Panorama
Sex, Lügen und Aktenberge
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 29.03.2011 19 Kommentare
Erscheint erst nach dem Urteil, das voraussichtlich Ende Mai gesprochen wird: «Die Akte Kachelmann».
Das Buch
Die Akte Kachelmann. Orell Füssli, Zürich. Erscheint nach der Urteilsverkündung.
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«Sie getrauen sich noch, anzurufen?», bellt ein Schweizer Anwalt von Jörg Kachelmann in den Hörer. Eine Antwort ist nicht gefragt. Lieber legt er selbst los: «Was Sie da schreiben, ist so ein Scheiss.» Nach einer Minute Redeschwall fragt man zurück, was denn falsch oder unfair gewesen sei in der Berichterstattung über den Mannheimer Vergewaltigungsprozess. Es antwortet der Summton. Der Anwalt hat aufgelegt.
Das einseitige Telefonat mag von der direkten Art des Rechtsvertreters zeugen. Oder von einer gewissen Nervosität im kachelmannschen Umfeld. Dem Angeklagten allerdings war keine Aufregung anzumerken am vergangenen Freitag im schmuck- und trostlosen Saal 1 des Mannheimer Landgerichts. Eben hatte Sabine W. (Name geändert) zum letzten Mal ausgesagt, die blonde Radiomoderatorin mit dem Halstuch, die ihn bezichtigt, er habe sie in der Nacht auf den 9. Februar 2010 bei ihr zu Hause bedroht und missbraucht. Jörg Kachelmann, immer gleich im grauen Anzug, aber neuerdings mit einem Goldring am linken Ringfinger, flachste mit seinen Anwälten und der Justizpolizei, er lächelte. Vielleicht ist die demonstrative Entspanntheit des Wind- und Wetterunternehmers dem Verfahrensstand angemessener als die Gereiztheit des Anwalts. Was an den mittlerweile 35 zähen Verhandlungstagen öffentlich erörtert worden ist, ist kaum geeignet, den Angeklagten fünf Jahre und länger wegzusperren. Allerdings ist bei weitem nicht alles bekannt, was in das Urteil einfliessen könnte. Immer wenn es persönlich, intim, also vermutlich interessant wird, leuchtet eine weisse Anzeige auf: «Öffentlichkeit ausgeschlossen». Den Grossteil der Hauptverhandlung, rund zwei Drittel, warteten Publikum und Presse vor der Gerichtstür. Doch Recherche ermöglicht es trotzdem, nachzuzeichnen, was im verworrenen Fall an Indizien pro und kontra Kachelmann zusammengekommen ist.
Seine Telefonate, seine SMS
Den ersten Augenzeugen ist am angeblichen Sexualstraftäter nichts Besonderes aufgefallen. Die Réceptionistin im Holiday Inn beim Frankfurter Flughafen, wohin Kachelmann nach seinem folgenschweren Abgang bei Sabine W. gefahren ist, erinnert sich an einen «sehr angenehmen Besuch». Die Hotelfachangestellte spricht von «Small Talk» mit dem Gast vor Morgengrauen. Der Sitznachbar im Airbus nach Kanada am nächsten Tag erzählt den Ermittlern, Kachelmann habe die meiste Zeit friedlich vor sich hingedöst. Zeichen von Nervosität? – Fehlanzeige. Der «Wettertainer» sagt für die ARD von den Olympischen Winterspielen in Vancouver Wind, Schnee und Sonne an. Seinen TV-Kollegen vor Ort fällt ebenfalls nichts Aussergewöhnliches an ihm auf.
Alles scheint normal, wären da nicht verstörende Botschaften, die Kachelmann auf dem Weg an den Austragungsort aussendet. Noch in Frankfurt macht er am Handy auf eine Zeugin einen sonderbaren Eindruck. Kurz darauf erhält sie ein SMS. Es gehe ihm, schreibt Kachelmann, nicht gut. Kaum in Kanada, mailt er einem deutschen Fernsehdirektor, er habe mit seelischen Problemen zu kämpfen, die von früher stammten. Deshalb könne er nie wieder Talkshows leiten. Einer Partnerin in Hamburg schickt er einen Link zur psychischen Krankheit Dissoziative Identitätsstörung. Vor, zwischen und nach diesen sonderbaren Nachrichten verfasst der Fernsehpromi unzählige E-Mails. Die Texte von geschäftiger Harmlosigkeit zeigen für die Verteidigung, dass ihr Mandant in jenen Stunden und Tagen «normal funktionierte». Um Jörg Kachelmanns Psyche zu beurteilen, sitzt seit Prozessauftakt ein Sachverständiger im Gerichtssaal. Der Psychiater beobachtet, wie der Angeklagte schweigt, und ab und zu fragt er eine Ex-Partnerin im Zeugenstand, ob sie etwas über dessen Elternhaus wisse. Seine Expertise steht noch aus.
