«Die Garde braucht straffe Führung»

Daniel Anrig sagt: Er habe jene Institution der Kurie geführt, die am wenigsten anfällig für Intrigen sei. Nun muss der Kommandant der Schweizergarde gehen.

«Ich hätte das Amt gern weiter ausgeübt»: Der abtretende Kommandant Daniel Anrig.<br />Foto: Katarzyna Artymiak

«Ich hätte das Amt gern weiter ausgeübt»: Der abtretende Kommandant Daniel Anrig.
Foto: Katarzyna Artymiak

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Heute ist Ihr letzter Tag als Komman­dant der Schweizergarde. Warum müssen Sie das Amt auf Geheiss des Papstes abgeben?
Die Amtszeit eines Gardekommandanten beträgt fünf Jahre, das ist bei allen höheren Posten im Vatikan so. 2013 ging meine erste Amtszeit zu Ende. Der neue Papst Franziskus sprach mir damals sein Vertrauen aus und verlängerte meine Amtszeit. Jetzt ist er zum Schluss ge­kommen, dass er eine Neubesetzung an der Spitze der Garde will. Er möchte frischen Wind in die Garde reinbringen.

Was hat dem Papst an Ihrer ­Amtsführung denn nicht behagt?
Ich müsste spekulieren, und das wäre unangebracht. Papst Franziskus ist ein Papst, der Zeichen setzt, ein Papst der Erneuerung. Für mich ist sein Entscheid auch ein positives Zeichen. Es zeigt, dass sich der Papst für die Garde interessiert.

Das ist jetzt sehr positiv formuliert. Wären Sie nicht gern noch länger im Amt geblieben?
Als ich 2008 das Amt antrat, war mir bewusst, dass es nicht für immer ist. Die Wahl des neuen Papstes war einer der Höhepunkte meiner Amtszeit. Dabei war mir klar, dass dies auch ein Wechsel für mich bedeuten kann. So ist es gekommen, auch wenn ich das Amt gern weiter ausgeübt hätte.

Laut italienischen Medien sollen dem Papst Ihr allzu harter Führungs­stil und der Ausbau Ihrer Wohnung missfallen haben.
Vor eineinhalb Jahren durfte ich mit meiner sechsköpfigen Familie eine neue Dienstwohnung im Vatikan beziehen. Dort konnte ich auch Gäste einquartieren. Zuvor war es mir nicht möglich, Familien­angehörige unterzubringen. Die Wohnung ist nicht luxuriös, die Möbel musste ich selber mitbringen. Da haben die Medien in Unkenntnis der Wirklichkeit geurteilt. Zur Kritik am Führungsstil ist zu sagen, dass die Garde mit 110 Mann rund um die Uhr Dienst leisten muss. Das bedingt eine straffe Führung, und die Gardisten verstehen das. Ich habe aus der Truppe denn auch keine Kritik wegen eines zu harten Führungsstils vernommen. Ich konnte zahlreiche Reformen umsetzen, die das Leben der Gardisten erleichtern.

Zum Beispiel?
Die Gardisten können neu einen mehrtägigen Urlaub beantragen, sofern es der Dienstplan erlaubt. Wer zwei Tage in Neapel verbringen will, kann das tun. Das hat es noch nie gegeben in der Geschichte der Garde. Bisher mussten die Gardisten jeden Abend in die Kaserne zurück. Zudem habe ich im Sicherheitsbereich Reformen vorgenommen, sowohl im operativen Bereich wie auch bei der Ausbildung der Gardisten.

Offenbar war der Papst schockiert, als er sah, dass die Gardisten im Dienst weder essen noch trinken dürfen. Er soll einem Gardisten einen Stuhl hingeschoben haben, damit er sich setzen kann.
Zu dieser liebevollen Anekdote äussere ich mich nicht. Was ein Gardist im Dienst erlebt, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber es ist so, dass die Gardisten während der Ehrenwache nicht essen und trinken dürfen. Dies war schon immer so, auch als ich junger Gardist war. Es geht darum, dass die welt­bekannte Uniform nicht befleckt wird.

