Panorama

Alles ist Liebe bei Christoph Blocher

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 09.09.2009 79 Kommentare

So hat man den Polterer der Nation noch nie gesehen. In einem TV-Porträt philosophiert der ehemalige SVP-Bundesrat, über das, was ihn im Leben antreibt. Mit überraschendem Fazit.

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Auf einer Wanderung durch die Berner Berge für die Sendung «Berg und Geist» zeigt sich der Polterer der Nation von seiner weichen Seite.
Bild: 3sat

   

«Beim Sonnenaufgang nimmt die Welt Konturen an, das ist wunderschön. Bei jedem Sonnenaufgang kommt mir der Anfang der Schöpfungsgeschichte in den Sinn: Die Erde ist öd und dumpf. Der Geist schwebt über dem Wasser, es ist nicht schön, oder. Und dann, dann wird es Licht».

Ist es die Schönheit der Berge oder Altersmilde, die Christoph Blocher das Herz öffnen? Kein böses Wort kommt gestern im Porträt aus der 3sat-Reihe «Berg und Geist» über seine Lippen. Keine Tiraden gegen die Linken, keine Schmähungen politischer Gegner, keine dahingepolterten SVP-Parolen.

Die Welt aus der Distanz betrachtet

Auf einer Wanderung in den Berner Bergen zieht der Polit-Haudegen Bilanz. Er scheint mit sich und der Welt im Reinen. Der ewige Gegenwind, der dem SVP-Mastermind entgegenblies und schliesslich zu seiner Abwahl aus dem Bundesrat führte – für Blocher kein Grund, die Klingen neu zu wetzen. «Ich habe keine Feinde, ich habe nur Gegner», sagt er am Anfang des Films. «Aber ich bin für viele zum Feind geworden, was ich nicht verstehe. Aus politischen Gründen einen Gegner zum Feind machen, ist nicht meine Linie.»

Blocher hat sich seit seiner Abwahl als Bundesrat von der vordersten Front des politischen Schlachtgetümmels zurückgezogen, überblickt das Ganze nun aus einer gewissen Distanz. Die Bergwanderung ist eine wunderbare Allegorie. Mit jedem Höhenmeter fallen die Sorgen der Nation, der er sich immer noch verpflichtet fühlt, von ihm ab. Hier in der Natur, in den Bergen, kommt ein ganz anderer Christoph Blocher zum Vorschein. Nicht die Politik ist hier das vorherrschende Thema, sondern die Liebe – man staune.

Was zum Leben gehört

Der grosse Christoph Blocher, der stets unbeirrt seinen Anhängern vorausging, sicheren Schrittes neue Wege einschlug und seine Meinung ohne Wenn und Aber verteidigte, der kein Widerwort duldete und tat, was er für richtig hielt. Er sei nie absolut sicher gewesen, ob sein Weg der richtige ist, sagt dieser Blocher jetzt. «Ich hab entschieden, spontan, aus dem Bauch heraus und bin den Weg gegangen.» Oft seien Zweifel gekommen: Wäre nicht der andere Weg richtig gewesen? «Ich glaube das gehört dazu: Das ist nämlich das so genannte Nachdenken, das Hinterher-denken. Das stellt einen selbst immer wieder infrage und das ist gut so. Das gehört zum Leben dazu.»

Ebenfalls zum Leben eines jeden Menschen gehört für Blocher die Liebe zur Heimat. «Die Heimat, das ist eben der Ort, den jeder Mensch seit jeher kennt, wo er zuhause ist. Die Heimat ist ein Teil des Menschen selbst geworden. Deshalb findet er es dort immer am schönsten. Darum liebt er die Heimat.» Er, der weitgereiste Industrielle, habe immer Heimweh gehabt. «Ich habe Bücher von Schweizer Schriftstellern mitgenommen, um mein Heimweh zu stillen.»

Voller Hingebung lauscht der alt-Bundesrat einer Herde Kühe, die auf einem bergigen Stück Wiese grasen. «Hören Sie auf die Kuhglocken. Das ist wie ein 36-stimmiges Orchester. Hören Sie hin, das ist doch wunderbar!», schwärmt er. «Schön, die Heimat.»

