Kleiner Mann – was nun?

Starmoderator Hans Meiser hat sich ins Abseits manövriert.

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Manchmal setzt die Wirklichkeit die besten Pointen. In der Satiresendung «Neo» spielt Hans Meiser, ein altgedienter deutscher Fernsehmoderator, den «kleinen Mann». Dieser Protorechte schimpft gegen die «versiffte Systempresse», warnt vor den «Muselmännern» und sehnt sich nach einem «charismatischen Führer».

Der kleine Mann kommt schlecht weg in Jan Böhmermanns Satireshow. Doch ausgerechnet Hans Meiser kann sich gut identifizieren mit seiner Rolle. Wie ein Blog aufdeckte, arbeitet Meiser seit zehn Monaten für die Internetseite Watergate.tv. Die dortigen Beiträge lassen sich von den Tiraden des «kleinen Manns» kaum unterscheiden – nur sind sie ernst gemeint. Das selbst ernannte «investigative Redaktionsnetzwerk» verbreitet Inhalte à la: «11 Gründe für Deutschlands baldigen Untergang» oder «Weisskittelmafia verhindert weitere Krebsheilung».

Rasch wurde vermutet, dass Jan Böhmermann Meiser undercover zu Watergate.tv geschickt hat als eine Art Günter Wallraff unter Verschwörungstheoretikern.

Drei Beiträge hat Hans Meiser selber verfasst («Skandal! Bundeswehr vergiftet den eigenen Nachwuchs»), er dient zudem als Aushängeschild der Website. Zu seinen Berichten stehe er, verteidigte sich Meiser in einem Interview, sie hätten «Hand und Fuss». Die Betreiber kenne er schon lange, doch das bedeute nicht, dass er mit allem einverstanden sei, was dort stehe.

Rasch wurde vermutet, dass Jan Böhmermann Meiser undercover zu Watergate.tv geschickt hat als eine Art Günter Wallraff unter Verschwörungstheoretikern. Aber derzeit sieht alles danach aus, dass der 70-Jährige von sich aus für Watergate.tv wirkt. Das ZDF hat ihn deswegen aus dem «Neo»-Magazin verbannt.

Meiser ist in den letzten Jahren mit pointierten, cholerisch getönten Interviews aufgefallen.

Meiser ist in den letzten Jahren mit pointierten, cholerisch getönten Interviews aufgefallen. Das Ende seiner Fernsehkarriere hat er schlecht vertragen. In den 90er-Jahren gehörte der studierte Germanist zu den erfolgreichsten Moderatoren Deutschlands. Auf RTL plus hatte er seine eigene Nachmittagstalkshow, die oft nachgeahmt wurde und Meiser mehrere Preise einbrachte. Doch 2010 war Schluss bei RTL, man habe ihn «abgeschossen wie eine Wildsau in der Morgensonne», sagte Meiser später. Eine neue Show werde er wohl nie mehr kriegen. «In Deutschland gibt es die Mülltrennung. Und alte Säcke wirft man nicht weg, die werden verbrannt.» Weil er als «Rampensau» sein Publikum brauchte, tingelte Meiser fortan als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff über die Meere.

Mit den Auftritten bei Böhmermann gelang dem Abgeschriebenen ein Überraschungscomeback. Plötzlich mochte ihn auch das Feuilleton, das seine RTL-Shows als «Unterschichtenfernsehen» belächelt hatte. Doch das «Neo»-Magazin schien ihm nicht zu genügen. «Ich schreibe gerne und weiss Dinge, die andere nicht wissen», sagte er kürzlich. Um diese Dinge mitzuteilen, hat er es sich mit dem ZDF verscherzt. Aber wie meinte Meiser als «kleiner Mann» mal: «Die Lügenpresse brauch ich nicht. Ich habe das Internet.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 23:47 Uhr

Hans Meiser

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