Was spricht denn gegen etwas ­Wasser im Dienst während ­eines heissen Sommertags in Rom?
Die Ehrenwache an den Eingängen des Vatikans dauert höchstens zwei Stunden am Stück. Sie wird von den jungen Gardisten geleistet. Es ist kein Problem für sie, während zweier Stunden auf Essen und Trinken zu verzichten. Im Übrigen liess ich vor ein paar Jahren in den Pausenräumen Wasserspender anbringen. Die Garde ist die Visitenkarte des Papstes, des Vatikans und der Schweiz. Jeder Tourist und jeder Pilger nimmt uns wahr. Das bedingt ein diszipliniertes und korrektes militärisches Auftreten. Die Schweizergarde verkörpert damit alte eidgenössische Tugenden.

Dann steht die Garde also in der ­Tradition der alten ­eidgenössischen Söldnerheere?
Im Unterschied zu den Söldnerheeren ist die Schweizergarde eine Palast- und Wachgarde. Wir haben einen Sicherheitsauftrag und erfüllen eine Polizeiaufgabe. Das ist auch der Grund, dass die Schweizergarde weiterbestehen durfte, als die Schweiz im 19. Jahrhundert die Söldnerheere verboten hat.

Wer wird heute noch Gardist? ­Abenteurer, die so etwas wie die Fremdenlegion suchen?
Es gibt verschiedene Motive. Der eine ist religiös motiviert, der andere am Militärischen interessiert, ein Dritter befindet sich in einer Übergangsphase. Alle sind bereit, während mindestens zweier Jahre etwas ganz anderes zu tun als bisher in ihrem Leben. Wenn ich beim Bewerbungsgespräch jedoch feststellte, dass einer nur auf Abenteuer aus war, sagte ich ihm ab. Er wäre in der Garde am falschen Ort.

Haben Sie denn genügend ­Interessenten?
Wir können nicht mehr aus demselben Reservoir schöpfen wie früher, als die Bindung an die Kirche verbreiteter war. Auch das Militärische ist in der Bevölkerung weniger verankert als früher. Dennoch haben wir genug Interessenten. Die Garde benötigt jedes Jahr 30 bis 35 Mann und kann aus 50 bis 60 infrage kommenden Bewerbern auswählen. Auch die Wahl von Papst Franziskus liess das Interesse an der Garde kurz­fristig steigen.

Der Papst pflegt einen lockeren Umgang mit dem Protokoll. Das müssen harte Zeiten für seine Personenschützer sein.
Wer Personenschutz leistet, hat sich der beschützten Person anzupassen. Wenn der Papst beschliesst, spontan auf die Menschen zuzugehen, muss der Personenschützer genug flexibel sein. Papst Franziskus sind solche Begegnungen wichtig, das gehört zu seiner Mission. Er will weiterhin Seelsorger sein und für die Menschen fassbar bleiben.

Der Papst wohnt nicht mehr im Papstpalast, sondern in ­einem einfachen Gästehaus. Müssen Sie das jetzt auch bewachen?
Die Wahl des Gästehauses als Residenz war für die Garde die grösste Heraus­forderung unter dem neuen Papst. Denn nebst dem weiterhin zu schützenden Papstpalast, den Franziskus für seine Empfänge nutzt, mussten wir eine zusätzliche Bewachungsaufgabe am Wohnort übernehmen – mit demselben Personalbestand. Diesen Auftrag konnte ich mit der Truppe jedoch ohne Probleme lösen. Die Sicherheit ist auch am neuen Ort gewährleistet.

