Panorama

Amoklauf in Lörrach: Täterin hatte im Spital eine Fehlgeburt erlitten

Aktualisiert am 20.09.2010

Eine Rechtsanwältin hat gestern in Lörrach nahe Basel ihren Mann, ihren Sohn und einen Pfleger umgebracht. Die Polizei gab ab 16 Uhr neue Einzelheiten bekannt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live.

1/18 Mit viel Benzin in Brand gesteckt: Polizisten bewachen am Montag, dem 20. September, das Haus, in der die Amoktat von Lörrach begann.
Bild: Reuters

   

Weitere Einzelheiten zu der Tat und zu den Ermittlungen wollten Polizei und Staatsanwaltschaft am Nachmittag (16.00 Uhr) bekannt geben.

  • 16.27 Uhr: Zusammenfassung  

    Die Amokläuferin von Lörrach hat ihren Ehemann mit einer Kleinkaliberwaffe erschossen. Auch der gemeinsame fünfjährige Sohn wurde in dieser Wohnung getötet, jedoch auf eine andere Art. Das Kind weise keine Schussverletzung auf, teilte Generalstaatsanwalt Uwe Schlosser am Montag in Lörrach mit. Die Leiche zeige aber Anzeichen stumpfer Gewalt. Bevor die Täterin die Wohnung verliess, legte sie mit einer zuvor ausgeschütteten explosiven Nitroglycerin-Lösung Feuer.

    Zu den Motiven der Tat der 41-jährigen Rechtsanwältin, im benachbarten Elisabethen-Krankenhaus einen Pfleger zu töten, sagte Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer, dass möglicherweise ein Zusammenhang mit einer Fehlgeburt besteht, die die Frau im Jahr 2004 dort erlitten hatte. Sie hat dem Pfleger Stich- und Schussverletzungen zugefügt.

    Der Einsatzleiter der Polizei, Michael Granzow, sagte, die Täterin habe etwa 300 Schuss Munition dabei gehabt und gezielt zehn Mal auf die Tür eines Patientenzimmers geschossen. Sie war mit einer Waffe des Kalibers 22 und einem Messer in die Klinik eingedrungen. Die Beamten hätten daraufhin Schüsse auf sie abgegeben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war die Frau früher Mitglied in einem Schützenverein. Anzeichen für eine psychische Erkrankung seien bisher nicht bekannt.

  • 16.26 Uhr: Verletzte  

    Den drei angeschossenen Personen gehe es unter den Umständen gut, so der Staatsanwalt. Ein Polizist habe einen glatten Beindurchschuss erlitten.

  • 16.23 Uhr: Behandlung  

    Der Staatsanwalt hat keine Anhaltspunkte auf eine psychische Erkrankung oder Behandlung der Frau. Gespräche mit Bekannten hätten aber gezeigt, dass die Frau «psychisch angespannt» war.

  • 16.22 Uhr: Das Messer  

    Bei der Stichwaffe soll es sich um ein Fahrtenmesser handeln, so die Polizei. Also eine Art Sackmesser.

  • 16.19 Uhr: Fragerunde  

    Die Frau habe die Waffe rechtmässig besessen. Es sei eine Sportschützenwaffe. Die Frau hatte rund 300 Schuss Munition dabei. Die Stichwaffe soll ein Dolch sein. Das Kind sei durch Einwirkungen stumpfer Gewalt gestorben. Aber wer diese Gewalt angewendet hat, wisse man noch nicht genau.

  • 16.15 Uhr: Bürgermeisterin  

    Die Oberbürgermeisterin der Kreisstadt Lörrach, Gudrun Heute-Bluhm, dankt der Polizei und erwähnt, dass die Beamten viele weitere Opfer verhindert hätten. Sie erwähnt, dass im Internet ein Kondolenzbuch eingerichtet werde.

  • 16.12 Uhr: Polizeikommandant  

    Der Polizeichef erzählt vom Einsatz im St. Elisabethen Spital. Als Polizisten dort eingetroffen sind, wurden die Beamten sofort beschossen. Die Frau konnte schliesslich im Gang der Gynäkologie-Abteilung eingekreist werden. Die Frau wurde dazu aufgefordert, die Waffe niederzulegen. Doch diese habe sich geweigert und weitergeschossen, worauf die Frau von der Polizei erschossen wurden. Die Beamten hätten dies tun müssen, um die Patienten in den anliegenden Krankenzimmern zu retten. Er sei überzeugt, damit seien viele Leben gerettet worden.

  • 16.10 Uhr: Beziehungstat  

    Der Staatsanwalt meint, es könne sich sehr gut um eine Beziehungstat handeln. Warum die Frau anschliessend ins nahe Spital gegangen war, und dort einen Pfleger tötete, habe man sich den ganzen Tag lang gefragt hat. Man wisse es nicht genau. Die Täterin habe jedoch im St. Elisabethen Krankenhaus im Jahr 2004 eine Fehlgeburt erlitten. Man wisse jedoch nicht genau, ob das ihr Motiv gewesen sei. Aber es habe diese Episode in der Biografie der Frau gegeben.

