Das Leuchten des Hardquartiers

In der Kirche der Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula gibt es einen Kunstschatz zu entdecken: Die 178 Fenster des einst umstrittenen Künstlers Ferdinand Gehrs.

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Alles spricht von den Chagall-Fenstern im Fraumünster, viele von den Polke-Fenstern im Grossmünster, kaum jemand von den Gehr-Fenstern im Hardquartier. Dabei gäbe es über die Fenster in der Felix und Regula, der Kirche der Zürcher Stadtheiligen, viel zu erzählen.

Auch gilt heute der 1896 im st. gallischen Niederglatt geborene Ferdinand Gehr als wichtigster sakraler Schweizer Maler des 20. Jahrhunderts. Seine radikale Abkehr von der in Renaissance und Barock stecken gebliebenen Kirchenkunst führte in den 50er-Jahren zu Bilderstürmen – und beeinflusste Kunstschaffende weit über das Land hinaus.

Zoomen Sie sich ganz ins Bild hinein: Das Gehr-Fenster in alle seinen Facetten.

Es ist wenig bekannt, wie die Katholiken des nicht auf Rosen gebetteten Zürcher Arbeiterquartiers 1951 darauf kamen, ausgerechnet diesen umstrittenen Künstler für die Glasfenster ihrer im Jahr zuvor gebauten Kirche zu engagieren. Kann sein, dass es der Architekt von Felix und Regula war, Fritz Metzger, der sich für Gehr starkmachte. Doch bereits die Wahl dieses Architekten belegt, dass die Harder Katholiken keine Hinterwäldler waren und einen offenen Geist besassen: Metzger baute ihnen eine für die damalige Zeit eigenwillige ovale Kirche, die er als Stein gewordenes Zelt konzipierte und die damals die erste Flachkuppel Europas aufwies.

Stolz auf den Mut der Vorgänger

Ferdinand Gehrs Kranz von 178 schmalen Fenstern hat bis heute nur in Fachkreisen Beachtung gefunden. Doch nun wurde der farbenfrohe Glasbild­zyklus als Schlusspunkt der Kirchen­renovierung gründlich geputzt und erstmals fotografisch dokumentiert. Was gar nicht so einfach war, da das Fensterband zehn Meter über Boden verläuft und teilweise von Säulen verdeckt ist. So fuhr der auf Gebäudefotografie spezialisierte Nick Brändli eine Hebebühne hoch, um Auge in Auge mit den abgebildeten Heiligenfiguren – darunter auch Felix und ­Regula – zu sein. Auch das Wetter machte dem Fotografen die Arbeit schwer. Mal war es zu düster, dann zu gleissend hell.

Doch nun ist es vollbracht. Die Fenster sind bereit, von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt zu werden. Die Kirchgemeinde hat die Fotos online gestellt und einen Kalender damit gestaltet. Der bekannte Kunstkritiker und Kurator ­Peter Killer wird morgen Dienstag ein Referat über das Werk halten. «Wir sind stolz auf den Mut unserer Vorgänger, mit ihrer Kirche Neuland zu beschreiten», sagt Gemeindeleiterin Gertrud Würmli.

Einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion

Die 1953 bis 1955 erstellten Harder Glasfenster sind eines der früheren Werke – «und die grösste, umfassendste Glasmalerei Gehrs», wie Killer ausführt. Es zeigt aber bereits all die Elemente, die Gehrs Werk auszeichnen: Der sensible Umgang mit der Architektur, der gezielte Einsatz der Farbe, die Reduktion der Formen, die Abkehr vom dramatischen Erzählen zur stillen Einkehr. Offenbar wollte Gehr bereits damals einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion gehen, so war nicht vorgesehen, dass die Figuren Gesichter bekommen. Auf Bitten des Kirchenrats liess er sich erweichen. Und so bekamen Felix und Regula, Bruder Klaus und der heilige Josef Augen, Nase und Mund.

Während die Fenster in Felix und Regula entstanden, wurde Gehrs Werk in der Öffentlichkeit immer stärker angefeindet. 1954 verlangte der zuständige Bischof anlässlich der Weihe der St. Antonskirche in Wettingen, dass Gehrs ­dortige Apsismalerei abgedeckt werde. Später wurde sie zerstört. In Oberwil ZG lösten seine 1957 erstellten Fresken einen «Schlachtenlärm» aus, wie Thaddäus Zingg zwei Jahre später in einer im NZN-Verlag erschienenen Monografie schreibt. Er male «schnoddrig», seine Engel wurden als Spiegeleier, seine schlichte Formensprache als Primitivismus bezeichnet. Auch die dortigen Bilder wurden eine Weile lang mit einem Vorhang verdeckt, nicht aber zerstört.

Bilder, die sich nicht an der Ästhetik orientieren

Peter Killer sagt dazu: «Noch heute erwarten viele Leute vom Künstler handwerkliche Perfektion. Die wollte Gehr nicht erbringen – imstande gewesen wäre er wohl.» Gehr habe die Freskenmaler der Romanik bewundert, da sie echt, ursprünglich und dem kindlichen Ausdruck nahe waren. «Er wollte das dort Begonnene fortsetzen.»

Im Zürcher Hardquartier scheinen die für die damalige Zeit ungewöhnlichen Glasfenster keine lauten Kontroversen ausgelöst zu haben. Sonst hätten 1959 die Seebacher wohl kaum ihre Kirche Maria Lourdes mit Glasfenster Gehrs ausgeschmückt. Mag sein, dass Ferdinand Gehrs Auffassung von sakraler Kunst in Zürich weniger fremd waren als anderswo. Seine Bilder orientieren sich nicht an der Ästhetik, sondern fokussieren schon fast radikal auf den spirituellen Inhalt des Glaubens, was fast etwas Reformatorisches hat – und daher bestens zum Zwingli-Zürich passt.

Gehrs grösster Glasbildzyklus, Referat von Peter Killer, Dienstag, 13. September, 19.30 Uhr, in der Kirche St. Felix und Regula (Nähe Hardplatz), www.felixundregula.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2016, 23:09 Uhr

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