Panorama

Die Jagd auf Jörg Kachelmann

Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 31.05.2011 11 Kommentare

Systematisch drangen Journalisten in die Privatsphäre des Fernsehmannes und der Frau ein, die ihn angezeigt hatte. Nach dem Urteil heute wird die mediale Offensive weitergehen.

Immer vor der Kamera: Jörg Kachelmann bei Prozessbeginn in Mannheim.

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Bild: Keystone

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In den Vorgärten des Schwetzinger Kleinen Felds, eines Wirtschaftswunder-Wohnquartiers in Baden-Württemberg, blühen die Primeln. Kamerateams filmen sie, Reporter schleichen herum. Nur Stunden brauchten sie, um herauszufinden, dass die bekannteste Unbekannte der Bundesrepublik hier wohnt. Nun klingeln bei ihr und bei ihren Eltern nebenan die Telefone und ab und zu auch die Türglocken. Ihr Vater, ein pensionierter Lehrer, weist die aufdringlichen Journalisten ab. Ja, verraten Nachbarn, sie hätten manchmal ein Auto mit Schweizer Kennzeichen gesehen. Über Farbe und Typ sind sie sich uneinig.

Wir schreiben den 24. März 2010, den Tag zwei, nach dem auf der Website der «Bild»-Zeitung in Riesenlettern stand: «Wetter-Moderator Jörg Kachelmann in U-Haft». Und etwas kleiner: «Es geht um Vergewaltigung – Opfer soll seine langjährige Freundin sein!» Am Abend dieses 24. März 2010 wird deren Mutter vor ihrer Haustür im Kleinen Feld Narzissen finden. Hingestellt hat sie eine Witwenschüttlerin. Sie hat einen Zettel beigelegt. «Mein herzliches Beileid!», steht in Schulmädchenschrift, «falls Sie doch noch reden wollen, um die Geschichte richtig zu erklären, hier meine Nummer.» Es folgen «herzliche Grüsse», eine Unterschrift und ein PS: «Und ganz viel Kraft für Ihre Tochter.»

Für Jörg Kachelmann ist dieser Mittwoch der einzige Tag von 131 Tagen Untersuchungshaft, an dem er die Justizvollzugsanstalt verlassen darf. Er hat sich rasiert, zieht Jeans an, eines seiner Lieblings-T-Shirts, schwarzweiss gestreift, eine etwas zu weite schwarze Lederjacke und dunkle Halbschuhe. Diese Kleidung, das etwas vollere Gesicht, das Haar, das frisch gewaschen in den Nacken fällt – all dies wird die öffentliche Wahrnehmung des Häftlings prägen. Gedanken werden sich viele machen, weshalb sie die Wangen-, Kinn- und Halspartien erstmals seit Urzeiten glatt zu sehen bekommen. Fast in jeder Zeitung wird stehen, dass der Bart weg sei.Beim Witwenschütteln verfolgen Journalisten das Ziel, von Hinterbliebenen von Unglücksopfern und anderen Menschen, denen Leid widerfahren ist, möglichst gefühlvolle Zitate, Auskünfte oder Bilder zu bekommen.

In der Medienhölle

Jörg Kachelmann steigt früh morgens in ein Zivilfahrzeug ein. Die Fahrt soll geheim bleiben. Keine Viertelstunde und fünf Kilometer später kommt der Wagen im Amtsgericht Mannheim an – unbemerkt von den ersten Fotografen und Fernsehleuten, die bereits mit Kameras auf ihn warten. Es ist jetzt 7.15 Uhr. Der Plan ist aufgegangen.

Auf der «Bild»-Frontseite richtet sich an diesem Morgen ein greller Pfeil auf die verpixelte Aufnahme einer Blonden. «Diese Frau belastet ihn schwer!», steht dazu. In einem Leserkommentar auf www.bild.de erscheint ihr Vor- und Nachname, der von da an nicht mehr aus dem World Wide Web verschwindet. Auf Facebook ( 31.91 -3.39%) wird die Petition «Free Kachelmann» lanciert. Unterstützer des Wettermoderators schalten die Autogrammkarte von ihr, der Radiomoderatorin, auf. Die Aufnahme mit einem grünen Kaktus im Hintergrund bleibt unverfremdet. «Auf dem Foto von ihr sieht man auf einen Blick, dass diese Frau irgendwo ein Problem hat», schreibt ein anonymer Kommentator dazu, «eine normale Frau ist DAS jedenfalls NIE gewesen!» Das gehört zum Harmloseren, es folgen 15 Monate Verhandlung des Onlinegerichts im Fall Kachelmann. Das Vorurteil erfolgt schnell: Schuldig sprechen die Kampfblogger nicht Jörg Kachelmann, sondern die Frau, die ihn angezeigt hat. Wegen Falschbezichtigung.