Weltweit werden derzeit die Sicherheits­vorkehrungen ­wegen Terrorangst verschärft. Islamische Extremisten ­haben dem Papst gedroht. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Der Papst wird auch Pontifex genannt. Und der jetzige Papst ist ein Brückenbauer, auch gegenüber der islamischen Welt. Er ist ein Mann des Friedens. Das ist für uns Sicherheitsleute sehr positiv.

Hat Sie der Papst jeweils im Vorfeld informiert, wenn er das Fahrzeug anhalten liess, um die Menschen zu begrüssen? Bei seinem Besuch in Brasilien brach der Verkehr deswegen zusammen.
Zum Charisma von Papst Franziskus gehört seine Spontaneität. Er hat als erster Papst Kinder im Papamobil mitgenommen und ist mit ihnen über den Petersplatz gefahren. Solche Aktionen sind nicht planbar.

Ist der Papst im persönlichen ­Umgang so unkonventionell, wie es von aussen den Eindruck macht?
Was mich an Papst Franziskus vor allem beeindruckt, ist seine Disziplin des Wahrnehmens. Er schenkt jedem Menschen seine ganze Aufmerksamkeit. Egal, ob er einen Staatspräsidenten trifft oder einen einfachen Gardisten. Stets erkundigt er sich nach dem Befinden und wünscht einen guten Tag.

Die unkonventionelle Wirkung ist das eine. Auf der anderen Seite macht sich jedoch Enttäuschung breit, dass keine Ansätze einer wirklichen Kirchenreform sichtbar sind. Trauen Sie das Franziskus zu?
Es ist nicht Aufgabe des Gardekommandanten, sich zu Kirchenreformen zu äussern. Ich durfte in Rom aber die Weltkirche in ihrer ganzen Vielfältigkeit kennen lernen. Jede Woche kommen 50 000 bis 100'000 Pilger zur Generalaudienz. Wenn ich jeweils diese Menschen aus Europa, Afrika, Südamerika oder den Philippinen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Anliegen sah, war für mich klar: Um die Weltkirche zu reformieren, braucht es Zeit. Die Kirche kann man nicht führen wie eine private Firma. Dafür ist sie zu vielfältig.

Immerhin soll der Papst mit den ­Intrigen in der Kurie ­aufgeräumt haben. Sind Intrigen in der Kurie tatsächlich so verbreitet?
Das Schöne an der Schweizergarde ist, dass sie sich permanent erneuert. Junge Soldaten kommen und gehen. Deshalb kann ich sagen: Ich durfte jene Institution der Kurie führen, die am wenigsten anfällig für Intrigen ist.

Kann es sein, dass der Papst die Schweizergarde ganz abschafft?
Dafür sehe ich keine Hinweise. Der jetzige Papst interessiert sich sehr stark für die Garde.

Und was werden Sie selbst nun tun?
Ich kehre mit meiner Familie in die Schweiz zurück. Wo ich tätig sein werde, ist offen. So wenig ich je dachte, Kommandant der Schweizergarde zu werden, so wenig weiss ich im Moment, was meine künftige Aufgabe sein wird.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.01.2015, 20:16 Uhr)

Daniel Anrig

Der 34. Gardekommandant

Der 42-jährige Sarganserländer wurde 2008 Kommandant der Schweizergarde. Daniel Anrig, studierter Jurist, war davor Chef der Kantonspolizei Glarus. Die Garde beschützt seit 1506 den Papst. Die 110 Gardisten sind katholische Schweizer, die die Rekrutenschule absolviert haben. Angehende Gardisten müssen ledig und nicht älter als 30 sein. Die frühere Mindestgrösse von 174 cm ist heute Richtgrösse. Vereidigt werden die Gardisten am 6. Mai – in Erinnerung an den Sacco di Roma von 1527, als 147 Gardisten starben. Sie verteidigten Papst Clemens VII. gegen die Landsknechte von Karl V. und ermöglichten ihm die Flucht in die Engelsburg. Als Favorit für Anrigs Nachfolge gilt Vizekommandant Christoph Graf aus Pfaffnau LU. (daf)

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