Unwort des Jahres

Güzin Kar hat einen Vorschlag.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Wie immer gegen Ende Jahr werden Rankings erstellt, Dinge, Menschen und Begriffe sauber nach Wichtigkeit oder Lautstärke geordnet und dem lesenden oder schauenden Publikum präsentiert. Wort des Jahres. Held des Jahres. Gemüse des Jahres. Mein persönlicher Lieblingswettbewerb ist derjenige um das Unwort des Jahres. Wäre ich Unwort-Jury, ich kürte das Ausrufezeichen, vermag es doch allein mehr auszudrücken als ganze Sätze und Bücher.

Angefangen als simples Satzzeichen, erfüllt es heute keinesfalls mehr nur syntaktische Zwecke, sondern es ist das eigentliche Ziel des Satzes, und alles, was davor steht, ist eine Leine, an deren Ende das bellende Ausrufezeichen steht, das Wappentier aller Ungehörten. Ich! Muss! Jetzt! mal! Etwas! Sagen!!! Aneinandergereiht reichten alle Ausrufezeichen, die jemals auf Facebook verwendet wurden, dreimal um das gesamte Universum und wieder zurück zu mir. Es ist wichtig, dass die Ausrufezeichenkette bei mir beginnt und bei mir aufhört. Dies ist mein Land, und hier rede ich!!!

Das Ausrufezeichen ist der Aufstand der Gerechten, derer mit Rückgrat, nicht gebeugt und geschwungen wie das Fragezeichen, das aussieht wie das Emoticon für Skoliose, Wirbelsäulenverkrümmung. Menschen mit Fragen sind gebeugte und unter der Last verbogene Kreaturen. Wohingegen Menschen, die gern ausrufen, Problem, Analyse und Lösung in einem einzigen Halbsatz präsentieren können: «Abhauen, wems nicht passt!! An die Wand, alle!!! Weg, mit dem Pack!!»

Die Armee der Ausrufer

«In Österreich ist die Verwendung des Ausrufezeichens bei der Anrede in Briefen weit verbreitet», weiss Wikipedia. Das erstaunt mich nicht. Die Österreicher wissen eben noch, was sie wollen. Felix Baumgartner zum Beispiel, diese steirische Rekord-Hupfdohle aus dem Weltall, die noch während ihres Jahrhundertsprungs auf die Lösung all unserer Probleme kam: Todesstrafe für alles, was nicht pariert! Ein Mann, kerzengerade und aufrecht und deshalb schon bald ein Vorbild für die Armee der Ausrufer im Internet: «Der Mann hat recht!!», «Superfelix!!!!!», «Endlich sagt einer was!!!!!!!». Die Deutschen hingegen setzen nach der Anrede gern ein Komma. Mir erscheint das zu weich, zu unentschieden, so, als sei man nicht ganz sicher, ob man wirklich weiterreden wolle. «Sehr geehrter Herr Hitler, vielen Dank für Ihren Marschbefehl per E-Mail.»

E-Mail ist in Deutschland weiblich, in der Schweiz wie fast alles sächlich. Sogar eine Mutter ist hier ein geschlechtsloser Gegenstand: das Mami. Mit Ausrufezeichen kriegt das Mami wenn keinen Unterleib, so doch eine gewisse Bedeutung als Respektsperson: «Liebes Mami!» Oder vielleicht nur: «Mami! Ich hab dich lieb!!» Das klingt nicht mehr nach gönnerhaftem Gemütsgefasel, sondern nach Liebe, die pariert. In offiziellen Briefen verwenden wir Schweizer nach der Anrede kein Satzzeichen, sondern einen Zeilenumbruch. Wir mögen die Distanz. Eine Zeile Abstand, um briefliche Antänzer abzuwehren. Was, wenn der Adressat plötzlich im Büro steht, weil man vergessen hat, die Return-Taste zu drücken? Das kann mit einem Ausrufezeichen als Trennstab nicht passieren, genau wie an der Supermarktkasse. Da weiss ein jeder, wohin er gehört.

Ursprünglich soll das Ausrufezeichen übrigens ein Zeichen der Bewunderung gewesen sein, was man sich kaum mehr vorstellen kann. Es ist allerdings unklar, ob Menschen, die ihre Bewunderung bekräftigen wollten, auch damals schon mehrere Ausrufezeichen hintereinander setzten: «Mami!!!! Bist die Beste!!!!!!!!» Als Mami würde ich jetzt in Russland einmarschieren.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.11.2016, 11:28 Uhr

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