Geht der Presse aus dem Weg

Die «Bekloppten im Internet» würden ihr nicht so viel ausmachen, wird die Anzeigeerstatterin einem psychiatrischen Gutachter anvertrauen, furchtbar seien die «Pressebelagerungen» gewesen. Wegen der «Medienhölle» habe sie sich entschieden, sich an diesem Mittwoch zum ersten Mal in ihrem Leben in Psychotherapie zu begeben. Die Mutter im Kleinen Feld bringt den Abfall raus. Eine junge Frau mit braunen Locken, mittlere Statur, hat sie abgepasst und spricht sie an. Die vielleicht 30-Jährige stellt sich in perfektem Hochdeutsch als Mitarbeiterin einer Zeitung aus Zürich vor und fragt, ob ihre Tochter da sei. Nein, die ist in der Klinik, antwortet die ältere Dame einsilbig. Sie hat Tränen in den Augen, als sie sich von der Mülltonne und von der Journalistin abwendet. Sie will nicht mit der Presse sprechen. Beim Reingehen, so wird sie am nächsten Tag der Schwetzinger Polizei erzählen, habe sie noch vor sich hin geschwatzt. Alles sei gelogen, habe sie zu sich selbst gesagt, als sie die Treppe hochging. Die Haustür habe sie sofort hinter sich abgeschlossen.

Ein ehemaliger «Bild»-Chefredaktor gewährte vor ein paar Jahren einmal Einblick ins Metier des Witwenschüttelns. «Ich war damals oft mit demselben Fotografen unterwegs, wir hatten eine perfekte Rollenaufteilung», sagte er. «Er hatte eine Stimme wie ein Pastor und begrüsste die Leute mit einem doppelten Händedruck, herzliches Beileid, Herr . . . Ich musste dann nur noch zuhören. So kamen wir an die besten Fotos aus den Familienalben.» Doch oft geht es nicht so einfach, viele Boulevardreporter sind ohne Pastorenstimme unterwegs. Dann sind Hartnäckigkeit, Ideenreichtum, Einfühlungsvermögen, Heuchelei gefragt und manchmal ein kleines Präsent oder ein, zwei Geldscheine. Bei der Mutter daheim klingelt das Telefon. Dran ist die Schweizer Journalistin von der Mülltonne. Ihr tue alles unheimlich leid, sagt die Anruferin. Sie sei gerade an einem Blumenladen vorbeigekommen, habe etwas für sie gekauft und stehe jetzt mit dem Geschenk vor der Haustür. Sie wolle keine Blumen, erklärt die Mutter, sie wolle sich nicht mit ihr unterhalten. Das müsse sie verstehen.

«Ich bin unschuldig»

«Ich bin unschuldig», kann Jörg Kachelmann den wartenden Journalisten im Innenhof des Amtsgerichts noch zurufen, die zuschauen, filmen und fotografieren dürfen, wie er wieder in den Gefangenentransporter steigen muss. «Er bleibt in Haft», schreibt die Frau, die ihn angezeigt hat, in ihr Laptop, «Gott sei Dank.» Ein langer Tag endet damit, dass vor einer Tür eines Hauses im Kleinen Feld in Schwetzingen, das von Dutzenden Journalisten belagert wird, ein Töpfchen mit Narzissen steht. Die Mutter liest die Botschaft in Schulmädchenschrift. Doch mit der Journalistin aus Zürich reden will sie immer noch nicht. Am nächsten Tag steht im «Blick»: «Jetzt spricht die Mutter des Opfers». Es folgt eine Reihe angeblicher Zitate: «Meine Tochter ist in der Klinik. Es geht ihr gar nicht gut.» Die Mutter habe unter Tränen gesagt: «Das ganze Leben von Jörg ist eine Lüge. Er hat die ganzen elf Jahre nur gelogen.»

Die Schweine, schreibt die Tochter in ihr Laptop, haben ein gefälschtes Interview mit meiner Mutter veröffentlicht. Wo führt das noch hin? Von der bekanntesten Unbekannten der Bundesrepublik hat die Presse keine brauchbaren Bilder. Deshalb belagern eine Woche nach der Verhaftung Jörg Kachelmanns noch immer zwei Paparazzi ihr Haus im Kleinen Feld. Einer wartet vorne, der andere hinten. Plötzlich tritt das mutmassliche Opfer aus der Haustür. Es erblickt einen der Paparazzi. Spurtet los. Der Fotograf drückt ab. Er sieht, wie die frühere Leichtathletin direkt Kurs nimmt auf einen hüfthohen Haag. Mit einem Satz steht sie im Garten des Nachbarhauses, in dem ihre Eltern wohnen. Sie klopft aufgeregt an eine Glastür. «Wir können doch vernünftig reden», ruft der Mann von hinter dem Zaun nach. Doch die Verfolgte hämmert gegen die Glastür. Nach bangen Sekunden wird sie reingelassen. Die Bilder ihrer Flucht vor den Kameras erscheinen nie.

