Panorama
«Ich habe die Zwillinge gesehen – darf aber nichts sagen»
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 27.07.2009
Das ist die Chance! Die ganze Welt lechzt nach einem Bild der Federer-Zwillinge. Die zwei Neugeborenen sollen in Zürich in der Hirslanden-Klinik liegen. Weshalb nicht einfach hinfahren? Noch nie war die Gelegenheit so günstig, der Welt ein schönes Föteli, dem Arbeitgeber mit dem Verkauf des Bildes ein gutes Sackgeld und sich selbst einen Fensterplatz am Paparazzi-Himmel zu schenken.
Einfach möglichst unauffällig vorgehen, denkt der Paparazzi-Laie und macht sich mit dem Fahrrad und einer kleinen Fotokamera in der Hosentasche in Richtung Hirslanden-Klinik. Aber merkwürdig: Vor der Klinik warten keine Kollegen mit grossen Objektiven, keine Wachleute halten Fremde fern. Sind Mama Vavrinec, Papa Federer und die Zwillinge Charlene Riva und Myla Rose etwa gar nicht mehr hier? Oder waren sie gar nie da?
«Besuchst du auch...»
Ich parkiere das Fahrrad und schreite durch den Haupteingang schnurstracks am Empfang vorbei. Kein Blick zur Seite, so tun, als wisse man genau, wo man hinmöchte. Der lange Flur sieht aus wie jeder Spital-Flur, Tür reiht sich an Tür, es riecht nach Desinfektionsmittel, kein Mensch ist zu sehen. Das soll die Luxusklinik für unseren Super-Roger sein, für die Nummer Eins der Welt? Eine Tafel zeigt: Zur Maternité gehts einen Stock nach unten. Der Lift bringt einen dorthin, niemand schöpft Verdacht – der Paparazzi-Job erweist sich bis jetzt als fast enttäuschend einfach.
Eine junge Frau, stark tätowiert, geht in dieselbe Richtung wie ich. Wir schauen uns an. «Besuchst du auch...», fragt sie und nennt einen unverständlichen Namen. «Nein, nein, ich besuche jemanden anderes», antworte ich. Rechterhand steht «Gebärsäle» angeschrieben, hier müssten die Zwillinge also auf die Welt gekommen sein. Die junge Dame und ich gehen weiter zur Maternité. Langsam steigt der Puls, die Frau verabschiedet sich und betritt mit freudiger Erwartung ein Zimmer. Roter Teppich schmückt den Flur, Hotelatmosphäre löst den sterilen Spitalgroove ab. Ja, hier könnte man sich die glückliche Federer-Familie vorstellen.
Drei Männer mit Krawatte vor dem Zimmer
Vor einer Türe stehen drei Männer in Anzug und Krawatte. Ich wähne mich schon am Ziel. Da fragt einer der Herren: «Suchen Sie etwas?» – «Ja, ich möchte jemanden besuchen.» Der Herr trägt ein Namenschild: «Rolf Wingeier, Leiter Dienste». «Ich will Herrn Federer besuchen», präzisiere ich. Er stockt. «Woher wissen Sie, dass er da ist?» – «Das weiss man doch.» – «Wir haben hier niemanden mit dem Namen Federer», sagt er. «Gehen Sie bitte raus, wir mögen es nicht, wenn man hier rumschnüffelt.»
Vor lauter Aufregung habe ich vergessen, noch rasch ein Foto zu schiessen. Ich eile in Richtung Ausgang – und überlege mir die weitere Strategie. Plötzlich merke ich, dass mich ein Pfleger verfolgt. «Sie wissen, wo der Ausgang ist?», fragt er bestimmt. Den muss ich nun irgendwie loswerden – das Paparazzi-Dasein beginnt langsam Spass zu machen. Vor der letzten Kurve Richtung Ausgang kehrt der Pfleger um, ich suche gleich die Caféteria auf. Die meisten Gäste sind Angestellte, die gilt es zu umgehen. «Haben Sie Roger Federer oder seine Frau gesehen?», frage ich zwei Gäste ohne Namensschild. «Wir sind zwar seit drei Tagen hier, gesehen haben wir ihn aber nicht», sagen sie und beginnen zu plaudern. «Vielleicht sind sie ja schon weg, die haben bestimmt einen Privatarzt», meint die eine Frau. Stimmt. Aber jemand muss doch noch zu finden sein, der die junge Familie gesehen hat.
In den Gängen sind die Federers das Gesprächsthema Nummer eins. «Cool, wie die die Presse verarscht haben», hört man tuscheln, schliesslich hatten die Profi-Papparazzi vorerst alle vor dem falschen Spital gewartet. Wenn die wüssten, dass die Presse in diesem Augenblick in meiner Person zurückschlägt! Ich gehe noch ins Besucherrestaurant, dort ist noch überhaupt niemand. Strategiewechsel. Ich werde mich von hinten anschleichen.
Redeverbot
Hinter dem Gebäude raucht eine Krankenschwester etwas versteckt eine Zigarette. Ob sie Federers gesehen habe. Nein, leider nicht, sie habe mit der Maternité nichts zu tun. Sie wirkt erleichtert, als ich mich von ihr abwende – wie alle, die ich anspreche. Im kleinen Park hinter der Geburtsklinik ruhen sich einige Angestellte aus. «Ich habe sie auch nicht gesehen», meint eine junge Frau. «Wir dürfen nichts sagen, verboten», sagt ein Mann mit südländischem Akzent. Aha. «Aber Sie haben sie gesehen?», frage ich nach. «Schon, aber ich nichts sagen dürfen», antwortet er. Endlich, die Bestätigung! Sie sind da! Oder sie waren zumindest da.
Mit gezückter Kamera schaue ich noch, ob nicht Mirka Vavrinec zufälligerweise in diesem Augenblick mit beiden Kindern auf dem Arm aus einem Fenster schaut. Aber da ist nichts. Na ja. Zum Schluss ein Blick über die Mauer in den Hof der Maternité, dann ein Gang durch die Tiefgarage, um zu sehen, ob nicht eine Federer-Limousine rumsteht, dann gebe ich auf. Mit dem Paparazzi-Ruhm wird diesmal nichts. Aber wer weiss, vielleicht denken die Federers schon bald über ein drittes Kind nach. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.07.2009, 15:31 Uhr

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