Ihre Anzeige, ihre Lügen
Die Radiomoderatorin wirkt glaubwürdig auf die Ermittler, als sie Jörg Kachelmann anzeigt. Doch der erste Eindruck täuscht. Sabine W. ist nicht – zumindest nicht nur – die wahrheitsliebende Hauptbelastungszeugin. Sie stellt bei Polizei und Staatsanwaltschaft, gegenüber ihrer Familie und bei ihrem Therapeuten wiederholt die Vorgeschichte der angeblichen Tatnacht falsch dar. Erst unter massivem Druck der Ermittler und der Fakten gesteht sie, gelogen zu haben. An ihrer Vergewaltigungsdarstellung jedoch hält sie in einem halben Dutzend Befragungen fest.
Diesen Komplex wird die Psychologieprofessorin Luise Greuel noch mündlich bewerten, was mitentscheidend für den Prozessausgang sein dürfte. Schriftlich hat sie bereits «erhebliche Mängel» in der Aussage konstatiert. Ihr fällt vor allem Folgendes auf: Die Vorgeschichte wird detailliert und teilweise falsch geschildert, die angebliche Tat aber nur in knappen Worten. Der Therapeut von Sabine W. und die Staatsanwaltschaft versuchen, die gravierenden Lücken in der Anschuldigung mit der Traumatisierung der Radiomoderatorin zu erklären. Das Erklärungsmuster, das Laien vielleicht einleuchtet, ist unter Wissenschaftlern höchst umstritten. Gar schwachsinnig findet es Psychiatrieprofessor Hans-Ludwig Kröber, nachdem er das mutmassliche Opfer an zwei Tagen interviewt hat. Der Sachverständige führt aus, der Therapeut, «ein lokal tätiger Wissenschaftler», würde auf eine Patientin mit «manipulativer Potenz» hereinfallen. Gewaltopfer vergässen allgemein kaum je, was ihnen widerfahren sei. Es imponiere immer wieder, sagt Koryphäe Kröber, wie präzise sie sich an die Situation erinnerten, in der es um Leben und Tod ging.
Seine Aussagen, sein Schwur
Bei seiner Festnahme wirkt Jörg Kachelmann laut Polizisten wenig überrascht. Doch warum hätte er nach Deutschland zurückkehren sollen, wenn er hätte fürchten müssen, was ihn erwartet?
Fünf Tage später äussert er sich das erste und letzte Mal zu den Anschuldigungen. «Ich schwöre», so beginnt er, «bei allem, was mir heilig ist, dass die Vorwürfe haltlos sind.» Doch die Einvernahme, die ihn entlasten soll, wirkt sich aufgrund von Ungereimtheiten eher belastend aus. So sagt der TV-Wetterexperte, er habe gegenüber seiner Partnerin in Schwetzingen eingeräumt, eine andere Geliebte gehabt zu haben. «Über andere Verhältnisse wurde nicht gesprochen», behauptet er. Wie aber, wenn nicht durch sein Eingeständnis, wussten das mutmassliche Opfer und dessen Mutter bereits in ihren ersten Aussagen von mehreren Parallelpartnerinnen? Der Beschuldigte verstrickt sich auch in Widersprüche, als er Angaben zu seinen Kindern macht, die hier nicht im Detail wiedergegeben werden können, ohne die Privatsphäre der Involvierten zu verletzen. Jörg Kachelmann könnte vielleicht die eine oder andere Unstimmigkeit in seiner Aussage ausräumen, doch er hat sich entschieden, vor Gericht kein Wort mehr zu sagen.
Ihr Laptop, ihre Files
Die Ermittler durchsuchen die Festplatte des Laptops von Sabine W. Es stellt sich heraus, dass die Radiomoderatorin bereits ein Jahr früher, als sie eingeräumt hat, nach einer Nebenbuhlerin gegoogelt hat. Ihre Erklärung dafür wirkt wenig überzeugend: Ein anonymer Anrufer habe sie damals gefragt, ob sie die Frau mit diesem Namen sei.
Im gelöschten Bereich des Laptops finden sich Aufnahmen von grossen blauen Flecken an den Beinen von Sabine W. Die Anzeigeerstatterin habe diese Bilder gemacht, mutmasst die Verteidigung, um später ähnliche Verletzungen selber produzieren zu können. Sabine W. sagt, vielleicht sei ein Neffe auf ihren Oberschenkeln rumgehüpft.