  • 16 Uhr: Die Konferenz beginnt  

    Staatsanwalt begrüsst die Anwesenden. Es handle sich bei der Täterin um eine 41-jährige Rechtsanwältin, die in Lörrach lebte und eine Kanzlei führte. Ihr getötetes Kind weise keine Schussverletzungen auf, jedoch Spuren von stumpfer Gewalteinwirkung. Der getötete Mann, der getrennte lebende Ehemann der Täterin, weise Schussverletzungen auf. Der getötete Pfleger im nahen Krankenhaus weise mehrere Schuss- und Stichverletzungen auf.

  • 15.58 Uhr: vor der Konferenz  

    Im SWR spricht eine Bekannte der Täterin, die sagt, die Amokläuferin habe es nicht begreifen können, dass die Beziehung zu ihrem Mann vorbei sei. Und auch nicht, dass dieser eine neue Beziehung geführt hat. Sie müsse nervlich völlig am Ende gewesen sein.

  • 15.50 Uhr: Ausgangslage  

    Nach dem Amoklauf im baden-württembergischen Lörrach mit vier Toten und mehreren Verletzten rätselt die Polizei weiter über das Motiv der 41 Jahre alten Täterin. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einer Beziehungstat aus. Nach einem Brand in der Anwaltskanzlei der Frau waren die Leichen des getrennt lebenden Ehemannes und des gemeinsamen fünfjährigen Sohnes gefunden worden.

    Die Obduktion der Leichen sollte am Montag Aufschluss darüber liefern, ob der Mann und der Junge vor der Explosion erschossen worden waren oder durch den Brand zu Tode kamen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde die Explosion in dem Wohnhaus vermutlich durch einen Brandbeschleuniger herbeigeführt. Es wurden Kanister gefunden. Die Detonation war so heftig, dass eine Wand herausgerissen wurde. Weitere 15 Personen wurden durch Rauchgas verletzt, waren am Montag aber wieder wohlauf.

    Die Rechtsanwältin schoss im Anschluss an die Explosion auf der Strasse mit einer kleinkalibrigen Sportpistole zwei Passanten an. Einer sei in den Rücken getroffen worden, der andere habe einen Streifschuss am Kopf erlitten, teilte die Polizei mit. Danach drang die Amokläuferin im rund 150 Meter entfernten Elisabethen-Klinikum in die gynäkologische Abteilung ein und erstach dort einen Pfleger. Die Leiche des Mannes wies zudem Schussverletzungen auf. Die Polizei stoppte die Frau schliesslich mit einem tödlichen Schuss. Ob die Frau gezielt in diesen Bereich des Krankenhauses gegangen war oder verwirrt war, war am Montag unklar. Weitere Einzelheiten zu der Tat und zu den Ermittlungen wollten Polizei und Staatsanwaltschaft am Nachmittag (16.00 Uhr) bekannt geben.

    Ein Polizeisprecher sagte am Montag, dass die gynäkologische Abteilung nach der Tat weiter abgesperrt sei, der Betrieb in den weiteren Abteilungen aber weitergeführt werde. An den Eingängen gab es allerdings Personenkontrollen. Ein Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes, Seelsorger und Psychologen waren nach Polizeiangaben vor Ort. Im Elisabethenkrankenhaus sind unter anderem ein Zentrum für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie für Kinder- und Jugendmedizin unter anderem mit einer psychiatrischen und chirurgischen Abteilung untergebracht.

    Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) zeigte sich tief bestürzt nach dem Amoklauf in Lörrach. Jeder einzelne Fall sei bedrückend, sagte Rech am Montag in Lörrach. Der Minister hatte sich erst vor eineinhalb Jahren zum Amoklauf von Winnenden äussern müssen. Er sagte: «Wenn ich ganz ehrlich sein darf - auch wenn es sich nicht für eine Überschrift eignet - ich habe gedacht: Nicht schon wieder.» Rech sagte, dass es keine Ausnahmen für Anwälte beim Waffenbesitz gebe. Auf Nachfragen zur Tatwaffe wollte er sich nicht äussern. Ein Polizeisprecher sagte, es gebe keinen Zusammenhang zwischen der Anwaltstätigkeit und der Waffe. Rech sprach den Einsatzkräften grosses Lob aus. Durch ihr beherztes Eingreifen hätten sie Schlimmeres verhindert. «Es gehört schon vieles dazu, wenn man in ein Haus eindringt, in dem geschossen wird und dann so umsichtig reagiert, wie es die Polizei getan hat.» Die Einsatztaktik in Baden-Württemberg in einer solchen Lage sei die, den Tatablauf frühzeitig zu stoppen und zu unterbrechen. Auch Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm zeigte sich bestürzt über die Tat. Lörrach sei fassungslos, sagte die Oberbürgermeisterin. Zum Glück hätten die Einsatzkräfte Schlimmeres verhindern können.

Erstellt: 20.09.2010, 15:52 Uhr

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