Bach galt als Beispiel für die Vereinbarkeit von Stromproduktion und Natur

Es ist eine ökologische Katastrophe: Tausende von Fischen verendeten in einem Bündner Stausee, weil Schlamm in den Bach Spöl geschwemmt wurde. Offenbar fielen Überwachungssysteme aus.

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Durch eine Panne im Stausee Punt dal Gall im Schweizerischen Nationalpark sind am Wochenende Tausende von Fischen verendet. Wegen technischer Probleme wurde zuerst die Restwasserversorgung im Bach Spöl lahmgelegt. Danach wurde der Bach mit Schlamm überschwemmt.

Durch den Zwischenfall bei den Engadiner Kraftwerken (EKW) verendeten am Samstag Tausende von Bachforellen und andere Wasserlebewesen, wie die EKW, der Nationalpark und das Amt für Jagd und Fischerei mitteilten. Der Spöl-Bach wurde auf etwa sechs Kilometern mit Schlamm zugedeckt.

«Der Schaden ist noch nicht abschätzbar», sagte Jachen Gaudenz, Leiter Instandhaltung bei den Kraftwerken EKW. Erst die nächsten Tage dürften Klarheit bringen, was genau passiert sei und wo die Ursachen liegen.

Blockiertes Dotiersystem

Zum Unfall beigetragen haben dürfte der ausserordentlich tiefe Wasserstand im Staubecken Livigno. Der tiefe Wasserstand hatte zur Folge, dass rund um die beiden Zuflüsse Spöl und Aqua del Gallo die in Staumauernähe abgelagerten Feinsedimente mobilisiert wurden.

Fachleute vermuten, dass als Folge davon Schlamm das sogenannte Dotiersystem blockierte. Weil offenbar auch die Überwachungssysteme ausfielen, konnte die rund um die Uhr besetzte Leitstelle der EKW die Panne nicht feststellen.

Parkwächter schlugen Alarm

Das fehlende Wasser im Spöl wurde erst durch dort patrouillierende Parkwächter festgestellt, die Alarm schlugen. In der Folge musste die so genannte Grundablassschütze am Fuss der Staumauer geöffnet teilweise werden, um den Fluss wieder mit Wasser zu versorgen.

Dies hatte allerdings den Effekt, dass eine unkontrollierbare Menge Schlamm in das Bachbett des Spöls unterhalb der Staumauer Punt dal Gall bis zum Ausgleichsbecken Ova Spin geschwemmt wurde. Dies hatte für die Flora und Fauna im betroffenen Bachabschnitt katastrophale Folgen.

Fische in Turbinen

Unabhängig davon verendeten zusätzlich Tausende von Fischen, nachdem sie in Punt dal Gall in das Triebwassersystem gerieten und die Turbinen des Kraftwerks Ova Spin passierten. Wieso diese Fische in das Triebwassersystem gerieten, ist gemäss den Kraftwerkbetreibern noch nicht klar.

Als betriebliche Sofortmassnahme seitens der EKW wurde der Turbinenbetrieb in Ova Spin bis auf Weiteres eingestellt, so dass sich der Wasserspiegel im Staubecken Punt dal Gall erholen kann.

Die Engadiner Kraftwerke AG bedauerten den Vorfall «ausserordentlich». Man wolle «alles daran setzen, die Ursachen dieses Vorfalls aufzuklären und die Folgen möglichst rasch und unbürokratisch zu beseitigen».

Rückschlag für Renaturierung

Das Fischsterben im Wildbach Spöl im Nationalpark ist ein grosser Rückschlag für die Renaturierung eines typischen «Restwasser«-Bachs. Der Spöl galt bislang als Beispiel dafür, wie sich Stromproduktion und Ökologie vereinen lassen.

Eine seit 12 Jahren laufende Studie der Wasserforschungsanstalt des ETH-Bereichs Eawag am Wildbach Spöl zeigte, dass es möglich ist, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Es sollte erforscht werden, ob und wie jährliche künstliche Flutungen die natürliche Flussdynamik und Lebensgemeinschaften wieder herstellen können.

Der Bau des Livigno-Staudamms im Jahr 1970 hatte für den früheren Wildbach Spöl zur Folge, dass er zum Rinnsal wurde. Seit dem Jahr 2000 wurde nun die konstante Restwassermenge im Rahmen der Studie ein- bis dreimal pro Jahr für einige Stunden bis Tage durch künstliche Flutungen unterbrochen.

Voraussetzung war, dass dieses Regime die Stromproduktion nicht untragbar einschränkte, also übers Jahr hinweg nicht mehr Wasser abgelassen wurde als vorher.

Paradies für Bachforellen

Die Eawag-Forscher nahmen im Jahr vor den experimentellen Fluten sowie in den Folgejahren Proben der Lebewesen. Sie untersuchten die Zahl der Arten und Individuen und wie stark sie vom Wasser mitgerissen wurden.

Bis zur ökologischen Katastrophe vom Samstag herrschten im Spöl unterhalb der Livigno-Staumauer wieder Lebensbedingungen und eine Artenzusammensetzung, die für Flüsse der Region typisch sind. Zudem hatte sich die Zahl der Laichgruben von Bachforellen seit 2000 fast verdreifacht.

Für die Forscher der Eawag galt der Spöl bislang als ein Beispiel dafür, dass sich ökologische und ökonomische Interessen vereinbaren lassen. Das für die Flutungen abgelassene Wasser kann in andere Staueinrichtungen umgeleitet werden und lässt sich dort praktisch kostenneutral zur Stromproduktion nutzen.

(kle/sda)

Erstellt: 01.04.2013, 12:01 Uhr

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