Seine DNA, ihre DNA
Laut Anklageschrift hat Jörg Kachelmann bei der mutmasslichen Tat ein Tomatenmesser eingesetzt. An der Schneide findet sich nur ein winziger Blutrest mit dem Erbgut der Radiomoderatorin. Am schwarzen Plastikgriff stellt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg eine DNA-Mischspur zweier Personen fest: 18 von 22 Erbgutinformationen von Sabine W. zählt es. Von Jörg Kachelmann finden sich nur 13 der 22 Merkmale. Experten sagen, dass eigentlich mehr Spuren von ihr an der Klinge dran sein müssten und mehr von ihm am Griff. Theoretisch wäre es möglich, dass jemand das Messer abgewischt hat, doch gibt es dafür keine Hinweise.
In seiner Einvernahme hat Jörg Kachelmann ausgesagt, er habe in seiner letzten Nacht in Schwetzingen keinen Tampon berührt, «es war keiner drin». Erst auf Nachfrage relativierte er: «hundertprozentig ausschliessen» könne er es nicht. An einem Tamponfaden findet sich aber sein Erbgut. Er sagt, der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich gewesen. Spuren beider, verteilt über das Leintuch, deuten eher darauf hin als auf eine Vergewaltigung.
Ihre Blessuren, seine Gutachter
Renommierte Rechtsmediziner schliessen es aus, dass die Hals-, Arm-, Bein- und Bauchverletzungen von Sabine W. so entstanden sein können, wie sie es schildert. Die Gutachter, von der Verteidigung beauftragt, vermuten, dass die Ex-Partnerin selbst Hand an sich gelegt hat. Es wären allerdings aussergewöhnlich heftige Selbstverletzungen. Der einzige Rechtsmediziner, der Sabine W. persönlich untersucht hat, ist zurückhaltender. «Ich kann weder nachweisen, dass der Angeklagte der Nebenklägerin die Verletzungen beigebracht hat», sagt er, «noch kann ich nachweisen, dass sich die Nebenklägerin die Verletzungen selbst beigebracht hat.» Auch ihm fällt allerdings auf, dass Sabine W. keine Druckverletzungen an den Armen aufweist, wie sie bei Vergewaltigungsopfern häufig sind, falls sie sich wehren.
Seine Frauen, seine Grobheiten
Rekordverdächtige zehn «Beziehungszeuginnen» haben mittlerweile im Prozess ausgesagt. Einige der ehemaligen Parallelpartnerinnen haben sich positiv über den Angeklagten geäussert und beteuert, sie trauten ihm eine Vergewaltigung nie und nimmer zu. Eine von ihnen hat ihn wohl in der Zwischenzeit sogar geheiratet. Gefährlich werden könnten ihm jene Frauen, die berichten, Kachelmann sei ihnen gegenüber grob geworden – zuletzt drei Wochen vor der tragischen Nacht von Schwetzingen. Ein Bericht darüber scheint Jörg Kachelmanns Anwalt auch derart enerviert zu haben wie eingangs geschildert.
Solche Aussagen könnten ein letztes Teilchen bilden in einer etwas lottrigen Indizienkette gegen den Angeklagten: verwirrende Botschaften – DNA am Tampon – Ungereimtheiten in der Aussage – eventuell weitere Elemente. Doch ein Jahr nach der Inhaftierung des Wettermoderators, ein halbes Jahr nach Prozessauftakt, fehlen, trotz intensivster Suche, hieb- und stichfeste Beweise für eine Schuld Jörg Kachelmanns. In zentralen Punkten sind im Laufe des Verfahrens die Zweifel an einer Tat gewachsen, insbesondere bei der Aussage der Hauptbelastungszeugin und bei der Spurenlage. Zum Urteil kommt es voraussichtlich Ende Mai. Dann liegt es an den drei Berufs- und zwei Laienrichtern, über das Schicksal des bekanntesten Schweizers in Deutschland zu entscheiden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.03.2011, 19:54 Uhr
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19 Kommentare
Dass die Geschichte von Frau Dinkel von A bis Z erstunken und erlogen ist, war eigentlich schon von Anfang an klar. Es ist die Rache einer enttäuschten Frau, die mitbekommen hat, dass ihr vermeintlicher Mann zahlreiche andere «Lausemädchen» hat. Kommt Kachelmann frei, wird das massive Konsequenzen haben für die Radiofrau. Aber für ein Umdenken ist es nun längst zu spät. Antworten
Wie auch immer der Stand der Dinge sein mag: Die Strategie von Kachelmann im Prozess zu schweigen, ist für einen Unschuldigen eigentlich eher atypisch. Das Schweigen ist irritierend. Dieser Umstand wird von unzähligen Gerichtsverfahren gestützt. Warum schweigt ein Unschuldiger? Antworten
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