Wie Kraken die Küsten Madagaskars retten

Auf der Insel werden Fischer auf kuriose Art davon überzeugt, dass das Meer ab und zu eine Pause braucht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Gewässer rund um Madagaskar waren einst voller Leben. Doch dann haben Überfischung, Wetterextreme und Erdablagerungen als Folge von Abholzung die Fischbestände in den Küstengewässern weitgehend vernichtet. Und damit auch den Lebensunterhalt der Inselbewohner.

«Die Abnahme der Fischbestände weltweit ist ein Riesenproblem für die Ernährungssicherheit», sagt Alasdair Harris. Er ist Chef von Blue Ventures, einer in London beheimateten Umweltschutzgruppe. «Etwa 97 Prozent der weltweiten Fischpopulation leben in Entwicklungsländern. Das Überfischen hat diese Bestände bereits arg dezimiert, und der Klimawandel wird das Problem noch verschärfen.»

Doch Harris hatte eine überraschende Idee, einen sanften Ansatz, der dank einer guten Geschichte funktioniert – und jeder Menge Kraken.

Normalerweise werden den Fischern Meeresschutzgebiete aufgezwungen, ohne dass man ihnen die Gründe dafür erklärt oder eine Form von Entschädigung für die Erwerbsausfälle offeriert. Das führt immer wieder zu Pattsituationen zwischen wohlmeinenden Umweltschützern und den örtlichen Gemeinschaften, denen sie eigentlich helfen wollen.

Es geht nicht um die Kraken

Alasdair Harris und sein Team arbeiten dagegen eng mit der – anfänglich argwöhnischen – Bevölkerung zusammen und setzen Kraken ein, um die Bedeutung von Schongebieten zu beweisen. Diese achtarmigen Tiere aus der Gruppe der Tintenfische sind ideal, weil sie sehr schnell wachsen. Die Einwohner können rasch sehen, was geschieht, wenn man einen Teil des Gewässers für die Fischerei sperrt und den Kraken erlaubt, sich ungestört zu vermehren.

«Es geht uns nicht in erster Linie darum, Kraken zu schützen», sagt Harris. «Wir nutzen die Tiere als Motivatoren für den Schutz des allgemeinen Ökosystems.» Indem man deren schnelle Regeneration demonstriere, komme man mit lokalen Bewohnern ins Gespräch, die zunächst total gegen ein dauerhaftes Meeresschutzgebiet waren. «Die Kraken und das Gespräch führen dann aber dazu, dass die Bewohner selbst das Meeresreservat einrichten.»

So haben Fischereigemeinschaften in Madagaskar erlebt, wie die Sperrung eines Viertels ihrer Tintenfischgewässer während dreier Monate den Fang in dieser Zone nach deren Freigabe verdoppelte. Die Vermehrung der Fangquote hält etwa zwei Monate an, bis sie wieder auf den Stand vor dem Start des Projekts fällt.

Das Gesamtvolumen der erbeuteten Kraken bleibt dabei stabil, weil die Fischer in den anderen drei Vierteln der Fläche die Fangquote vergrössern können. Wenn die Fischer also jedes Viertel ihres Gebiets zweimal jährlich sperren, werden sich ihre Fischbestände laufend erneuern.

«Ein eindrückliches Erlebnis»

«Alle wissen, wie gross ein Krake im Schnitt ist, und alle erinnern sich an den grössten, den sie je gesehen haben», sagt Harris. «Wenn sie nun plötzlich Kraken sehen, die zehnmal grösser sind als alle anderen zuvor, nur weil sie einen Teil ihres Fischfanggebietes für drei Monate gesperrt haben, dann ist das ein ziemlich eindrückliches Erlebnis.»

Blue Ventures, das zu 70 Prozent von privaten und öffentlichen Spendern unterstützt wird und den Rest mit Tauchferien erwirtschaftet, hat auch schon Riesenmuscheln und blaue Krabben als Vorzeigeobjekte eingesetzt, um die Vorteile von Schutzmassnahmen zu demonstrieren. Die Gruppe arbeitet zudem in Osttimor, Moçambique und Indonesien an diversen Schutzprojekten – immer mit ihrem motivierenden Ansatz.

Den grössten Einfluss hatte sie aber in Madagaskar. Vor zehn Jahren besass die Inselrepublik noch keine Meeresschutzgebiete, obwohl sie enorm abhängig war von den Gewässern. «Wir setzten unser Kraken-Modell ein, um die Fischer zu motivieren», sagt Harris. «Es funktionierte, und die Leute erzählten ihrer Nachbargemeinde davon, die es ebenfalls ausprobierte, und bald verbreitete sich die Praxis wie ein Lauffeuer rund um die Insel.»

Die Highlights des Impact Journalism Day. Quelle: TA

Velvetine ist Mitglied der ethnischen Vezo-Gemeinschaft, die im Süden von Madagaskar beheimatet ist. Es ist eines der Gebiete, in denen das Projekt durchgeführt wurde. «Der Krakenfang ist meine einzige Einnahmequelle», sagt Velvetine. Vor langer Zeit habe man auch Seegurken gefangen, aber davon gebe es keine mehr. Vor den Krakenreservaten hätten sie höchstens zwei oder drei Kraken pro Tag gefangen und manchmal auch keinen einzigen. «Für die Schutzzonen leisten wir zwar ein kleines Opfer, aber nach der Freigabe sind die Fänge gut. Ich habe jetzt wieder mehr Geld, um die Familie zu ernähren.»

Laut Alasdair Harris gibt es mittlerweile über 100 lokal verwaltete Meeresschutzgebiete rund um Madagaskar, die weit mehr als nur den Krakenschutz anpeilen. So gebe es auch permanente Reservate rund um wichtige Korallenriffe, Mangroven und Seegraswiesen, die zusammen fast 15 Prozent eines der grössten Meeresgründe Afrikas schützen.

Letztes Jahr organisierte Blue Ventures ein Austauschprogramm, das eine Gruppe Mexikaner nach Madagaskar führte. «Die beiden Seiten hatten nichts gemeinsam, weder Sprache, Kultur noch andere Berührungspunkte, ausser dass sie Kraken fangen», sagt Harris. Aber die Mexikaner hätten gesehen, was die Leute in Madagaskar erreicht haben – «und das wirkt wie Dynamit».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 15:48 Uhr

Initiator:
Alasdair Harris

Projekt:
Blue Ventures, London/Madagaskar

Website:
blueventures.org

Autor:
Tom Bawden, «iPaper»

Übersetzung:
Rosemarie Graffagnini

Madagaskar

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Aber natürlich ist das völlig absurd

Geldblog Hypothek reduzieren und Steuern sparen

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Grusel, Grusel: Taranteln krabbeln den Arm einer Frau in Kambodscha hoch, nachdem sie diese eingefangen hat 21. Juni 2017).
(Bild: Samrang Pring) Mehr...