«Ohne Angst würde ich nicht mehr leben»

Der Bergsteiger Reinhold Messner wird 70. Von seinen Kletterpartnern lebe nicht mal mehr die Hälfte, sagte er kürzlich. Auch sein jüngerer Bruder kam unter tragischen Umständen ums Leben.

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Viele 70-Jährige feiern ihren runden Geburtstag gediegen in einer Gastwirtschaft - Reinhold Messner hingegen will seinen Festtag im Schlafsack in den Bergen begehen. Mit Freunden zusammen will er ein Biwak aufschlagen und den freien Blick auf die Sterne geniessen - der bis heute unerreichte Bergsteigerkönig fühlt sich auch im zunehmend gesetzten Alter noch auf den Bergen am wohlsten.

Feiern darf der am 17. September 1944 geborene Messner vor allem, dass er überhaupt noch lebt. Der «Bild»-Zeitung zählte er kürzlich auf, wie riskant er sein Leben gestaltet hat. Von seinen Kletterpartnern lebe nicht mal mehr die Hälfte, «sechs, sieben Leute, mit denen ich die grossen Abenteuer angepackt habe», habe er durch tödliche Unfälle verloren.

Schon als Kind in den Bergen

Und von den weltweit fünfzig Spitzen-Bergsteigern seiner besten Zeit lebten vielleicht noch zehn: «Das ist hart, die Formel 1 ist nichts dagegen.» Dass er alle Gefahren heil überstanden hat, führt Messner auf seine eigene Angst zurück. «Ohne Angst würde ich nicht mehr leben. Angst ist ja die andere Hälfte des Mutes, Angst und Mut sind ein unteilbares Ganzes», sagte Messner der «Neuen Osnabrücker Zeitung».

Messner kam kurz vor Kriegsende in Brixen in Südtirol als zweites von neun Kindern zur Welt. Die Eltern nahmen ihn früh mit in die Berge, als Fünfjähriger und damit noch im Kindergartenalter bezwang er mit seinem Vater den ersten Dreitausender in den Dolomiten.

Sein erster grosser Kletterpartner wurde sein zwei Jahre jüngerer Bruder Günther - dieser steht auch für Reinhold Messners grosses Lebensdrama. 1970 schafften die beiden zusammen die Erstbesteigung der Südwand des Nanga Parbat. Doch beim Abstieg stürzte sein Bruder ab und starb. Die Umstände des Todes gelten bis heute als unklar.

Jahrelange Suche nach dem Bruder

Messner suchte jahrelang nach der Leiche Günthers und fand sie 2005 schliesslich auch. Doch seine damaligen Gefährten zweifeln seine Darstellung des Dramas bis heute an. Messner selbst sagt inzwischen, «es war die grösste bergsteigerische Leistung meines Lebens und gleichzeitig meine grösste Niederlage.»

An seinem Streben nach immer neuen Höhen änderte die Tragödie aber nichts. Als erster Mensch bestieg er 1978 den Mount Everest ohne Sauerstoff. Und als bis heute einziger Mensch hat er alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bezwungen, dieses bergsteigerische Meisterwerk gelang ihm von 1970 bis 1986. Ausserdem durchquerte er als erster Mensch zusammen mit dem Abenteurer Arved Fuchs zu Fuss die Antarktis und durchwanderte auch die Wüste Gobi.

Die Suche nach dem Yeti

Messner hat altersbedingt zwar die grossen Abenteuer für beendet erklärt, doch mit seinem 18-jährigen Sohn Gesar Simon geht er auf kleinere Expeditionen. Sein Sohn stammt aus der langjährigen Beziehung mit der Textildesignerin Sabine Stehle, die Messner 2009 nach 25-jähriger «wilder Ehe» heiratete. Das Paar hat zudem zwei Töchter, aus einer früheren Verbindung hat Messner eine weitere Tochter.

Der vielseitige Abenteurer lebt mit seiner Familie auf der Burg Juval im Südtiroler Vinschgau, betreibt auch einen Bauernhof zur Selbstversorgung und eröffnet demnächst sein sechstes Museum. Die Museen drehen sich zu einem grossen Teil um ihn selbst - Kritiker werfen Messner eine gewisse Ich-Bezogenheit vor.

Doch wahrscheinlich bleiben die Museen langfristig ein Erfolg, wenn ihm auch sein letzter geplanter Coup gelingt. Messner will sich nächstes Jahr noch einmal auf die Suche nach dem Yeti machen. Inzwischen sieht er sich durch britische Genetiker bestätigt, die meinen, das Legendenwesen sei eine Kreuzung aus einem Eis- und einem Braunbären. Fehlt nur noch eine überzeugende Filmaufnahme - Messner dürfte alles dafür tun, damit sein Lebenswerk abzurunden. (AFP)

(Erstellt: 17.09.2014, 11:26 Uhr)

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