«Matterialien» und weitere Wyttenbachereien

Kurz vor seinem Unfalltod 1972 hatte Mani Matter «Der Unfall» geschrieben. Die Musik dazu hätte Jürg Wyttenbach komponieren sollen. Jetzt hat er es tatsächlich noch getan.

Jürg Wyttenbach kannte Mani Matter seit dem Kindergarten. Foto: Basile Bornand (13 Photos)

Jürg Wyttenbach kannte Mani Matter seit dem Kindergarten. Foto: Basile Bornand (13 Photos)

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Man denkt im dämmrigen Saal der Basler Gare du Nord unweigerlich an den leeren Geigenkasten, aus dem Mani Matter sein traurigstes Lied hervorgezaubert hat. Auf der Probebühne befindet sich nämlich keine Cellohülle, auch das dazugehörige Instrument fehlt. Und doch wird es ausgepackt, bewundert, gestimmt. Wie das aussieht, zeigt ein Pantomime. Und wie es klingt, das hört man von Sängerinnen und Sängern der Basler Madrigalisten: «rrr» geht der Reissverschluss der Nicht-Hülle auf, und wenn einer pfeift, verzieht der Pantomime das Gesicht. Schon wieder einen Ton verhauen. Er muss halt noch üben.

Die Szene stammt aus einer Madrigalkomödie, einem kleinen Musiktheaterstück, das am Lucerne Festival uraufgeführt wird – mit gut 40 Jahren Verspätung. Das Libretto dazu hat Mani Matter verfasst, Titel «Der Unfall», und die Musik hätte Jürg Wyttenbach schreiben sollen; die Uraufführung in Hamburg war bereits geplant. Aber dann starb Matter 1972 bei einem Verkehrsunfall, und Wyttenbach mochte das Stück nicht mehr komponieren. Erst jetzt, so erzählt er in Basel, habe er den Mumm dazu gehabt.

«Trois chansons violées» mit Noëlle-Anne Darbellay. Quelle: Youtube

Matter und Wyttenbach kannten sich seit dem Kindergarten, auch bei den Pfadfindern haben sie viel zusammen unternommen, später teilten sie die Leidenschaft fürs französische absurde Theater. Ionesco, Tardieu – «in Bern war damals die Zeit der Kleintheater, da haben wir alle diese Stücke gesehen», erinnert sich Wyttenbach. «Der Unfall» hätte gut dazu gepasst. Es geht darin um einen, der vor einem Musikgeschäft unters Auto kommt, dies als Zeichen versteht und Cello spielen lernt. Er lernt es gut, wird in ein Orchester aufgenommen, verliebt sich in eine Primadonna, ist dann nicht mehr so recht bei der Sache, wird von den Kollegen ausgelacht, verlässt das Theater und wird noch einmal überfahren. Ob er nach diesem zweiten Unfall wieder die Chance hat, sein Leben neu zu erfinden, bleibt offen.

Das Geschichtlein sei ja eigentlich banal, sagt Wyttenbach, der von seinen Werken gern im Diminutiv spricht und auch sonst sofort abwinkt, wenn ihm Worte allzu gross vorkommen. Aber er und Matter hatten sich ein besonderes Konzept dafür ausgedacht: Ein radikal reduziertes Musiktheater sollte es werden, in dem sich Musik und Aktion, Text und Schauspiel auf ungewöhnliche Weise verbinden. So sitzt nun ein Sprecher auf der Bühne in der Gare du Nord, der ein Schild mit der Aufschrift «Cello» hochhält, wenn das Nicht-Cello ausgepackt wird. Einen echten Cellisten gibt es auch, er kommt zum Zug, sobald der Pantomime seine Lektion gelernt hat. Sonst ist da nur noch das achtköpfige Sängerensemble, das nicht nur den Reissverschluss gibt, sondern auch das nicht vorhandene Orchester ersetzt.