Kachelmann schlägt zurück

Am 29. Juli 2010 tritt ein Mann mit einer gesunden Bräune durch eine grüne Tür der Justizvollzugsanstalt Mannheim in die Freiheit. Die Kameras klicken und filmen. Schaulustige klatschen. Ein Untersuchungshäftling ist so berühmt geworden, wie es kein Wettermoderator geschafft hätte. Jörg Kachelmann ist nicht mehr der «viertklassige TV-Promi», wie er sich selbstironisch bezeichnet hat.

Kaum freigelassen, wird er zum Verfolgten. Reporter, Kamerateams, Paparazzi verfolgen den Range Rover seines Verteidigers auf die A 61 Richtung Koblenz. Bald wird Kachelmann in Nordeuropa untertauchen, wo ihn keiner kennt, und anderswo. Im August taucht er auf einem Appenzeller Hügel wieder auf. In der Nähe seiner Firmenzentrale auf dem Schwäbrig wird er die Stossstange eines Paparazzo touchieren, der an einer unübersichtlichen Stelle wendet. Der Fotograf, der ihm auflauern wollte, gibt sich nicht zu erkennen, er wird sagen, es sei nichts passiert. Vor dem Prozess fliegt Jörg Kachelmann nach Kanada. Die Medien gönnen ihm aber auch in British Columbia keine Pause. Für die Promipostille «Bunte» wird er im Urlauber-T-Shirt, Shorts und Mokassins fotografiert. Ein Grossteil der Paparazzi-Aufnahmen und viele Berichte über das Intim- und Sexualleben Kachelmanns lässt das Landgericht Köln auf Antrag des Betroffenen verbieten.

«Ekelerregende Persönlichkeitsrechtsbrecher»

Im Frühling 2011, nach einem langen Prozesswinter, wird der Angeklagte anfangen, selber zurückzuschiessen. Bilder, die er auf Twitter postet, sollen dokumentieren, wie Fotografen und Journalisten ihm und seinen Nächsten nachstellen: im Garten, auf dem kanadischen Provinzflughafen Kamloops, in der Schweiz. Ein Wartender sitzt auf einem der Twitter-Bilder von «JK» in einem weissen Wagen in Wollerau, hoch über dem Zürichsee. Er passt den frisch vermählten Angeklagten ab, der mit seiner dritten Frau in die Steueroase gezogen sein soll. Nicht zu sehen ist, wie die Kantonspolizei Schwyz in Zivil vorfährt, um den Mann wegzuschicken. Die Bilder, so twittert Kachelmann, zeigten «die gewohnheitsmässigen und ekelerregenden Persönlichkeitsrechtsbrecher». Mehr als ein Jahr nach seiner Freilassung wird der vom Boulevard Gehetzte auch eine E-Mail veröffentlichen, in der sich ein «Bunte»-Redaktor bei seinem kanadischen Makler beliebt macht. Er bittet um Informationen über ein für 1,4 Millionen kanadische Dollar zum Verkauf stehendes «Waterfront Retreat», das einer «German Celebrity» gehöre. Kachelmann, der Immobilien verkauft, um seinen Prozess zu finanzieren, twittert, er sei «eigentlich Schweizer».

Heute, kaum wird das Mannheimer Landgericht sein Urteil verkündet haben, wird die nächste Runde in der medialen Jagd auf den Wettermoderator und auf die Radiomoderatorin beginnen. Beide haben sich noch nie öffentlich zum Strafverfahren geäussert, das sie zu Opfern machte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2011, 21:58 Uhr

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11 Kommentare

Thomas Seitzinger

31.05.2011, 07:48 Uhr
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Absolut unglaublich was da gegen Jörg Kachelmann all die Monate abgegangen ist und immer noch abgehen wird. Die Medien spielen hier eine dreckige Rolle vernichten buchstäblich die Existenz eines Mannes und machen eine Show daraus wie bei einer billigen Fernsehserie. Da keine Beweise gegen Kachelmann vorliegen ist er freizusprechen und entsprechend Haftentschädigung auszurichten für 9 Monate Hölle Antworten


Hans Müller

31.05.2011, 09:21 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Newsnetz war da ja keine Ausnahme, oder? Böse böse Medienwelt. Ein bisschen Asche aufs Haupt - und es kann weitergehen. Der nächste Fall wartet schon..... Antworten



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