Liebender Gatte, verständnisvoller Patron

Ein breites Grinsen beherrscht Blochers Gesicht. Kein selbstgefälliges, ein zufriedenes Grinsen. Der Mann hat sich verändert. Der verkniffene Ausdruck ist einer sichtbaren Gelassenheit gewichen. Aus dem wandelnden Dampfhammer ist ein Mann der feinen Worte geworden.

Seine Frau neben sich, philosophiert er über seine Ehe: Sie hätten beide ihre Verantwortungsgebiete gehabt. Er Politik und Firma, sie Haushalt und Kinder. Sie hätten dem andern nie dreingeredet, aber jederzeit geholfen. «Sie war die Mutter, ich der Vater, sehr im traditionellen Sinn. Das heisst nicht, dass ich eine andere Familienform nicht akzeptieren kann. Aber bei uns wäre das nicht anders gegangen», so Blocher. So seien sie gut durchs Leben gekommen. «In den wesentlichen Lebensanschauungen herrscht Einigkeit. Es gibt aber auch vieles, in dem wir uns nicht einig sind. Das ist ja selbstverständlich. Es gibt ja nichts Schlimmeres als harmonische Ehen, nicht wahr.» Diese ewige Harmonie sei entweder gekünstelt oder langweilig. «Liebe heisst für mich: Zuneigung zu Menschen. Nicht weil die Menschen so sind, wie sie sind. Sondern obwohl sie so sind.» Wenn man einen Menschen trotz dessen Nachteilen, Fehlern und Schwächen gern habe, dann sei das Liebe. Das gelte besonders aber nicht nur für die Ehe.

«Ich habe die Menschen im allgemeinen gerne», sagt Blocher. «Das ist die wichtigste Voraussetzung, um eine Führungsposition wahrzunehmen. Wenn es schwierig wird, möchten die Menschen anlehnen. Sie kommen zum Chef und sagen ‹ja das ist doch schlimm›.» Dann müsse man Mut und Trost spenden können. «Ein Unternehmer lebt für das Unternehmen nicht vom Unternehmen. Das Wort ‹Patron› gefällt mir sehr. Er schaut für die Mitarbeiter, für die Kunden, für das Geschäft. Er ist für die andern da.»

Der Vergleich mit Winston Churchill

Wie selbstlos Blochers Leben und Taten dereinst wohl bewertet werden? Für ihn selbst zähle nur, dass die Schweiz «ohne meinen grossen Kampf heute in der EU» wäre, sagt Blocher. Der Kampf gegen die Euro-Turbos sei ein Dauerkampf, darin spiele er eine gewisse Rolle. «Ob meine Rolle in diesem Kampf eine historische ist, das überlassen wir dann dem Urteil der Historiker», meint er.

Einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl an die zukünftigen Historiker kann er sich dann aber doch nicht verkneifen. Zu seiner Abwahl aus dem Bundesrat meint Blocher: «Viele gestandene Persönlichkeiten der Geschichte sind auf ihrem Weg gedemütigt, abgesetzt oder getötet worden. Auch Winston Churchill.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.09.2009, 23:55 Uhr

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79 Kommentare

thomas stettler

09.09.2009, 12:23 Uhr
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Oh so süss - der Polteri Blocher ganz plötzlich mit der Welt versöhnt. Er habe die Leute im Allgemeinen gerne, hätte man nicht gesagt, wenn man gesehen hat, wie die SVP ihre Gegner verleumdet hat. Welche grossartige Wende, sogar Blocher scheint dies zu können Antworten


Rudolf Schultes

09.09.2009, 13:34 Uhr
Melden

@Hans Meier: Blocher's Schaffenskraft in Ehren - aber wenn man mit einem derartig degenerierten Deutsch - Helvetimen, wie sie es nennen - die Leute überzeugen muss, dann wäre es meines Erachtens mit dem NIVEAU seiner Anhänger schlecht bestellt! Ist das ihre Aussage? Antworten



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