Konstanz ist schön

Graue Story, graue Figuren, bunte Wälder und schöne Bilder: Der neue Konstanz-«Tatort» «Winternebel» ist ein abverheiter Krimi mit Postkarten-Impressionen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nebel überm See. Graue Schwaden, aus denen der bunt gefärbte Wald ragt, Sonnenschlieren, die durch die Schleier linsen: Konstanz im Winter. Und plötzlich rast ein sportlich aufgemotztes Auto mitten hinein in die Romantik, überschlägt sich, und wir sehen einen blutübertsrömten Kopf in Nahaufnahme, einen stöhnenden Mund, eine tastende Hand.

So schlägt der Puls von Patrick Winczewskis Regie im neuen Konstanz-«Tatort» mit dem Titel «Winternebel»: schwer lyrisch und hoch dramatisch. Drehbuchautor Jochen Greve – der sich als Tatortianer bisweilen hervortat (zuletzt mit «Grosser schwarzer Vogel») – hat für dieses Pingpong gleich zwei Krimis in den einen hineingepackt. Hier schwemmt der See die Leiche eines ertrunkenen Fährangestellten mit Kopfverletzung an – das ist Kai Perlmanns Fall (Sebastian Bezzel). Und da erschiesst der Thurgauer Major Matteo Lüthi (Roland Koch) auf deutschem Boden einen Flüchtenden; in Notwehr, wie er sagt, doch dafür gibt’s keinerlei Belege. Das ist Klara Blums Fall.

«Hätte, hätte, hätte»

Während Bezzel in dieser – der 26. Blum-Bodensee-Episode – auch dann blass bleibt, als er mit der dekorativen Kantonspolizistin (Isabelle Barth) endlich die beiden Fälle zusammenführt, wird bei den zwei Bossen ein wenig koloriert. Oder zumindest zart mit Tränen aquarelliert. Stück um Stück legt Lüthi seine traumatische Erfahrung bei einer Zürcher Entführung offen («Er isch drüehalb gsii») und darfs einmal sogar seinem Luzerner Kollegen Flückiger gleichtun und «Vertamisiech» sagen. Eva Mattes’ Blum haut darob so richtig rein und intoniert «hätte, hätte, hätte»; die Fahrradkette lässt sie weg, dafür wirft sie dem von ihr hochgeschätzten Kollegen Selbstmitleid vor. Immerhin.

Gschpürschmiguete Länderbeziehungen

Der Rest – also der Kern des Krimis – ist Klischee. Die Tochter eines geldbesessenen schweizerischen Baulöwen (Benedict Freitag als dickbebrillter Bonze) mit einem spektakulären Glas-Beton-Bungalow ist entführt worden, aber er sagt der Polizei nichts und zwingt auch seine Frau, zu schweigen. Weil wir im 21. Jahrhundert sind, ist es die Tochter, die Schneid hat, früher gegen ihren Papa rebellierte und jetzt gegen ihren Entführer (vielversprechend: die 1991 geborene Annina Euling). Und während wir gespannte Beziehungen zu unserem grossen Nachbarkanton haben, läufts hier, im Kleinen, auf Polizeibene, gspüürschmiguet zwischen Deutschland und der Schweiz.

Dies alles wird in lahmen Dialogen und herzigen Verfolgungsjagden durch die hübsche Konstanzer Altstadt erzählt. Da kann auch die klassische Kreisdramaturgie mit der flotten Pointe am Schluss nichts mehr retten. Was hingegen immer wunderschön kommt: Konstanz-Impressionen, im Morgenrot, im Winternebel, überhaupt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.10.2014, 21:45 Uhr)

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie nach Filmschluss die «Tatort»-Kritik und das Rating der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturredaktion – und beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Kommentarspalten.

Rating

«Tatort»-Folge: «Winternebel»


Spannung
Glaubwürdigkeit
Reiz des Milieus
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wie viele Sterne verdient die Folge?







Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Reptilien in Not: An der Grenze zwischen Paraguay und Argentinien tummeln sich Kaimane auf der Suche nach Wasser in einem Tümpel, da der Fluss Pilcomayo kaum noch Wasser führt. (25. Juni 2016)
(Bild: Jorge Adorno) Mehr...