. Sonst funktioniert es nicht.
‹Kult› erlaubt sich, politisch nicht korrekt sein zu müssen. Gibt es eine Grenze?
Es ist erlaubt, was gefällt. Die Grenze bildet höchstens das eigene Gewissen. Und das bleibt auch so.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.12.2011, 17:01 Uhr
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