«Das Basislager galt als sicher»

Der Zürcher Alpinist und Arzt Oswald Oelz kennt den Mount Everest bestens. Gefahr ortet er nicht am Unglücksort, sondern in der Naivität vieler Touristen.

Das Beben löste Lawinen aus: Eine verletzte Person wird im Basislager am Mount Everest evakuiert. Foto: Roberto Schmidt (AFP)

Das Beben löste Lawinen aus: Eine verletzte Person wird im Basislager am Mount Everest evakuiert. Foto: Roberto Schmidt (AFP)

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Als vor einem Jahr eine Lawine am Everest 16 Sherpas tötete, sprachen Sie von einem «statistischen Ereignis, das von der Dimension her nichts Besonderes» sei. Wovon sprechen Sie heute?
Was am Samstag passierte, ist für Nepal eine Jahrhundertkatastrophe. Ein Erdbeben dieser Stärke ereignet sich dort gemäss Fachleuten alle hundert Jahre. Es löste eine Riesenlawine aus, die Teile des Basislagers zerstörte.

Wieso sprachen Sie vor einem Jahr von einem «statistischen Ereignis»?
16 Sherpas kamen beim Khumbu-Eisfall um. Es stellte sich die Frage, ob diese Schlüsselstelle instabiler geworden ist. Das müssen Glaziologen beantworten. Doch bereits die Schweizer, die 1956 die Zweitbesteigung des Everest machten, waren sich der Gefahren im Eisfall ­bewusst. Sie sprengten Eistürme. Eine Sonderlichkeit des Schweizer Militärs. 1963 wurde dort der Amerikaner Jake Breitenbach Opfer eines kollabierenden Eisturms. Seither passierte Ähnliches mit grosser Regelmässigkeit. Mehr Tote gibt es aber vor allem, weil immer mehr Menschen dort unterwegs sind.

Sie haben die Stelle selber durchquert. Haben Sie Gefahren erlebt?
Oh ja. 1978 gingen wir links durch den drei Kilometer langen Eisfall. Wir präparierten unsere Wege selber. Es gab noch keine sogenannten Eisfalldoktoren. Das sind Sherpas, die heute für Touristen Wege bauen. Hinter uns trugen Sherpas Lasten hoch. Kaum hatten wir eine Spaltenzone passiert, lag ein leises Wimmern in der Luft. Für eine Sekunde oder zwei. Es gab ein wenig Eisstaub. Das Areal kollabierte. Wären wir eine Minute später dran gewesen, wären wir verschwunden. Wir verloren einen Sherpa: Dawa Nuru fand dort sein eisiges Grab.

Die tödliche Lawine vom Samstag traf das Basislager unter dem Eisfall.
Ja, es liegt mindestens 500 Meter unterhalb. Manchmal gibt es Staub von Eis­lawinen. Aber es ist noch nie getroffen worden. Und es galt als sicher.

Lässt sich das Basislager verlegen?
Ja, nach unten. Aber ob man das macht? Es ist fast eine Stadt – mit Bars, angeblich Bordellen, Internetcafés, es gibt alles. Es ist ein Riesengeschäft.

Bergsteiger befinden sich nun noch in höheren Camps. Können sie absteigen?
Der Eisfall ist nun noch instabiler als normalerweise. Hinzu kommt das Risiko von Nachbeben. Die Situation ist hochgefährlich. Ich nehme an, dass man versucht, die Touristen herunterzufliegen.

Unter den heutigen Everest-Touristen gibt es wenig gute Bergsteiger. Sonst könnte man auch absteigen, wenn die Wege zerstört sind. Dafür muss man Eistechnik, Abseilen oder Spaltenüberquerungen beherrschen. Viele Touristen haben diese Fähigkeiten nicht und sind auf Sherpas und fertige Wege angewiesen.

Wie hoch kann man fliegen?
Wenn das Wetter gut ist, erreichen ­Helikopter Camp 1 oberhalb des Eisfalls problemlos. Vergangenes Jahr, kurz nach dem Tod der 16 Sherpas, haben sich Chinesinnen dorthin fliegen lassen und sind dann auf den Gipfel gestiegen.

Ihre Stimme stockt. Weshalb?
Ich finde dies das Hinterletzte. Es ist ein völlig kaltblütiges Verhalten, nachdem 16 Menschen starben. Zudem widerspricht es der Idee des Bergsteigens. Warum baut man nicht eine Seilbahn bis zum Gipfel?

Alpinisten sitzen nun auch in oberen Camps fest, die Helikopter nicht erreichen. Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen sie?
Sie können höhenkrank werden. Der Weg vom Camp 2 zum Camp 1 führt aber durch ein relativ flaches Tal. Der Abstieg ist normalerweise kein Probleme.

Man kann auch von Norden, über Tibet, auf den Everest steigen.
Das ist sicherer und alpinistisch mindestens so interessant. Der Schweizer Organisator Kari Kobler bietet nur noch die Nordroute an. Aber sie ist ein wenig anstrengender. Wobei: Beidseits wird man von Sherpas gezogen und gestossen, wenn man genug Geld dabei hat.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.04.2015, 07:37 Uhr)

Oswald Oelz

Der 72-Jährige war Chefarzt am Zürcher Triemlispital. Als Bergsteiger und medizinischer Forscher nahm er an mehreren Himalaja­expeditionen teil.

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