Präzise Partitur

Die Partitur zum Ganzen ist dagegen durchaus nicht reduziert, alles ist exakt ausnotiert und mit vielen Vortrags­bezeichnungen versehen. Vielleicht fixiere er die Dinge zu genau, sagt Wyttenbach. Aber die Präzision – in der Komposition wie in der Ausführung – ist nun einmal die Bedingung dafür, dass seine Musiksprache wirkt: Wenn das Leichte, Witzige, Absurde, Burleske nur ungefähr gestaltet wird, klingt es oberflächlich oder klamaukig. Und nichts wäre falscher, als wenn man Wyttenbachs Werke auf ihre Gags reduzieren würde.

«Encore» mit Thomas Demenga und Judith Keller. Quelle: Youtube

Der 1935 geborene Berner ist ein überaus vielseitiger Exponent der zeitgenössischen Musik. Als Pianist ist er mit den komplexesten Werken aufgetreten, als Dirigent hat er sich mit rund 100 Uraufführungen und einer Einspielung von Giacinto Scelsis Gesamtwerk für Chor und Orchester einen Namen gemacht. An der Musikakademie seiner Wahlheimat Basel hat er Generationen von Schülern geprägt (und wurde, das betont er, auch von ihnen inspiriert). Mit Rudolf Kelterborn und Heinz Holliger hat er das Basler Musikforum gegründet. Und auch wenn die meisten seiner Werke in der Tradition des instrumentalen oder vokalen Theaters stehen, mit dem Mauricio Kagel ab den 60ern die neue Musik aufgemischt hat, so sind sie doch sehr unterschiedlich.

«Flûte alors!»

Fast nie habe er «ins Blaue hinaus» komponiert, sagt Wyttenbach, fast alle Werke hat er für bestimmte Interpretinnen und Interpreten geschrieben: «Ich musste wissen, wie sie spielen, wie sie aussehen, ob sie tanzen können oder singen.» Es entstanden dann Stücke für eine singende Geigerin oder einen sprechenden Cellisten, Stücke, bei denen die Musiker auch anderes taten als das, was sie eigentlich gelernt hatten; «die Wirkung war natürlich ungewohnt und deshalb oft humoristisch».

Wyttenbachs Humor – der sich auch in sprachspielerischen Titeln wie «Flûte alors!» manifestiert – hat stets eine Kehrseite. Auch im 2013 entstandenen Violinkonzert «Cortège», einer musikalischen Bildbetrachtung von Gustave Courbets «Begräbnis von Ornans», die in Luzern mit der Geigerin Carolin Widmann aufgeführt wird: Natürlich ist es lustig, wenn da der feiste Bürgermeister von der Tuba verkörpert wird; eigentlich ist das Werk ein Trauerzug.

«Harlekinade» mit Judith Keller. Quelle: Youtube

Wyttenbach dirigiert es selbst, allen Beschwerden des Alters zum Trotz; wenns drauf ankommt, reagiert er mit seiner alten Beweglichkeit. Man merkt es auch in den Basler Proben, wenn er mit knappen Zwischenrufen um mehr rhythmische Präzision, mehr sprachliches Profil bittet: Nur so funktioniert der Witzliederzyklus «Sutil und Laar», zu dem die Sänger inzwischen gewechselt haben. Wyttenbach hatte dafür populäre Lieder bearbeitet, «Backe, backe Kuchen» etwa. Die hat er dann Mani Matter vorgespielt, «und sie haben ihm gefallen, aber die Texte fand er blöd, also hat er neue geschrieben». Der Kuchen wird darin nun so schön, dass man ihn nicht essen mag, sondern an die Wand hängt, wo er bald einmal zerbröselt.

Kein Kuchen mehr und auch keine Kunst: Man kennt solche Pointen aus Mani Matters Chansons. Aber auch Wyttenbachs Musik passt bestens dazu.

Auftritte am Lucerne Festival: «WyttenbachMatterial» inkl. «Der Unfall» (21./22. 8.); Werke von Wyttenbach, Mussorgsky und Ives sowie «Gargantua chez les Helvètes du Haut-Valais» (22. 8.). Details: www.lucernefestival.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2015, 15:10 Uhr

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