Dieses Internet war böse

Die Münchner «Tatort»-Kommissare begaben sich auf Terra incognita.

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In unserer digitalen Zeit findet eine dramatische Kompetenzverschiebung statt, und dieser «Tatort» gab ein Anschauungsbeispiel. Teenager bastelten Portale, knipsten Fotos, drehten Filme und luden das Ganze ins Web, das ihnen eine selbstverständliche Spielwiese war. Aber sie verhielten sich eben auch, wie Teenager sich seit je verhalten: naiv und zugleich gefallsüchtig, immun gegenüber den Warnungen und Ängsten der Erwachsenen. Und so schweiften sie leider arglos und schrecklicherweise auch in die Schattenwelt des Webs, wo Perverse lauern.

Die «Digital Immigrants», die Kommissare und Eltern, standen ratlos daneben. Ihre Fragen offenbarten schlimme Ahnungslosigkeit. «Waren das die aus dem Internet?», rätselte die Mutter des Ermordeten, der Bilder von sich online verkauft hatte. «Wieso hat er solche Fotos auf seinem Handy, wenn ihr kein Paar seid?», wollte Kommissar Batic von einem Mädchen wissen, das mit Opfer und Täter eine pubertäre, permanent in Smartphones gespiegelte Dreiecksbeziehung pflegte. «Weisst du, was eine App ist?», erkundigte sich Kommissar Leitmayr bei Kollege Batic.

Arme alte Kommissare

Zum Glück für die beiden war da noch der junge Assistent Hammermann. Er kannte sich aus in diesem Internet und zeigte den beiden, dass man für zeitgenössische Kriminalistik den Bürostuhl nicht verlassen muss: Er knackte Handys, hackte Computer und reaktivierte gelöschte Festplatten. Der digitale Raum ist ein Spuren-Eldorado, weit grösser und ergiebiger als die meisten realen Tatorte. Benutze man eine Zahnbürste mit digitalem Signal, so könne die NSA die Mahlzeiten der letzten drei Wochen rekonstruieren, erklärte mal Evgeny Morozov, der weissrussische Web-Philosoph.

Doch was bleibt in dieser hypervernetzten Überwachungswelt übrig für die alten, einzelgängerischen, im Analogen verhafteten Kommissare? Etwas Koordinationsarbeit bloss und ein paar verunglückte Verhöre, geriatrisches Imponiergehabe und ein bisschen Nostalgie. Das war wohl ein ziemlich realistisches Abbild – ein spannender Film ergab sich so aber leider nicht. Am Schluss richtete der unertappte jugendliche Täter die Waffe gegen sich. Die Kommissare kamen zu spät und konnten nur hilflos die Arme heben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.12.2014, 23:58 Uhr)

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