Panorama
Die Gräfin, die den Widerstand in Gorleben anführt
Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 10.11.2010 4 Kommentare
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Sind Deutschlands Anti-Atom-Aktivisten ein Haufen linker und grüner Chaoten? Mitnichten. Auch Anna Gräfin von Bernstorff, 56, bekämpft das Atommülllager Gorleben. Seit nunmehr drei Jahrzehnten. Das Barockschloss ihrer altehrwürdigen Familie liegt nur zehn Kilometer vom «Erkundungsbergwerk Gorleben» entfernt. 5400 Hektaren Wald gehören zum Grundbesitz – darauf wird gejagt, Holzwirtschaft betrieben, es gibt auch ein bisschen Tourismus. Und unter einem Teil des Landes liegt ein Salzstock, jene Gesteinsformation, in deren Tiefen dereinst ein Endlager für hoch radioaktiven Abfall entstehen könnte.
Im Visier der Atombranche ist das Gebiet seit den Siebzigerjahren. Damals fanden im abgelegenen, unmittelbar an die DDR grenzenden Gorleben erste Probebohrungen statt. Einige Jahre später stimmte die Bundesregierung der weiteren Erkundung zu. Offenbar hauptsächlich deshalb, weil der Standort nahe am verhassten sozialistischen Bruderstaat lag. Geologisch gab es damals schon Zweifel, ob sich der Salzstock zur Lagerung von radioaktivem Müll eignet.
An vorderster Front
Genauso alt wie die ersten Bohrungen ist die Geschichte des Widerstands der Familie Bernstorff. Die Gräfin, damals Mitte 20, sass im Vorstand der ersten lokalen Anti-Atom-Bürgerinitiative. Als 1995 die ersten Castor-Behälter mit atomarem Abfall nach Gorleben rollten, fällte ihr Gatte Andreas eigenhändig einige Kiefern, um die Strasse zu sperren. Ein anderes Mal organisierten die Herrschaften eine Wildsaujagd – ausgerechnet am Tag, als der Staat neue strahlende Fracht bringen wollte. Bis heute koordiniert die Familie den örtlichen Widerstand. Und wenn wieder einmal eine Demonstration ansteht, erhalten alle Mitarbeiter des bernstorffschen Forstbetriebes frei, um auf die Barri- kaden zu gehen.
Auch bei den Auseinandersetzungen um den jüngsten Castor-Transport stand die Gräfin, inzwischen Mutter fünf erwachsener Kinder, an vorderster Front. Sie kreuzte in der ARD-Sendung «Beckmann» mit Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) die Klingen.
Hart geblieben
Dabei legt die adelige Regierungskritikerin Wert auf die Feststellung, dass sie nicht grundsätzlich gegen eine Endlagerung ist. «Der Atommüll muss ja irgendwo hin», sagte sie jüngst der «Hamburger Morgenpost». Ihr missfällt aber, dass in Deutschland ausser Gorleben kein einziger alternativer Standort geprüft wird. Sie und ihr Mann würden ihr Land zur Verfügung stellen, wenn nach einem transparenten Verfahren herauskomme, dass Gorleben der bestmögliche Standort sei, sagt sie. «Aber daran haben die Energieversorger kein Interesse, und die Politik will sich nicht noch anderswo Widerstand einhandeln.»
Besonders ärgert die Gräfin von Bernstorff, dass in Gorleben mehrere Landwirte unter Druck gesetzt wurden, ihr Land für das Endlager zu verkaufen. Bei den Grossgrundbesitzern versuchten es die Verantwortlichen mit hohen Summen. Doch Bernstorffs blieben hart. Die Gräfin sagt, in ihrem Umfeld hätten viele den Kopf geschüttelt und gesagt, das sei doch nicht normal, dass man Millionen ausschlage und einer möglichen Enteignung entgegensehe. Inzwischen habe sich die Stimmung aber geändert. Die von der Bundesregierung beschlossene AKW-Laufzeitverlängerung empöre viele Menschen. Es gebe jetzt auch in adeligen Kreisen mehr Verständnis für die hartnäckige Position der Bernstorffs, sagt die Gräfin: «Wir gelten nicht mehr als Spinner.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.11.2010, 21:49 Uhr
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4 Kommentare
Man kann der Gräfin und ihrer Familie und ihren Mitkämpfern nur gratulieren und viel Erfolg wünschen. Die deutsche Regierung ist arrogant und ignorant , hat sich wie ein blindtwütender Hund verbissen und sieht keine andere Möglichkeit mehr, obwohl es deren viele gibt. Wir Schweizer können froh sein, haben wir demokratische Mittel (Initiativen, Referenden), mit den wir Regierungsarroganz stoppen. Antworten
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