«Verfrühte Sexualkunde bricht das kindliche Schamgefühl»

Sexualität werde in der Schule totgequatscht, sagt Bestsellerautorin Birgit Kelle. Sie wehrt sich dagegen, dass man Kinder zu früh aufklärt.

Wie soll man Kinder aufklären? Birgit Kelle findet: «Behutsam.»

Wie soll man Kinder aufklären? Birgit Kelle findet: «Behutsam.» Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Frau Kelle, Sie finden, dass der Sexualkundeunterricht an den Schulen den Kindern mehr schade als nütze.* Inwiefern?
Ich bin nicht grundsätzlich gegen den Aufklärungsunterricht an den Schulen, aber ich störe mich an der allgemeinen Tendenz in Europa, die Sexualkunde ständig auszuweiten und das Alter der Kinder, die darin unterrichtet werden, massiv zu senken. Früher hat man die Aufklärung erst in den weiterführenden Schulen unterrichtet, inzwischen fängt das in der dritten Klasse an. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Kinder ab vier Jahren aufzuklären. Das ist übergriffig.

Warum übergriffig?
Weil in den Augen von kleinen Kindern Sexualität in erster Linie etwas Erwachsenes ist: Etwas, das die Erwachsenenwelt betrifft und mit ihnen selbst nichts zu tun hat. Das merken Sie ja, wenn Sie mit Kindern fernsehen und sie peinlich berührt sind, wenn sich zwei Erwachsene im Film küssen. Sie schämen sich. Auch viele Erwachsene schämen sich übrigens.

Gerade das ist doch ein guter Anlass, mit Kindern über Liebe und Sexualität zu sprechen. Zu sagen, dass Zuneigung nichts ist, wofür man sich schämen muss.
Natürlich, solange der Fokus auf der Lebenswelt der Kinder bleibt und sich ihrem Alter angemessen gestaltet. Kleine Kinder etwa sollen verstehen, wie ein Kind entsteht, und welche körperlichen Unterschiede es bei Mädchen und Buben gibt. Das sind Fragen, die sie interessieren.

Allerdings hat im Aufklärungsunterricht ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Es gibt Sexualpädagogen, die wollen jetzt bereits Kindergartenkinder mit «sexueller Vielfalt» konfrontieren. Jetzt will man über die vielen Arten von Sexualität reden und tut dies unter dem Deckmantel, für die Akzeptanz von Homo- und Transsexuellen zu kämpfen. Das ist keine Aufklärung, sondern eine gezielte Heranführung nicht nur an verschiedene Formen von Sexualität, sondern teilweise sogar Sexualpraktiken.

Was stört Sie denn daran, wenn Kinder wissen, dass gewisse Männer andere Männer lieben?
Das stört mich nicht. Ich habe meinem siebenjährigen Sohn auch erklärt, was Schwulsein bedeutet, als er mich danach fragte. Es geht genau darum: Aufklärung macht dann Sinn, wenn Kinder fragen und etwas wissen wollen. Und dann muss man dem Alter entsprechend erklären. Einen Siebenjährigen interessiert da nicht Analverkehr und Aidsprävention, sondern die Frage, wie sich die Freundschaft zu seinem besten Freund von Homosexualität unterscheidet. Aber wenn bestimmte Lehrmittel, etwa das Buch «Sexualpädagogik der Vielfalt», als Übung vorsehen, ein Bordell einzurichten, dann geht das entschieden zu weit. Man konfrontiert Kinder mit Dingen, die in ihrem Leben noch keine Rolle spielen, und bricht ihr Schamgefühl.

Sie plädieren stattdessen für «altersgerechte» Aufklärung. Was heisst das?
Zentral bei der Aufklärung ist die Form, in welcher man das tut. Sexualität ist eine sensible Angelegenheit, weil sie den Intimbereich betrifft. Darum ist es wichtig, diesem Thema behutsam zu begegnen, es nicht mit Informationen zu überfrachten. Dafür braucht es auch Nähe und Vertrauen.
Als Mutter wird mir schlecht, wenn Experten sagen: Kinder haben ein Recht auf Sexualität. Das ist die Erwachsenensicht! Im besten Fall probiert man Sexualität in einem geschütztem Rahmen aus, wenn man so weit ist. In der Schule quatscht man alles tot, so verfliegt dieser Zauber, der ja auch zur Sexualität gehört.

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Sollen Kinder möglichst früh aufgeklärt werden?




Also die Kinder einfach machen lassen, ganz ohne Begleitung?
Nicht einfach machen lassen, aber Informationen wohldosiert vermitteln: In der Grundschule reicht es aus, wenn Kinder wissen, wie sie entstanden sind. In der Pubertät bekommt das Thema eine neue Aktualität, weil sich die Jugendlichen wieder mehr dafür interessieren. Und es kann Anlässe geben, in denen es Sinn macht, selbst mit kleinen Kindern darüber zu reden.

Zum Beispiel?
Wenn ein Übergriff an der Schule stattgefunden hat, dann ist es wichtig, mit den Schülerinnen und Schülern zu thematisieren, wie sie sich schützen können, dass sie nichts mitmachen müssen, wenn sie nicht wollen. Oder wenn ein Kind im Kindergarten zwei Mütter hat: Dann ist es doch gut, wenn der Kindergartenlehrer mit den Kindern über Homosexualität spricht. Es reicht aber völlig aus, dies einmal in einer Gruppenrunde zu tun.

Was ist mit Pornografie? Eine Erhebung der Zürcher Fachstelle Lust und Frust ergab, dass 94 Prozent der 13-jährigen Buben schon Pornos konsumiert haben, 50 Prozent waren es bei den Mädchen.
Allein der Begriff «konsumiert» im Zusammenhang mit Sexualität benennt das Problem mit einem Wort. Kinder sollten lernen, das Sexualität etwas mit Beziehung zu tun hat. Ich halte es aber für einen Mythos, dass so viele Kinder Pornos tatsächlich konsumieren. Wichtig ist, dass die Jugendlichen verstehen, dass sie nicht unbedacht Bilder von sich ins Internet stellen und über die sozialen Medien verbreiten sollen. Manche Experten, die sich Pädagogen nennen, wollen unseren Kindern allerdings «Pornokompetenz» im Unterricht vermitteln. Ich finde, hier hört der staatliche Bildungsauftrag definitiv auf. Die Erziehung von Kindern liegt immer noch am besten in den Händen ihrer Eltern.

*Birgit Kelle hält heute Abend ein Referat in der Mehrzweckhalle Glockenhof, Sihlstrasse 33 in Zürich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.03.2017, 17:21 Uhr

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